{"id":1868,"date":"2010-11-13T15:36:10","date_gmt":"2010-11-13T13:36:10","guid":{"rendered":"http:\/\/de.instergod.ru\/?p=1868"},"modified":"2025-03-24T18:36:51","modified_gmt":"2025-03-24T16:36:51","slug":"lichnoe-mnenie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instergod.ru\/de\/lichnoe-mnenie\/","title":{"rendered":"Privatmeinung zur \u00dcbergabe einiger ostpreu\u00dfischer Kulturdenkm\u00e4ler an die Russische Orthodoxe Kirche"},"content":{"rendered":"<p>Die Abstimmung der K\u00f6nigsberger Duma am 28. Oktober 2010 zur \u00dcbertragung einer Reihe von Kultureinrichtungen an die Russisch-Orthodoxe Kirche stellt die Kunst- und Kulturschaffende von ganz Ru\u00dfland vor eine grunds\u00e4tzliche Frage, eine nach dem k\u00fcnftigen Gang der Heimatgeschicke. Kann es sein, da\u00df der weltliche Sowjetstaat der orthodoxen  Reaktion Platz mache, anstatt der in  der Verfassung verbrieften Gewissensfreiheit und der Gleichheit aller religi\u00f6sen Organisationen vor dem Gesetz?<\/p>\n<p><!--more-->Ru\u00dfland  ist ein Bundesstaat aus Hunderte von Ethnien, unz\u00e4hligen Kulturen, eine jede mit  ihren eigenen Sprache, Brauchtum, Geschichte und Glaube. Achtung des \u00f6rtlichen Kulturkontexts ist hier von eminenter Bedeutung, nur durch sie k\u00f6nne man zu allseitigem Nutzen in der Gemeinschaft leben, ob in der Hauptstadt oder in der Provinz. Republikanisch von der Verfassung, r\u00e4umt Ru\u00dfland ihren B\u00fcrger das Recht ein, eigenst\u00fcndig ihre wirtschaftliche und kulturelle Geschicke mittels w\u00e4hlbarer Gremien,  Verordnungen und Gesetze zu bestimmen.<\/p>\n<p>So aber, wie die Abstimmung der Duma es will, h\u00f6rt die K\u00f6nigsberger Provinz auf, <em>&#8222;Ru\u00dflands Gesandter inmitten der EU&#8220;<\/em> zu sein, oder gar <em>&#8222;freie Wirtschaftszone&#8220;<\/em> \u2014 sie\u00a0 wird wieder ein <em>&#8222;wehrhafter Au\u00dfenposten&#8220;<\/em>, eine Trutzburg zum Schutze nationalen Grenzen. Hatten wir dessen zu Sowjetzeit bis 1990 nicht genug?<\/p>\n<p>Ganz verheerend wirkt sich diese \u00dcbertragung auf die momentanen Betreiber der ausgew\u00e4hlten Bauten aus.<br \/>\nVorbei die Zusammenarbeit \u00fcber Grenzen hinweg, obgleich sie allein es verm\u00f6ge, geordnete Entwicklung und Erhaltung von Denkm\u00e4lern einzuleiten, auch jener mit so verwickelten Geschichte wie bei der Burg Insterburg.<br \/>\nVorbei das zarte Wachsen der unter einer enormen Kraftanstrengung der Aktiven zustandegekommenen Restaurierung der Burg nach allen Regeln der Wissenschaft. Wie wenn nicht durch sie h\u00e4tte die Politikerschuld an der Zerst\u00f6rung preu\u00fcischer Denkm\u00e4ler bis in die 1960er hinein abgegolten werden k\u00f6nnen?<br \/>\nVorbei die Bem\u00fchungen um gutmenschliche Beziehungen zwischen den Gl\u00e4ubigen aller Konfessionen. Man stelle sich nur die deutschen Protestanten vor, die auf Besuch in ihre Heimatstadt kommen, nur um zu  erfahen, die Burg sei nun kirchlich! Man stelle sich nur die anderen Glaubensrichtungen vor, denen Bewu\u00dft wird, wie im Vorgriff  auf die Verabschiedung des Gesetzes, welches die Anspr\u00fcche aller Religionen zum Gegenstand hat, eils die \u00dcbertragung aller Geb\u00e4ude, ganz egal wem sie vor 1917 geh\u00f6rten, einzig und allein auf die Orthodoxie durchgeboxt wird. Ein jeder Russe blicke dieses Spielchen durch \u2014 man stellen sich ihre Meinung nur vor!