{"id":85,"date":"2010-02-25T05:25:05","date_gmt":"2010-02-25T03:25:05","guid":{"rendered":"http:\/\/de.instergod.ru\/?p=85"},"modified":"2025-03-28T11:00:25","modified_gmt":"2025-03-28T09:00:25","slug":"pyostryiy-magdeburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instergod.ru\/de\/pyostryiy-magdeburg\/","title":{"rendered":"&quot;Buntes Magdeburg&quot;"},"content":{"rendered":"<p>Die Siedlung Falkenberg erbaut und den &#8222;Aufruf zum farbigen Bauen&#8220; ver\u00f6ffentlicht, ging Bruno Taut nach Magdeburg als Stadtbaurat. Die graue Festungsstadt wollte erneuert werden \u2014\u00a0daf\u00fcr war Taut der rechte Mann.<\/p>\n<p>Bald war &#8222;Buntes Magdeburg&#8220; schon in aller Munde. Im &#8222;Zentralblatt der Bauverwaltung&#8220; stand am 18.11.1922 hierzu:<strong><!--more--><\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die vor mehr als Jahresfrist in Magdeburg durch den Stadtbaurat Taut ins Leben gerufene Bewegung, das Stadtbild durch Einf\u00fcgung der Farbe zu versch\u00f6nern, erheischt eine eingehende Stellungnahme. Der Tautsche Versuch ist so weit gediehen, da\u00df es ang\u00e4ngig ist, sowohl das bisher Geleistete zu beurteilen, als sich \u00fcber die M\u00f6glichkeit der weiteren Durchf\u00fchrung Vorstellungen zu bilden.<\/p>\n<p>Die verwaltungsm\u00e4\u00dfigen Voraussetzungen f\u00fcr ein derartiges Unternehmen sind z.T. im Ortsatatut gegeben, das den Marktplatz, den &#8222;Breiten Weg&#8220; und einige andere Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze in der bekannten Weise unter Schutz und Aufsicht daf\u00fcr berufener Organe stellt. Eine weitere Voraussetzung m\u00fc\u00dfte in dem weitestgehenden Verst\u00e4ndnis und Wollen zur Mitarbeit in den Hausbesitzer-, Handwerker- und K\u00fcnstlerkreisen bestehen; dieser Wille zur Mitarbeit mu\u00df schlie\u00dflich einen festen Grund haben in der Pers\u00f6nlichkeit des Mannes, der den Taktstock bei dem gesamten Unternehmen zu schwingen unternommen hat.<\/p>\n<p>Magdeburg hatte es n\u00f6tig, sein \u00c4u\u00dferes einmal gr\u00fcndlich aufzufrischen. Reich an alten k\u00f6stlichen Baudenkm\u00e4lern, die bis auf die Zeiten Ottos des Gro\u00dfen zur\u00fcckgehen, war es auch in der Neuzeit bem\u00fcht, sich als Industrie- und Handelsstadt sowie als Verwaltungsmittetpunkt ein w\u00fcrdiges \u00e4u\u00dferes Ansehen zu geben; die Tatsache aber, da\u00df es au\u00dferdem eine Festung war, engte solche Bestrebungen erheblich ein. \u00dcberh\u00f6he Wohngeb\u00e4ude bis zu sieben Geschossen, an engen dunklen Stra\u00dfen liegend, dazu die stark in die Erscheinung tretende, leider nicht zu vermeiden gewesene \u00e4u\u00dfere Vernachl\u00e4ssigung w\u00e4hrend des Krieges machten das Bed\u00fcrfnis nach Helle, Frische, nach einem Gro\u00dfreinemachen au\u00dferordentlich dringend. Dazu kommt die auch in Magdeburg w\u00fctende Reklamepest, welche das gesamte Stadtbild verschandeln hilft. Die kr\u00e4merhaften Ank\u00fcndigungen der kleinlichsten, belanglosesten Bed\u00fcrfnisse schieben sich aufdringlich in den Gesichtskreis eines jeden hinein und \u00fcberwuchern pilzartig alles, was fr\u00fchere Geschlechter als stolzes, ehrliches Bekenntnis dessen hinterlassen haben, da\u00df sie ihre n\u00fcchtern-t\u00fcchtige Tagespflicht