Lokalisierung 10. August

In den letzten Jahren kam eine neue Gattung der Architekturaktivitäten zu ihrer Blüte: die Workshop-Seminare. Dutzende, gar Hunderte junger energischer Architekten kommen an einem bestimmten Ort für eine oder zwei Wochen zusammen um sich zu treffen, sich auszutauschen, von einander zu lernen. Einige sind einmalig, andere regelmäßig, und alle sind sie viel an der Zahl. Zu den bekanntesten gehören die EASA, das SESAM, die Kaya, die „Goroda“, das „Archstojanije“ usw. In gewissem Sinne sind sie den Freilichtkünstler-Treffern ähnlich, den kleinen Musik- und Theaterfestivals, nur daß die Architekten, ihrem Beruf enbtsprechend, nicht in der Stadt, sondern mit der Stadt arbeiten. Für sie ist die Stadt ihr Mutterboden, auf dem die tollsten Projekte gedeihen; ihr Prototyp, den sie erforschen um im Beruf weiterzukommen.

Normalerweise benutzt man beim Workshop die üblichen Architekturwerkzeuge, um mit der Stadt zu kommunizieren: Karten, Aufnahmen, Messzeichnungen, Fotos und Feldstudien, aber auch moderne Medien: Tonaufnahmen, Melder und Anlagen der Funkübertragung, freie GIS-Daten und Infografiken. Allerdings liefern diese Werkzeuge keine allumfassende Wiedergabe des städtischen Geschehens. Materielle Grenzen und Barrieren, Straßen, Mauern und Häuser, Flüsse und Verkehrsströme werden aufgenommen, doch vieles andere zugleich nedgiert: die Individuen und ihre Gemeinschaften. Nicht als eine Einheitzsmasse, diese wird relativ leicht statistisch gefaßt, sondern als Träger von Ideen und Gedanken, von Hoffnungen und Ängsten. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die in den Städten weilenden Workshops nicht von den Stars der Architektur wie Norman Foster oder Zaha Hadid, die gerne dafür kritisiert werden, daß sie den Städten, in denen sie nichteinmal eine einzige Woche verlebt, formal vollkommene Projekte auftischen — meilenweit von den Wünschen und Hoffnungen der Einwohner. Kann dies der Grund sein, weswegen die Workshops zum Wiederaufbau und zur Entwicklung der Städte für gewöhnlich keine einzige Spur an den Orten hinterlassen, wo sie abgehalten? Reist der Entwerfer ab, vergessen die Anwohner die fremden Projekten alsbald… Kann es eine Werkstatt geben, deren Ergebnisse von den Einheimischen angeeignet werden und ihr eigenes Leben gewinnen, in Fahrt bleiben selbst nach dem Workshop-Ende?

Eine jeder Stadt hat jene oder andere Aktive, die danach streben, einen EIGENEN Platz in der Stadt zu erhalten oder zu sichern. Dies können kleine Theater sein, Musiker-Gemeinschaften oder Musikliebhaber, Interessengruppen oder Bürgerbewegungen vom sozialen oder ökologischen Schlage, Bildungsgruppen und alternative Pädagogen. Sie bringen die meist lebendigen und aktiven Bürger zusammen, sind aber zugleich nicht nur vom äußeren Blick, sondern auch von den anderen Bewohnern der Stadt versteckt. Sie sitzen an dunklen und schlecht geeigneten Räumen. Wie wäre es, wenn ihnen die Hilfe von Berufsarchitekten bei der Entwicklung und Aneignung der freien, leerstehenden, zu keiner weiterten Nutzung passenden Gebäuden angeboten werde? In der heutigen Welt ist die Architektursprache eine der besten Möglichkeiten, die eigene Botschaft zu verkünden. Die Verwandlung eines mir-nichts-dir-nichts Unraumes oder Unbaues in etwas eigenes, architektonisch bedachtes, die Interessen einer Gemeinschaft zum Ausdruck bringendes und für ihr Tun passendes ist ein Wandel, der sowohl für die bedachte Gemeinschaft, als auch für die Stadt vom Nutzen sei. Die Nutzergruppe werde gestärkt und gewinne an Anziehungskraft für neue Teilnehmer und Sympatisanten, erhalte einen Wahrzeichen, einen Sonderraum, welches an die Städter seine Kraft ausschenke.

Einst bekämpften sich die Profis und die Aktiven, statt miteinander zu kooperieren, doch in den letzten Jahren schreibe in den Kleinstädten in den USA die Architektengruppe „Rural Studio“ erfolgreich Geschichte, in Spanien hilft der Architekt Santiago Chirgueda den lokalen Gemeinschaften — in diesem Jahr bietet eine Gruppe junger Architekten und Wissenschaftler aus Rußland, Weißrußland, Deutschland und den Niederlanden, zusammen mit einer Reihe von Soziologen und Stadtentwicklern bieten ihre Hilfe den Gemeinschaften der Stadt Insterburg an.

Was sei eine Visualisierung und wie helfe sie bei der Entwicklung einer Gemeinschaft? Was ist die Voraussicht und ein Bild-Attraktor? Wo bekomme man einen Raum für seine Gemeinschaft und wie sehe es aus? Wie die Interessen Ihrer Gemeinschaft mit den Interessen der Stadtbehörden vereinen? Wie die Volontäre für die gemeinnützigen Projekte finden oder die Investoren für die kommerziellen Projekte ans Land ziehen? Die Antworten auf diese und andere Fragen bekomme man beim „Lokalisierung“-Workshop, zu Insterburg vom 16. bis zum 21. August als Teil des „insterJAHRes“ geplant.

Ein Architekturstudio aus den Mitgliedern des Workshops wird seine Zelte im ehemaligen Insterburger Burgstall aufschlagen. Während der fünf Tage wird es sich abends ab sechs Uhr in ein Architekturcafé und Debattierclub verwandeln, offen für jeden mit Interesse an der Entwicklung der Stadt, ihrer Gemeinschaften, ihrer Selbstverwaltung und ihrer Kultur. Wer will, kann ein Training in der Präsentation ihrer jeweiligen Gemeinschaft durchlaufen, im Aufbau von strategischen Plänen und Gemeinschaftsnetzwerken. Jeden Abend wird diese oder andere Insterburger Gruppe sich selbst präsentieren, einer der Workshop-Lehrer einen Vortrag halten, die Wege der architektonischen Vertretung jener Gemeinschaften beraten und ein Film oder eine andere Präsentation zum Diskussionsthema angeboten: freie Rede inbegriffen.

Am darauffolgenden Tag werden die Mitglieder der Gemeinschaft Skizzen zur Umwandlung eines der leerstehenden Gebäuden in der Stadt zeichnen oder zum Bau eines neuen Baues, je nach dem, was die die Dispute am Abend davor ergaben. Alle Projekte des Workshops werden der Verwaltung und die Bevölkerung der Stadt vorgestellt. Danach werden sie an die mit-urhebende Gemeinschaften zur Weiterentwicklung übergeben, während die Architekten und andere Fachleute der Workshops die besten von ihnen auch weiterhin betreue, nunmehr über das Internet.

Um ihre Gemeinschaft als einen Gast des Abends im Architekturcafé anzumelden und eine Skizze zum Bau- oder Raumentwurf für ihrte Gemeinschaft zu erhalten, senden Sie bitte eine kurze Beschreibung ihrer.

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