<br \/>\nEs ist nur noch besch\u00e4mend, nur noch unw\u00fcrdig&#8230;<\/p>\n<p>Indem der Staat die Burgen Ostpreu\u00dfens, mit ihrem eindeutigen Geschichtswert, in den Eigentum der Kirche \u00fcbertrage, stelle er nur die eigene Unzul\u00e4nglichkeit deutlich zur Schau, die Unf\u00e4higkeit, aus ihnen Kultur- und Touristikmagnete zu machen. Solcherlei der Kirche \u00fcbereignend, wird der Staat auch seiner Kulturfunktionen los! Die Kirche mag ja die Jetztnutzer weiter in den R\u00e4umen verbleiben lassen \u2014 ihrer T\u00e4tigkeit aber sind diese weltlichen Institute wesensfremd: die Kirche wird also eine <em>pro forma <\/em>Eigent\u00fcmerin, Verwalterin, Lokistikerin usw. Da ist der Schritt kurz, bis sie auch weitere Felder sich aneigne \u2014 und dies hatten wir bereits auch: die Umlagen, die Kaufladen, die Schwarzen Hundertschaften&#8230; irgendwie gehen sie einander stets einher.<\/p>\n<p>Man scheue sich nicht, einen Blick in die der Kirche ureigene Geschichte zu blicken, etwa ins 15.-16.  Jahrhundert, als erbittert gestritten wurde zwischen den sogenannten Josephiten und den Armen Br\u00fcdern. Damalige Frage ist uns nicht fremd: solle die Kirche G\u00fcter anh\u00e4ufen oder sich um den Seelenheil und Bildung k\u00fcmmern? An dieser Frage schieden sich die Geister, scheidet sich die russische Kultur. Die Antwort der Gro\u00dfen der Vergangenheit ist uns dabei durchaus klar. Doch heute scheint man unter dem Deckmantelchen der R\u00fcckerstattung und der Wiederauferstehung zu einer anderen Antwort zu neigen.<\/p>\n<p>Die  Geschichte hat f\u00fcr uns einen anderen Vergleich parat: die gr\u00f6\u00dften Reicht\u00fcmer besa\u00df die Ostkirche in der zweiten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts \u2014 unmittelbar vor den petrinischen Reformen, die die Kirche arg gerupft. Dies stelle uns vor der weiteren Entscheidung: war Peter I. etwa im Recht, der  kirchlichen Autorit\u00e4t einen Riegel vorzuschieben \u2014 oder war es f\u00fcr die Menschen sch\u00e4dlich?..<br \/>\nHeute erleben wir staatliche Beihilfen in einem Bereich, der dem Glauben in keinster Weise n\u00fctzlich sei: so, als h\u00e4tte man der Kirche einen Stadion oder eine Brauerei \u00fcbereignet.<\/p>\n<p>Politisch wird die Orthodoxie in den letzten Jahren gest\u00e4rkt, sozial und kulturell baut sie einen R\u00fcckstandauf: die Bedeutungssteigerung ist nichts als hohle Phrase! Man brauche sich nur im Ostpreu\u00dfischen umzuschauen.<br \/>\nNur durch die Hast, der Region einen orthodoxen Stempel aufzudr\u00fccken, sind so blamable die unzul\u00e4ngliche stadtbauk\u00fcnstlerische Werke wie die riesige K\u00f6nigsberger Erl\u00f6serkathedrale zu erkl\u00e4ren, oder das Stadtbild des Heiligen Nikolau, das blanke Schwert zeigend \u2014 und unmittelbar vor einen anderen Denkmal gestellt. Wahrlich ein Zeichen des kommenden Neuen! \u00c4hnlich hastig sind die heutigen Schritte zur Vermehrung des kirchlichen Grundbesitzes, und die gr\u00f6\u00dflichen Ph\u00e4nome der neuzeitigen Kirchenkommerz der Orthodoxie: keine atheistische Propaganda war wirkungsvoller, als der Anblick des Fuhrparks des Patriarchen! Die Kirche wird politisch, und das l\u00e4\u00dft B\u00f6ses f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Freiheiten ahnen.