in einer Umgebung verrichten wollten, die auch von der Ethik ihrer Lebensauffassung Zeugnis ablegen sollte. Dies alte sch\u00f6ne Magdeburg war in seinem \u00c4u\u00dferen hierdurch sehr zu seinen Ungunsten ver\u00e4ndert. Der Gedanke, das notwendige S\u00e4ubern und Anstreichen hier zentral in die Hand zu nehmen und dabei die Farbe in den Vordergrund treten zu lassen, war durchaus nicht befremdlich. Er ist ja auch an anderer Stelle aufgetaucht und hat seit Magdeburg Schule gemacht. Das &#8222;Wie&#8220; war die gro\u00dfe Frage. Eine Stra\u00dfe, ein Platz k\u00f6nnen farbig nicht so beherrscht werden wie ein Innenraum, dessen Bildung v\u00f6llig, dessen Belichtung zum gr\u00f6\u00dften Teil in der Hand des gestaltenden K\u00fcnstlers liegt. Hier setzt die ablehnende Kritik an Tauts Pl\u00e4nen bereits ein. Man ist gew\u00f6hnt, da\u00df eine einheitliche lebhafte F\u00e4rbung der D\u00e4cher, die farbige bewu\u00dfte Betonung einiger Hauptpunkte, die geschickte Anordnung von Gr\u00fcn- und Blumenschmuck bei sonst farbig schlichter Behandlung der Platz- und Stra\u00dfenw\u00e4nde die leicht innezuhaltende Grundlage f\u00fcr eine einheitliche Farbenerschelnung des Stadtbildes abgeben mu\u00dften. Die stets wechselnde Beleuchtung unseres Himmels, die die reichsten M\u00f6glichkeiten st\u00e4ndig abwandelt wie der geschickte Beleuchtungsmeister eines Schauspiels, gen\u00fcgte den meisten, um die zur\u00fcckhaltende Farbigkeit unserer St\u00e4dte begr\u00fcndet erscheinen zu lassen. Das feinere Bed\u00fcrfnis nach Farbenreiz wurde daneben auch vom Schimmer ges\u00e4ttigt, den die Verwitterung in reichem Wechsel auf Mauern und D\u00e4chern hervorruft. Auch Magdeburgs alte T\u00fcrme z. B. gewinnen in einem f\u00fcr Farbenreize empf\u00e4nglichen Auge den Glanz sanft schillernder Opale. Es bleibt zweifelhaft, ob diese zarteren Reize jetzt nicht g\u00e4nzlich durch die von Taut bevorzugten ungebrochenen kr\u00e4ftigen T\u00f6ne in Gefahr sind unterdr\u00fcckt zu werden, selbst wenn die ausgleichenden Witterungseinfl\u00fcsse die neuen Hausanstriche allm\u00e4hlich abget\u00f6nt haben sollten.<\/p>\n<p>Es ist entschieden weiter ein Wagnis, das gr\u00f6\u00dften k\u00fcnstlerischen Takt erfordert, die auf die Formensprache abgestimmten Architekturen, wie sie nun einmal bestehen, vorzugsweise in ungebrochenen Farben zu bemalen. Diese ungebrochene Farbe erfordert eine Begrenzung der Fl\u00e4chen unter vornehmlicher Ber\u00fccksichtigung der Gesetze der Farben. Sind diese Fl\u00e4chen aber schon vorher ohne R\u00fccksicht auf farbige Behandlung begrenzt worden, so bleibt nur \u00fcbrig \u2014 will man an der ungebrochenen Farbe festhalten \u2014, die gegebenen Formen und Fl\u00e4chenbegrenzungen zu vergewaltigen. Man kann also etwa Pilaster, welche als einheitliche Form gedacht sind, nicht mehr einheitlich in der Farbe behandeln und opfert damit die Form. Diese Notwendigkeit tritt bei den aus der Hitzig-Zeit stammenden Architekturen st\u00e4ndig auf und f\u00fchrt leicht zu einer Mi\u00dfachtung der Architekturformen \u00fcberhaupt, was einseitig und unbegr\u00fcndet ist.