Zeitens der Berliner Baufachmesse „Bautec“ fand am 17.02.2010 ein von der Berliner Architektenkammer veranstaltetes Symposium „Siedlungen der Moderne und ihre Zukunft — Kulturerbe in Berlin und Ost-Europa„ statt. Berlin ist für solche Veranstaltungen prädestiniert: sechs Siedlungen der Berliner Moderne aus den Jahren 1910—1930 sind 2009 zum UNESCO-Welterbe erklärt worden; naheliegend ist auch das Interesse der „insterJAHR“-Beauftragten an der Veranstaltung, nahmen doch die angekündigten Vortragsthemen vieles vom geplanten Fachkolloquium in Tschernjachowsk vorweg.
Die Erwartungen wurden rundweg erfüllt.
Mit den Grußwörtern des Präsidenten der Berliner Architektenkammer, Herrn Klaus Meier-Hartmann, Vertreterin des Berliner Landeskonservators, Frau Dr. Anna Odenthal und Dr. Jens Karstedt, dem Präsidenten der Berliner Baukammer fing die Versammlung an. Bauingenieure, Denkmalschützer und Architekten zeigten sich in ihrer Herangehendweise an die Geschichte vereint; Dr. Karstedt unterstrich besonders, daß auch und gerade die Bauingenieure hier gemeinsam mitziehen und im behutsamem Herangehen an bauliches Erbe keineswegs nur Erschwernisse ihrer Idealtragwerke sehen.
Dr. Norbert Mayr, ein Architekturhistoriker aus Salzburg berichtete von der Werkbundsiedlung in Wien: in den 1930er Jahren erbaut und Anfang der 1980er saniert, ist sie aufgrund der damals noch nicht bekannten Konstruktionslösungen und der unkoordinierten Herangehensweise der Stadt und einzelner Bewohner wieder sanierungsbedürftig.
Frau Anna Jagiellak aus dem Warschauer Denkmalamt sprach von den Zwischenkriegssiedlungen Warschaus und dem mühsamen Weg, sie heute erhalten zu wollen. Erfolgreiche Restaurierungs- oder Sanierungsfälle habe Warschau leider nicht aufzuweisen.
Dr. Anke Zalivako vom Lehrstuhl Baugeschichte der TU Berlin widmete sich den Wohnsiedlungen und Kommunehäusern des Leningrader und Moskauer Konstruktivismus: nur zwei solcher Siedlungen stehen in ganz Moskau unter Denkmalschutz.
Architekt Winfried Brenne, dem wir die Erhaltung der Siedlungen Bruno Tauts verdanken, nannte sein Vortrag „Architektur und Ästhetik der Berliner Moderne“: seinem eigenen Arbeiten an ihr, dem Wiedererstrahlen ihrer Farbigkeit (Tuschkastensiedlung und andere), dem Zusammenführen der Denkmalschutzbelange mit den legitimen Wünschen der Bewohner, deren Lebensstil seit der Erbauung der Häuser sich gänzlich wandelte.
Dr. Anna Odenthal vom Landesdenkmalamt Berlin setzte die letztere Thematik fort und erläuterte die Frage der Denkmalpflegepläne, erfolgreich an der Siedlung Hakenfelde und andernorts angewandt: die Denkmalämter und die Wohnungsbaugesellschaften, die die Siedlungen an die Bewohner veräußerten erarbeiteten etwas anderes ald bloße Verbotskonvolute, sondern zeigten auch Optionen auf, wie der neue Besitzer sich sein Haus oder Wohnung aneignen konnte, und wo er gemeinsam mit seinen Nachbarn agieren sollte (Grundrißfragen, Wandbemalungen usw.). Auf diese Weise sind die mit solchen Plänen versehenen Häuser durch ihre eigenen Bewohner zuverlässig geschützt und die Behörden entlastet worden.
Dr. Heinz-Rudolf Meißner und Frau Angelika Grafahrend berichteten als Bewohner und Mit-Besitzerin der UNESCO-gelisteten Hufeisen-Siedlung von der Nutzersicht auf die ihnen auferlegten Schutzverpflichtungen und die Vorteile, die dieser Zustand ihnen biete: Dr. Meßner kaufte sein Haus, weil es geschüzt war, dem Vorbesitzer war es hingegen ein Verkaufsgrund. Besonders angesprochen war die Frage des Wärmeschutzes in den Bauten, die dann Frau Eike Petersen als Vertreterin der Wohnungsbaugesellschaft aufgriff: durchs Dämmen der Dachböden und Kellerdecken ließ sich der Heizaufwand mehr als halbieren!
Lehrer des Oberstufenzentrums Knobelsdorffschule Christoph Hertz lenkte die Aufmerksamkeit der Zuhürer auf die Projekte seiner Schüler, denen die Berliner, Londoner und Römer Siedlungen des Modernismus als Lehrbeispiele für vergleichende Typen-, Technik- und Schadensstudien dienen. Nach Abschluß solcher Kurse werden die Knobelsdorff-Schüler zu Denkmalschutzassistenten und setzen ihre Ausbildungen an den Hochschulen fort.
Vorsitzender des Denkmalschutzaussschusses der Berliner Baukammer Wilfried Wolff führte beispielhaft konstruktive Lösungen vor, wie sie in den Moderne-Siedlungen vorkommen, und die modernen Eingriffe, die sich zur Behebung der aufgetretenen Mängel sich eignen (oder eben nicht).
Architektin und Energieberaterin Elke Duda erläuterte die Fragen der Energiewirtschaftlichkeit der Siedlungshäuser und der gesetzlichen Bestimmungen für sie.
Gartenarchitektin Katrin Lesser rundete die Veranstaltung mit den Fragen der Wiederherstellung der ursprünglichen beispielhaften Pflanzungen der Hufeisensiedlung ab, wo sie mit den gebauten Architekturen einst eine Einheit bildeten.
„insterJAHR“-Beauftragte Dimitri Suchin berichtete am Schluß der Veranstaltung kurz von einem ähnlichen Fachkolloquium, welches die Berliner Themen fortsetze, und lud die Teilmehmer und Zuhörer nach Nordostpreußen ein, was sogleich zu aufschlußreichen Zweigesprächen am Rande der Veranstaltung führte: einige Redner erklärten sich ohne weiteres bereit, der Einladung zu folgen. Besonderes Beachtung wurde der abschließenden Meldung zuteil, eine Scharoun-Siedlung in Insterburg sei in die Denkmalliste eingetragen worden: sei die Stadt etwa auf dem Wege, Moskau beim Denkmalschutz der Moderne zu überflügeln?
