{"id":3043,"date":"2011-09-28T20:47:57","date_gmt":"2011-09-28T18:47:57","guid":{"rendered":"http:\/\/de.instergod.ru\/?p=3043"},"modified":"2025-03-30T16:47:44","modified_gmt":"2025-03-30T14:47:44","slug":"vxodit-mif","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instergod.ru\/de\/vxodit-mif\/","title":{"rendered":"Hinein tritt der Mythos"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Betrag von Dimitri Suchin f\u00fcr &#8222;Project Baltia&#8220;-Magazin:<\/em><\/p>\n<p>\u201eUnvergessen sind eure Namen\u201c, erklang es von den Denkmalsockeln noch vor kurzem. Nun aber sind die Jahre vergangen, mit ihnen die Zeugen, manches fand sich in der Metallsammlung wieder. Die &#8222;Ewigen Flammen&#8220; haben neuerdings Schalter und werden zuweisen als \u201esatanische Flamme\u201c verschriehen: Unwissenheit und Schmutzdeutung allerorten. Was kann man dagegen tun? Der Ideenwettbewerb f\u00fcr ein modernes Denkmal f\u00fcr den General Iwan Tschernjachowskij, \u201eNEU-TSCHERNJACHOWSKIJ\u201c, in der Kaliningrader Provinz im Fr\u00fchjahr und im Sommer 2011 ausgetragen, suchte nach Antwort im Felde der modernen (und gutm\u00fctigen) Mythenbildung.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Ansatz, der hier nicht so ortsfremd w\u00e4re. Seit dem Tage an, als Insterburg 1946 zu Ehren von Tschernjachowskij gewidmet wurde, geht der Ger\u00fccht um, er w\u00e4re irgendwo hier ums Leben gekommen. Das, was die offizielle Geschichtsschreibung nicht vollst\u00e4ndig erkl\u00e4rt, wird so zum stimmigen Ganzen \u2013 w\u00e4re er nicht hier gefallen w\u00e4re, h\u00e4tte man doch kaum die Stadt nach ihm genannt? Neuerdings wird auch ein Stadtfest an Tschernjachowskijs Geburtstag gefeiert. Die \u00f6rtlichen Kommunisten sind fest davon \u00fcberzeugt, dass der General sowohl ein bedeutender Historiker w\u00e4re \u00fcberhaupt ein Stadtbewahrer. War er nicht? \u2013 kann aber noch werden! War in der Geschichte schon ein Mal geschehen; h\u00e4tte noch einer des historischen Grafen Hruotland gedacht, wenn er nicht ein von ihm abgeleitete Roland, der Verteidiger der st\u00e4dtischen Freiheiten, an jedem zweiten Rathaus gestanden h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Von hier aus ist es kein gro\u00dfer Schritt bis zur Erhebung General Chernyakhovskys zum \u201eSchutzengels\u201c im Generalsrang. Dies wohlbemerkt ist noch nicht geschehen, kaum ein Stadtbewohner von Heute kenne das \u201eRolandlied\u201c. Ihnen kam Illarion Pikin zuvor, mit einer \u00fcber den Stra\u00dfen <a style=\"font-size: revert;\" href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/insterfest\/general-xranitel.html\">schwebenden Gestalt<\/a><span style=\"font-size: revert; color: initial;\">. Sicherlich zeichenhaft, aber realistisch? Statt einem Schutzengel k\u00f6nnte da leicht ein Prallballon zum Schweben kommen. Der Autor sah dies vor und beschr\u00e4nkte sich in seinem Wettbewerbsbeitrag auf eine einzige Skizze.<\/span><\/p>\n<p>Ein \u00ab<a href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/insterfest\/arka.html\">Friedenstor<\/a>\u00bb schufen Olga Baschnina und Wjyatscheslaw L\u00fctynskij, mit Tschernjachowskij als Torw\u00e4chter oder Tor\u00f6ffner, denn dieses, gleich hinder der Soldatengrabanlage angeordnet, sollte auf ewig offen stehen: ein neuer Eingang zu einer friedlichen Landschaft. Entwerferisch sauberer w\u00e4re es, jenes Tor unbetretbar zu lassen, die angeordneten Br\u00fccklein und Versammelplatz schw\u00e4chen die Idee nur. Der Namensschwiftzug in Arial macht sie zu einer Groteske.