<\/p>\n<p>Das Stadtbauamt macht an einigen Stellen den Versuch, diesen Kompromi\u00df zwischen Form und Farbe durch m\u00f6glichste Vielfarbigkeit zu l\u00f6sen. Wir k\u00f6nnen eine derartige H\u00e4usergruppe in der Kaiserstra\u00dfe 14\/15 sehen und gehen wohl nicht fehl, in diesem g\u00e4nzlich bunt in allen Farben des Regenbogens auftretenden Anstrich den Verst\u00e4ndigungsfrieden zu erblicken, den Taut mit Hitzig und seinen Nachfolgern zu schlie\u00dfen f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Ein Urteil ist noch nicht endg\u00fcltig zu f\u00e4llen, weil die Bemalung der Nachbarh\u00e4user noch nicht ausgef\u00fchrt und es daher noch nicht zu \u00fcbersehen ist, ob diese H\u00e4usergruppe etwa den besonders farbigen Mittelpunkt einer ruhigeren Umgebung bilden soll oder ob diese Umgebung die gleiche Behandlung erfahren soll, wie die jetzt angestrichenen H\u00e4user sie zeigen.<\/p>\n<p>An anderen Stellen der Stadt sieht man, da\u00df einige Architekten und Maler diese Formenarchitekturcn nur in gebrochenen T\u00f6nen behandeln und sich mit wenigen Farbent\u00f6nen begn\u00fcgen. Am Preu\u00dfischen Hof, Breiter Weg 155, ist der Versuch gemacht, mit ganz dunklen Grundt\u00f6nen und wenigen Farben der geschilderten Aufgabe gerecht zu werden. Auch kommen Versuche vor, ein solches Geb\u00e4ude einheitlich in einer einzigen lebhaften Farbe mit nur geringen Tonabwandlungen anzustreichen. Sehr sehenswert ist das Geb\u00e4ude der &#8222;Magdeburger Volksstimme&#8220;, welches in den Farben Schwarz-Rot-Gelb gestrichen ist. Das formal unsch\u00f6ne Geb\u00e4ude hat unleugbar gewonnen, aber nur dadurch, da\u00df die schlechte Formenarchitektur durch die Farbe einfach unterdr\u00fcckt ist. Lediglich zum Zwecke des Totschlagens formaler Unschonheiten ist es wohl geschehen, da\u00df die mit abgeschr\u00e4gten Seiten uns der Fl\u00e4che eckig und h\u00e4\u00dflich hervortretenden flankierenden beiden Erkerbauten an jeder Seite farbig anders behandelt sind, an einem Erker etwa die rechte Schr\u00e4ge gelb, die linke rot, die Mitte wieder gelb, w\u00e4hrend der Zwillingsbruder dieses Erkors seine entsprechenden Seiten in anderen Farben pr\u00e4sentiert. Die unsch\u00f6ne Erkerform wird hierdurch in ihrer k\u00f6rperlichen Erscheinung v\u00f6llig zurtlckgedr\u00e4ngt, das Haus hat gewonnen, der Kompromi\u00df bleibt f\u00fchlbar, wie auch die Absicht erst dem nachgr\u00fcbelnden Verst\u00e4nde deutlich wird. Da eine Verbesserung nicht zu leugnen ist, ist die Schuld f\u00fcr das nicht v\u00f6llig befriedigende Bild mit Recht zum gr\u00f6\u00dferen Teil auf die gescholtene Schablonenarchitektur der 80er Jahre, und das Verdienst auf Taut zu schieben. Der Witterungseinflu\u00df mu\u00df noch hinzukommen, um zwischen der Farbwirkung der alten D\u00e4cher und dem Neuanstrich der Fassaden zu vermitteln. Dies mu\u00df allgemein f\u00fcr alle Hausbemaluugen ausgesprochen werden, ebenso wie die Bef\u00fcrchtung, da\u00df die Farbenfreudigkeit in Magdeburg doch wohl in manchen F\u00e4llen sich so stark gezeigt hat, da\u00df dieser notwendige Ausgleich kaum eintreten kann.