<\/p>\n<p>Die Unzul\u00e4nglichkeit der versuchten Einf\u00fchrung des &#8222;einzig wahren&#8220; Orthodoxielehrbuchs in den Religionsunterricht ist uns allen noch gegenw\u00e4rtig: eine Welle der Proteste schl\u00e4gt den Bef\u00fchrwortern dessen entgegen. Verschiedene Glaubensgruppen sollten frei nebeneinander her existieren, ohne gegenseitig Angst vor \u00dcberfremdung oder falschem Gedankengut zu sch\u00e4ren: durch Arbeit an der Vergangenheit und Tradition, durch Pflege und Bildung erreichen sie weit eher des Volkes Zuneigung. <em>&#8222;Und solle ein jeder nach seinem Glauben den Lohn erhalten.&#8220;<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>F\u00fcrs Jahr 2011 plante die K\u00fcnstlergruppe &#8222;ArtGeografia&#8220; mit Unterst\u00fctzung der &#8222;Dom-Samok&#8220;-Stiftung, auf dem Insterburger Burggel\u00e4nde das <strong>4. Internationale Festival\u00a0 moderner Kunst abzuhalten<\/strong>, den <strong>&#8222;Insterfest&#8220;<\/strong>. Auch die drei Feste davor, in den Jahren 2007 bis 2010, fanden dort statt. In dieser Zeit besuchten auf Einladung der Veranstalter \u00fcber 50 K\u00fcnstler, Architekten und Bildhauer die Burg Insterburg. Sie kamen aus \u00d6sterreich, aus Gro\u00dfbritannien, Schweden, Finnland, Deutschland und mehreren St\u00e4dten Ru\u00dflands. Projekte sind aus dem Festival-Anla\u00df umgesetzt worden, die vom k\u00fcnstlerischen Umgang mit den ostpreu\u00dfischen Erbe zeugen, und insbesondere mit dem Erbe Insterburgs. An die 500 G\u00e4ste kommen zum Festival, Laien wie Profis aus der ganzen Region nehmen an ihm Teil. Ohne Vorbild und ohne Nachahmung ist die Veranstaltung, die Jugend aus den vernachl\u00e4ssigten Kreisen an die moderne Kunst heranf\u00fchre, die Insterburger wie die K\u00f6nigsberger mit den aktuellen Kunststr\u00f6mungen der Welt vertraut mache. Aus dem Kalender der Burgstiftung ist das Festival moderner Kunst nicht wegzudenken \u2014 wie auch viele andere Festivals, Konferenzen und Seminare des Kulturzentrums Burg Insterburg.<br \/>\nFerner war es geplant, zusammen mit der Petersburger Staatlichen Eremitage im Jahre 2011 eine <strong>Museumsnacht <\/strong>auf der Burg Insterburg abzuhalten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"https:\/\/instergod.ru\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/whitespacer.jpg\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"30\" \/>Der Eigentumswechsel stellt dies alles in Frage. Angesichts der h\u00f6chst fragw\u00fcrdiger Gerichtsverfahren, die die Kirche gegen die K\u00fcnstler der Moderne anstrebe, sehen die Kuratoren die k\u00fcnstlerische Freiheit in akuter Gefahr. Unter solchen Bedingungen einen Festival moderner Kunst abzuhalten, zumal in den R\u00e4umen, die nun der Kirche geh\u00f6ren, sei ein unzumutbares Risiko, Beschr\u00e4nkung, ja Zensur sowohl f\u00fcr die Teilnehmer, als auch f\u00fcr die Kuratoren selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dmitrij Koslow<br \/>\nKunstwissenschaftler und Kunstgeschichtler<br \/>\nKoordinator des Festivals moderner Kunst auf der Burg Insterburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abstimmung der K\u00f6nigsberger Duma am 28. Oktober 2010 zur \u00dcbertragung einer Reihe von Kultureinrichtungen an die Russisch-Orthodoxe Kirche stellt die Kunst- und Kulturschaffende von ganz Ru\u00dfland vor eine grunds\u00e4tzliche Frage, eine nach dem k\u00fcnftigen Gang der Heimatgeschicke. 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