<\/p>\n<p>Gar eine neue <a href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/insterfest\/geopodosnova.html\">Planunterlage<\/a> zeichnen Ekaterina Daniltschenko und Alexej Jakimenko, auf da\u00df die Stadt peu-a-peu zu einem Generalsportr\u00e4t werde, inklusive der Brlumenrabatte, der Pflastersteine, der Dachfalten und der Parkwege. \u00c4hnlich wollten die St\u00e4dte der Renaissance vom \u201eGoldenen Schnitts\u201c durchdrungen sein, so war auch der \u201eModulor\u201c gedacht. In\u00a0der Zeichnung zitiert, erschweren die Begriffe die Lesbarkeit nur. Dies sind interpretierende Entw\u00fcrfe, die so tun, als w\u00e4ren sie schon immer hier gewesen. Man schafft eine &#8222;neue Vergangenheit&#8220;.<\/p>\n<p>Es gab auch Vertreter der \u201eneuen Gegenwart\u201c, die nicht etwa versuchen, durch verblichene Rituale die grunds\u00e4tzliche Unzug\u00e4nglichkeit des Erinnerungsobjekts zu verdecken.\u00a0So waren die <a href=\"de.https:\/\/instergod.ru\/insterfest\/blackhoffsk.html\">schwarzen Primformen<\/a> ohne Fenster, T\u00fcr und Inhalt, von Aristarch Zifrow und Archip Poitschschi auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen aufgestellt. So war auch \u00e4hnlich positioniertes <a href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/insterfest\/prud.html\">Milit\u00e4rkenotaph<\/a> von Iri Grabm\u00fcller, wie ein neues Vineta vom Boden des Teiches aufgestiegen. Die Toten bewahren das Licht des Andenkens, die Lebenden d\u00fcrfen keinen Kranz an ihm ablegen, soda\u00df das Auf- und Abtauchen ewiglich bleibt. W\u00e4hrend die schwarzen Primformen wenigstens sprachlich mit Tschernjachowskij verwandt sind (&#8222;Tschernyj&#8220; bedeutet &#8222;Schwarz&#8220;), gibt es im Seeraster nichteinmal diesen Bezug. Seine zuleitende Treppe dezimiert ihn, die darauf sitzenden Figuren wirken tr\u00e4ge und bezugslos.<br \/>\nWohl gab es auch eine <em>\u00abneue Zukunft\u00bb<\/em>, frei von den entflogenen Geistern der Vergangenheit. Asya Damadzic, Leila Brgulya und Merima Ali\u010di\u0107 sonderten <a href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/insterfest\/3w-architecture.html\">einige Stra\u00dfenbl\u00f6cke<\/a> als Stadtmuseum ab; alles geschichtlich wertvolle sollte wohl dorthin verbracht werden. Danila Owtscharenko, Maria Maschnitzkaja, Fjodor Trotzki und Stanislaw Kaczynski zeichnen sich durch noch geringeren Fl\u00e4chenverbrauch aus: Geschichte in Gestalt alter B\u00fcsten und Heldenfiguren wird in einer Art <a href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/insterfest\/process.html\">Hochhausregal<\/a> hineingestapelt. Lebhaft kann man sich vorstellen, da\u00df auch die Bewohner den Statuen auf dem Fu\u00dfe folgteb: erst befreit man das Land von den Denkm\u00e4lern, dann von der Erinnerung an einen selbst. Gesichtsende im Namen Tschernjachowskijs? Doch Tschernjachowsk ist kein Kaliningrad, die halbe Stadt ist hier &#8222;geschichtlich wertvoll&#8220;, an Bildnissen dagegen gibt es ein Mangel. Die Autoren sahen das auch, ihre Pr\u00e4sentation stellt der hiesigen Tschernjachowskij-Statue, dem Barclay de Tolly und dem J\u00e4ger vom Wappenschild andere zur Seite: einen Judoka-Putin, einen Hitler-St\u00fcrmer, einen Stalin wie er zu Leningrad