<\/p>\n<p>Es ist entschieden f\u00fcr die Beurteilung der Tautschen allgemeinen Pl\u00e4ne in dessen Sinne ung\u00fcnstig, da\u00df die Mehrzahl der Bemalungsversuche an derartigen k\u00fcnstlerisch recht schwierigen und zweifelhaften Objekten ausgef\u00fchrt werden mu\u00df, ohne da\u00df er gleichzeitig die gesamte Umgebung entsprechend umgestalten kann. Wo es f\u00fcr ihn darauf ankommt, Unsch\u00f6nes durch Farbigkeit zu verschleiern, hat sein Wirken einen mehr negativen als positiven Charakter, und es bleibt zweifelhaft, oh es richtig ist, solchem negativen Wirken einen so breiten Raum einzur\u00e4umen, als es die F\u00fclle der schlechten Architekturen der 80er Jahre in Magdeburg erheischen w\u00fcrde. Der Kompromi\u00df bleibt stets allzu deutlich, und das erstrebte einheitliehe Gesamtbild wird wahrscheinlich nicht zustande kommen. Kein Hausbesitzer in diesen selten unter dem Schutz des Ortsstatuts stehenden Stra\u00dfen kann gezwungen werden, sein Haus passend zum Nachbar zu streichen und sich hierbei des Rates des Stadtbauamts zu bedienen, besonders wenn es sich um Gesch\u00e4ftstra\u00dfen handelt, wo ein Nachbar den anderen \u00fcberschreien m\u00f6chte. So sind denn tats\u00e4chlich zahlreiche, auch von Taut offen als mi\u00dflungen bezeichnete Hausanstriche in Magdeburg zu sehen. Es ist notwendig auszusprechen, da\u00df diese angedeuteten Schwierigkeiten und Gefahren von Taut in vollem Umfange erkannt sind.<\/p>\n<p>Die alte Art des schlichten, leicht get\u00f6nten Anstrichs mit herausgehobenen Fensterkreuzen, bunten Blumenbrettern und anderen einzelnen Farbpunkten wird daher durchaus ihre Daseinsberechtigung behaupten. So werden denn auch Versuche mit einer klaren, aber schlichten Farbengehung in dem letzteren Sinne erfreulicherweise und im Zusammenwirken mit dem Stadtbauamt viel gemacht. Man geht auch dazu \u00fcber, bunte Verblendarchitekturen nur durch lebhaften sauberen Anstrich wieder aufzufrischen, ohne den Architektur- und Formen Charakter zu zerst\u00f6ren, und beschr\u00e4nkt sich dabei mehr auf Verbesserungen durch Abt\u00f6nen als durch Abt\u00f6ten.<\/p>\n<p>Ein anderes Problem ist es, guten oder ertr\u00e4glichen Architekturen durch Hinzuf\u00fcgung der Farben einen erh\u00f6hten Reiz zu verleiben.<\/p>\n<p>Taut selbst hat durch die Bemalung des Rathauses hier das tats\u00e4chlich beste Beispiel geliefert; durch geschickte Auswahl der kr\u00e4ftigen Farben ist er gleichzeitig der Formensprache der vorhandenen Architektur gerecht geworden. Farbe und Architektur erg\u00e4nzen sich gegenseitig in gl\u00fccklichster Weise zu einem harmonischen Bilde. Zwar fehlt ihm noch der dringend notwendige Rahmen, die Umgebung des Rathauses ist noch unfertig; ein anf\u00e4ngliches Befremden \u00fcber die brennroten Sockel und Pilaster, die gelben Figuren und Kapitelle schwindet schnell. Ehrlich mu\u00df man den \u00fcberdeckten Laubengang mit seiner kr\u00e4ftigen Gew\u00f6lbebemalung als sch\u00f6n und harmonisch anerkennen, und \u00fcberrascht wird jeder von der R\u00fcckseite des Rathauses sein, die trotz grellbunter Farben so wohl\u00fcberlegt und ruhig und heiter wirkt, da\u00df der Anblick nur Freude an dem gelungenen Werk ausl\u00f6sen kann. Zweifel bleiben noch offen, ob es Taut gelingen wird, auch den Platz um das Rathaus herum einheitlich zu gestalten. An der R\u00fcckseite ist es gegl\u00fcckt. Hier wirkt der Baumbestand g\u00fcnstig mit. \u00dcber den Marktplatz selbst zu sprechen, erscheint verfr\u00fcht, da hier erst ein Haus in der Umgebung des Rathauses angestrichen ist. Manche gute