Seit dem 10. Juni hielt eine Gruppe von 10.-Semestlern der Kasaner Architektur-Universität ihre Vordiplom-Praktika in unserer Stadt ab, schreibt in „Polüs+TV“ Katharina Gorodnitskaja. Ihre Aufgabe war es, ein Enwurf zur Wiederherstellung des Gebäudekomplex des deutschen Architekten Hans Scharoun an der Bunten Reihe und der Kamswyker Allee. Bei einem Gespräch erzählten die Mädchen ein wenig über sich selbst, über ihre Eindrücke von der Arbeit, die sie verrichteten und der Stadt, die sie empfing.
Es sommert.
Bei prächtigem Wetter bröckelt langsam das architektonische Erbe des vergangenen Insterburg. Doch plötzlich wird diese Ruhe jäh gestürt: die kurz vorm Diplom stehenden Fachkräfte der Restaurierung, Planung und Theorie der Architektur entreißen sie aus ihrem Schlaf. Wie kamen diese netten Mädchen aus Kasan nach Insterburg?
Ihr Weg aus Tatarien nach Ostpreußen begann schon vor Zeiten, erst machten sie im Vorjahr in Gumbinnen Station, doch dies ist eine andere Geschichte. Diesmal ging alles ganz einfach vor: Alexej Oglesnew lud die Kasaner ein, ihre Sommerpraktika in die Stadt zu verlegen. Sie wiederum nahmen die Einladung an und kamen.
Alle sehen sich im Vorteil, die Stadt und auch die Praktikanten. Die Studenten hatten die Möglichkeit, die Architektur der Stadt kennen zu lernen, was sie auch anzog, sich in die Realität der praktischen Arbeit zu stürzen und schließlich einen Beleg fürs Laufzettel zu bekommen. Die Stadt sah eine Chance für einen Versuch, an die Wiederherstellung der Scharounschen Bauten zu treten. Schließlich liegt der Wunsch nahe, sie der UNESCO-Kommission vorzulegen, auf daß sie als Architekturdenkmäler anerkannt werden. Und selbst wenn nicht — eine Grundlage für einen Restaurierungsentwurf haben sie mit ihren Tun geschaffen.
Der erste Eindruck von der Stadt war für die Studenten nicht eindeutig, zu groß war der Sprung. Von einer Metropole kamen sie in die Provinz, aus einem russisch-tatarischen Kulturgemisch in ein russisch-europäisches Feld: allzu einfach war es nicht, sich auf einen anderen Lebensstil umzustellen. Kein Gedränge, an den sie sich gewohnt, kein Getös, aber auch kein heißes Wasser (!); kurze Laufstrecken und knappes Freizeitangebot (!), andersartige Architektur und auch Menschen — das wären in etwa die Hauptunterschiede, die die Mädchen feststellten. Durch Arbeit an den Bauten, durch Stadtwanderungen und durchs Freundschaftsschließen mit den Burgbewohnern meisterten sie diese Hürden und fanden das Leben hier am Ende doch ganz erträglich.
Was die Aufgabe anbetrifft, so gab es viel zu tun, und das in der knapperen Zeit, als es beim Studium sei, doch zu meistern war sie, nicht umsonst habe man 5 Jahre die Hochschulbank gedruckt. Dazu kam, daß die Bauten recht gut erhalten waren. Ihre Farben konnten die Studenten anhand der Fassadenreste erraten, und die konstruktiven Veränderungen waren gering: hie räumte einer den Ofen weg, da mauerte ein anderer ein Fenster zu — Kleinlichkeiten, verglichen z.B. mit der Rekonstruktion eies vollständig ruinierten Baues. Die größte Hürde war mit einem abgerissenen Haus zu meistern, doch auch seine Gestalt scheint die Jugend gut entschlüsselt zu haben.
Der Umgang der in den verstrichenen 55 Praxistagen geleisteten Arbeit ist enorm: Aufmaß, Skizzen, Bestandsuntersuchungen, Ausarbeitung von Plänen, Datensortierung und -Bearbeitung… Sie alle wurden auf der Burg durchgeführt, wo aus diesem Anlaß eigens ein Internetanschluß verlegt wurde. Und das Ergebnis ist sehenswert: ein Vorentwurf für die Restaurierung der Studienobjekte, sogar in mehreren Varianten. Sie müssen nur noch die nötige Begleitpapiere verfassen und die amtlichen Schreiben, die mit ihnen zusammen der Stadtverwaltung übergeben werden.
Selbst sind die Studenten mit der geleisteten Arbeit zufrieden, es war eine großartige Erfahrung für sie: ihr Werk scheint zu gefallen.
Von Zeit zu Zeit komme es vor, daß Studienarbeiten ihren Weg in die Praxis finden. Ob das den Kasanern mit dem Insterburger Entwurf auch gelinge, ist ungewiß. Viel zu vieles könne dies beeinflüssen. Doch diesen Entwurf gebe es schon, vielleicht nicht vollständig, vielleicht nur als Grundlage: es gebe ihn schon! Die jungen Architekten meisterten die ihnen gestellte Aufgabe. Nun liege es in den anderen Händen, eine Entscheidung über die Umsetzung des Projektes zu treffen.