vor dem Ostseebahnhof stand, einen Napoleon aus Rouen und sogar eine fackeltragende Freiheitsstatue aus New York. Dabei gibt es in der Stadt sehr wohl noch einen Lenin, einen Napoleons und einen Peter den Gro\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Gewinnerwerke sind anderes. Da w\u00e4re eine dem Tschernjachowskij gewidmete Idealstadt am Rande der existierenden Stadt, eine Quelle kommender Erneuerung f\u00fcr Ort und Name (Sophie Panzer) \u2013 und ein k\u00e4mpferischer Zentaur, der durch die umliegenden Felder und W\u00e4ldchen streift (Ekaterina Daniltschenko). Beiden gelingt es recht gut, an die Person und an den Ort zu verweisen.<br \/>\nAltpreu\u00dfische St\u00e4dte waren Vierecke und die neue Tschernjachowskij-Stadt ist es ebenso, sie ist autark wie auch die vorherigen Neust\u00e4dte es waren. Den Ruhm Insterburgs bildeten dereinst Reitturniere \u2013 das Herzst\u00fcck der <a href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/insterfest\/novyj-chernyaxovsk.html\">neuen Stadt<\/a> ist die Pferderennbahn, um die Wohnsiedlung von Scharoun gezirkelt als w\u00e4re dies eine neu-aktikes Wettkampf-Troph\u00e4um. Reizend und umsetzbar, die Idee, doch woher die Siedlner nehmen, um das Umland zu bev\u00f6lkern? Neue Lokatoren m\u00fcssen da her.<br \/>\nNun aber kommt ein Held aus einer anderen Zeit: ein Ritter, ein K\u00fcnder, ein Sch\u00fctzer, einem Roland gleich. Ein Archetyp, dem Heute abger\u00fcckt. Zwei in einem verbindend, wie die Neustadt die Kr\u00e4fte beider Stadtepochen in sich vereinend. Er kann sogar ein Befreier vom unn\u00fctzen Altkram werden: der Panzergeneral wird zum Zentaur aus Panzerstahl und klingender Bronze, erhebt sich aus Arsenalen, in denen so manche Antiquit\u00e4t noch zu finden sein wird. Der Kolo\u00df wird sogar imstande sein, seine Stadt an einem Festtage gar zu betreten\u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-8934\" title=\"2w-Zentauri\" src=\"https:\/\/instergod.ru\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/2w-Zentauri.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"718\" \/><\/p>\n<p>Zwei L\u00f6sungen zur Auswahl, hier ein Halbgott und Heldenmentor, da eine neue Stadt aus alter Wurzel. Man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, allseitige Unterst\u00fctzung w\u00e4re ihnen sichder. Doch nichts dergleichen! Die Eiferer des sowjetischen Kanons, die ihren Mythos als Tatsache verehren, weigern sich zu sehen, auf welch\u00b4 unsteten Boden sie stehen. So verkommt der Paradeplatz am Fu\u00dfe\u00a0<a href=\"http:\/\/de.instergod.ru\/biografiya-domov\/obelisk.html\">deren Denkmals<\/a>, und die Geschichte zerrinnt selbst bei denen, die selbst noch an diesem Platze zur Parade standen. St\u00e4dtischer Denkmalschutzrat zeigte sich au\u00dferstande, \u00fcber etwas als die Vorz\u00fcge der Triumphb\u00f6gen gegen\u00fcber bestirnten Obelisken zu dozieren.<\/p>\n<p>Warten wir ab, was deren Kinder zum Thema sagen. Oder die Touristen. Oder die Fallschirmj\u00e4ger bei ihrem Sommerfest.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Betrag von Dimitri Suchin f\u00fcr &#8222;Project Baltia&#8220;-Magazin: \u201eUnvergessen sind eure Namen\u201c, erklang es von den Denkmalsockeln noch vor kurzem. Nun aber sind die Jahre vergangen, mit ihnen die Zeugen, manches fand sich in der Metallsammlung wieder. 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