Hausteinfassade wird wohl dem Malerquast trotzen und in ihrer jetzigen Form und F\u00e4rbung als konstanter Faktor ber\u00fccksichtigt Isleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ein Gang durch die Westerh\u00fcser Stra\u00dfe zeigt, da\u00df diese \u00f6deste aller Kasernenstra\u00dfen durch die Hand des Malers ihr Recht, Daseinsfreude zu \u00e4u\u00dfern, wieder erhalten hat. Die Grunds\u00e4tze, die wir am Haus der Volksstimme angewendet fanden, sind hier weiter durchgef\u00fchrt und haben zu einem geschlossenen einheitlichen Stra\u00dfenbilde verarbeitet werden k\u00f6nnen. Nur an einem Hause ist man doch recht weit \u00fcber das Ziel geschossen. Es f\u00e4llt recht unangenehm aus dem Rahmen. Kritik \u00fcbte ein Kind der Stra\u00dfe, welches sagte: &#8222;Hier hat der Blitz eingeschlagen&#8220;. Die Fl\u00e4che ist tiefblau, \u00fcber die unsch\u00f6nen Gipsformen und Fenstergew\u00e4nde hinweg sind in willk\u00fcrlictier Anordnung einzelne Farbenpunkte verteilt, eine zickzackartige grellgelbe Linie zuckt von oben her sich gabelnd \u00fcber einen gro\u00dfen Teil der Fassade hinweg. Der Zweck, die &#8222;Architektur&#8220; v\u00f6llig zu unterdr\u00fccken, ist erreicht, aber erhebend ist der Erfolg an diesem Hause keineswegs. Diese Stra\u00dfe ist ein Beispiel, wie es in einer ungesch\u00fctzten Stra\u00dfe gelungen ist, ein einheitliches Vorgehen zu erzielen. Erleichtert wurde dies offenbar dadurch, da\u00df es sich hier nicht um eine Gesch\u00e4ftstra\u00dfe, sondern um eine Wohnstra\u00dfe handelte.<\/p>\n<p>Am radikalsten ist diese Aufgabe des Verschwindenlassens der Architektur beim Warenhaus Barasch angefa\u00dft worden; man hat die Architekturformen buchst\u00e4blich entfernt und die glatte Hauswand mit den viereckigen Fenster\u00f6ffnungen nach Art der Fliegerbemalung, jedoch in eckigen, durcheinandergeschobenen Fl\u00e4chen und in schmutzig-gebrochenen T\u00f6nen, bedeckt. Schon in kurzer Entfernung tritt dies Haus hinter seiner Umgebung in der Erscheinung v\u00f6llig zur\u00fcck. Nur vom Markt her, wo es das Stra\u00dfenbild abschlie\u00dft, macht es den Eindruck eines nebelartig wirkenden Theaterhintergrundes. Man k\u00f6nnte diese Leistung als negatives Rokoko bezelchnen, in dem Gedanken, da\u00df das Rokoko die \u00e4u\u00dferste Ekstase im positiven k\u00fcnstlerischen Ausdruck bedeutet, w\u00e4hrend diese Hausbemalung grunds\u00e4tzlich auf jeden k\u00fcnstlerischen Akzent verzichtet und den Grundsatz des Verneinens bis zum \u00c4u\u00dfersten treibt. M\u00f6glich, da\u00df es Absicht war, den an sich zur k\u00fcnstlerischen Hervorhebung besonders geeigneten Punkt so lange aus der Umgebung als k\u00fcnstlerischen Faktor auszuschalten, bis der Stra\u00dfenanlieger einmal in der Lage ist, etwas W\u00fcrdiges und k\u00fcnstlerisch Wertvolles dort hinzusetzen. \u2014\u00a0Diese Absicht vorausgesetzt, kann man Taut und dem Maler zu dem Erfolge nur Gl\u00fcck w\u00fcnschen. Es ist ein unscheinbares &#8222;Loch&#8220; geschaffen. Solches Handeln kann aber nicht den Weg zu positiven k\u00fcnstlerischen Zielen bilden. Es k\u00e4me vielmehr dem Selbstmord k\u00fcnstlerischen Wollens gleich, wollte man es zum altgemeinen Grundsatz erbeben. M\u00f6glich auch, da\u00df es sich hier um eines der Werke jener neuen, v\u00f6llig abstrakt sein wollenden Kunst handelt, die nur aus der innersten Gedankenwelt des K\u00fcnstlers erkl\u00e4rbar ist und sein will, ohne da\u00df das Kunstwerk selbst \u00fcber diese Gedankenwelt Aufschlu\u00df zu geben geeignet oder bem\u00fcht ist. Auch die etwaige Absicht des Hausbesitzers, mit diesem Hausanstrich Reklame zu machen, ist bis zu einem gewissen Grade erf\u00fcllt. Das Haus f\u00e4llt auf, aber durch Unscheinbarkeit, und wirkt neben nachbarlichem Tamtam in seinem absoluten Nichts immerhin als eine Art Ruhepunkt.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt spielt die R\u00fccksichtnahme Tauts auf die Reklame eine gro\u00dfe Rolle; es werden Versuche aller Art angestellt; unter anderem wird gelegentlich die schreiende Reklame als etwas Gegebenes hinzunehmen versucht, um aus dem Kunterbunt und Durcheinander eine Art Harmonie der Disharmonien zu schaffen. Ein Reklamezaun, Breiter Weg 109, d\u00fcrfte ein Beispiel daf\u00fcr sein. Es scheint hier der praktische Beweis erbracht worden zu sein, da\u00df Reklame an sich unk\u00fcnstlerisch ist und weder durch k\u00fcnstlerische Ausgestaltung, noch durch vollst\u00e4ndiges Sichauslebenlassen ihres innersten Gesetzes, des lauten Schreiens, zu einer k\u00fcnstlerischen Einheit gebracht werden kann; jedenfalls mu\u00df dies von dem Nebeneinander der Reklame verschiedener Firmen gelten. Hat eine einzelne Firma aber eine ganze Hauswand zur Verf\u00fcgung, so ist erfahrungsgem\u00e4\u00df eine gute und m\u00f6glichst schlichte Architektur stets auch gleichzeitig die wertvollste Reklame. Es scheint nicht ausgeschlossen, da\u00df dieses Beispiel des Reklamezauns doch vielen die Augen \u00fcber das Unsinnige der schreienden Reklame \u00f6ffnet. Die Absicht des Gesch\u00e4ftsmanns, dem Publikum einen Wegweiser hinzuhalten, wird bei allgemeiner Ruhe und Zur\u00fcckhaltung in der Hausreklame am besten erf\u00fcllt. Es mu\u00df aber vielen erst das unsinnige Extrem gezeigt worden, bevor sie sich auf die schlichten Mittel wieder besinnen. In diesem Sinne scheint der Tautsche Reklamezaun auch gedacht zu sein. Sehr bedauerlich ist es, da\u00df es nicht gelungen Nummer 93 ist, gelegentlich des Anstrichs zweier sch\u00f6ner alter Rokokoh\u00e4user die abschreckend h\u00e4\u00dfliche Reklame eines Optikerladens vom Breiten Weg zu entfernen; das Innere des Ladens ist so vorz\u00fcglich gelungen, das \u00c4u\u00dfere bildet den denkbar ung\u00fcnstigsten Gegensatz dazu, der auch neben der besonders guten Tautschen Au\u00dfenbemalung sehr stark in die Erscheinung tritt.<\/p>\n<p>Ein erfreuliches Bild ist schlie\u00dflich noch in der Gartenstadt Reform im Entstehen begriffen, wo Kleinsiedlungsh\u00e4user eng aneinaudergereiht sich in lustiger, fr\u00f6hlicher Buntheit zeigen, wie sie uns von unseren Bauernh\u00e4usern her mit ihrer Fachwerkbemalung bekannt ist. Es fehlt in der Magdeburger Anlage nur noch das verbindende Gr\u00fcn, um das Bild zu einer Einheit zu runden. Die gleichm\u00e4\u00dfige Ausbildung der D\u00e4cher tut bereits das ihrige, um diese Einheit jetzt schon f\u00fchlen zu lassen.<\/p>\n<p>Wer schlie\u00dflich noch eine Wanderung zum Parkrestaurant Klosterbergegarten unternimmt, wird an der bunt und freundlich bemalten Schinkelarchitektur eine freudige \u00dcberraschung erleben. Ihrer Feierlichkeit wird durch den keck-fr\u00f6hlichen Anstrich eine menschlichfrohe Note hinzugef\u00fcgt, die zu dem Zweck des Geb\u00e4udes im besten Einklang steht.<\/p>\n<p>Die Aufgabe, die sich Taut gestellt hat, ist allseitig. Sie verfolgt positive und negative Ziele, jedes an seinem Platze. Er hat weiter die M\u00f6glichkeit geschaffen, das gesamte Farbenproblem in nahezu ersch\u00f6pfender Weise zu studieren und auszuproben. Wer Magdeburg aufmerksam durchwandert, wird Taut daf\u00fcr dankbar sein. Es liegt in der umfassenden Art, wie er die Aufgabe anfa\u00dft, da\u00df die Widerspr\u00fcche aufeinandersto\u00dfen m\u00fcssen, aber nur so k\u00f6nnen gr\u00fcndliche Erfahrungen gesammelt werden. Unter diesem Gesichtspunkt m\u00fcssen auch die Entgleisungen betrachtet werden, die an sehr vielen Stellen vorgekommen sind. Aber sie sind nicht tragisch zu nehmen. Nur wer gelegentlich einmal \u00fcber die Str\u00e4nge schl\u00e4gt, lernt die Grenzen kennen, in denen er sich bewegen kann. Wer wollte es einem K\u00fcnstler daher ernstlich verargen, auch an \u00e4u\u00dfersten Beispielen die Grenzen des M\u00f6glichen feststellen oder nachpr\u00fcfen zu wollen. Das sich daneben breitmachende sensationss\u00fcchtige Philistertum wird bald erschlaffen und sich von Kampfplane zur\u00fcckziehen. Die Leistung Tauts am Rathause zeigt, da\u00df sein eigenes Streben auf Straffheit und Zucht und Achtung vor dem bestehenden Sch\u00f6nen gerichtet ist. Die Anwendung der Farbe erfordert ein festes, energisches Zugreifen und in gleicher Weise feinstes Abw\u00e4gen: sie mu\u00df gemeistert werden und hat engere Grenzen, als es den Anschein haben mag. Es wird in Magdeburg deutlich, da\u00df ein farbig einheitliches Stadtbild nur durch Vorgehen nach einheitlichem Plane geschaffen werden kann. M\u00f6ge es Taut im vereinten Arbeiten mit der K\u00fcnstlerschaft verg\u00f6nnt sein, das allgemeine Vertrauen seiner Mitb\u00fcrger zu erlangen, die Magdeburger Handwerker allm\u00e4hlich zu k\u00fcnstlerischen Grunds\u00e4tzen zu erziehen und im B\u00fcrgertum den Sinn f\u00fcr die Farbe und f\u00fcr einheitliches Handeln wieder zu erwecken. Dann wird in Magdeburg etwas Sch\u00f6nes entstehen; dann wird vielleicht auch einmal die Zeit kommen, wo es sich nicht nur mehr darum handeln wird, die Architektur zu f\u00e4rben, sondern auch die eigentliche Malerei im architektonischen Rahmen anzuwenden.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/instergod.ru\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/Neutaut.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin: 1px;\" title=\"Neutaut\" src=\"https:\/\/instergod.ru\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/Neutaut-300x206.jpg\" alt=\"\u0420\u045f\u0420\u0455\u0420\u0491-\u0420\u045e\u0420\u00b0\u0421\u0453\u0421\u201a\u0420\u00b0\" width=\"300\" height=\"206\" \/><\/a><\/p>\n<p>Heute sehen wir die Tautsche Tradition im fernen Bilibino auf der Tschukotka fortgef\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Siedlung Falkenberg erbaut und den &#8222;Aufruf zum farbigen Bauen&#8220; ver\u00f6ffentlicht, ging Bruno Taut nach Magdeburg als Stadtbaurat. 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