Burglos?

Zum Schluß des „insterJAHRes“, die Jubelfanfaren noch nicht verklungen und die Hände noch wund vor soviel Schütteln, die Artikel noch nicht alle erschienen, da geschah etwas seltsames: die Burg Insterburg, Schauplatz von Vorträgen und Seminaren, von „Insterfest“ und der Geschichtskonferenz, fand sich knapp vor einer Räumung wieder.

Das Beste daran: offensichtlich geschiehe es vor großem Eifer, die Kunst- und Geschichtsdenkmäler zu erretten — war es nicht die Burggemeinschaft, die durch ihre Arbeiten in all den Jahren justament erhielt?

Am 28. Oktober übertrug die Gebiets-Duma von Kaliningrad ohne jegliche Bekanntmachung, geschweige denn Abstimmung mit den Betroffenen, 15 Baudenkmäler an die russische Orthodoxie. Geplant war die Übergabe von Kirchen — zu allgemeinen Überraschung fand sich die Burg Insterburg auch darunter.

Der Grund für den eiligen Eigentümerwechsel soll der in der Moskauer Duma zur Debatte vorliegendes Gesetz zur Rückübertragung sein: von neuen Jahr soll eine jede Glaubensgruppe ihr ehemaliges Besitz zurück einfordern können. Eine Wohltat? — wohl war sie so gemeint. Doch zu Kaliningrad machte man daraus einen Schreck.

Ein Gerücht ging um, daß Gefahr im Verzuge sei: unterlasse man dringliche Maßnahmen, kolportierte man, fallen die Kirchenbauten der Provinz, häufig von Museen oder Theatern benutzt (oder aber als Lagerhallen oder Krähenverschläge ohne einer echten Nutzung), allesamt den bösartigen Fremden in die Hände, den Katholiken und Protestanten. Diese Mär, sofort als „Revision der Potsdamer Abkommen“ gebrandmarkt, wollten die regionalen Abgeordneten einen Riegel vorschieben — und übergaben der Kaliningrad-Diözese nicht nur das Puppentheater, die Philharmonie, oder einer der Fachhochschulen, sondern auch die Burgen. Es hieß, „um sie dem satzungsmäßigen Zwecke des Empfängers zuzuführen“.

Nicht unbegründet ist die Befürchtung des Rates der Burgstiftung Insterburg, die „satzungsmäßigen Zwecke“ einer Kirche schlössen Festivals zeitgenössischer Kunst, nachgestellte Ritterkämpfe, prussischen Sitten, Kindercaroussels und Geschichtsmuseum nicht ein, denn: die Herleitung der Übertragung spricht vom einstigen „festen Haus“ des Deutschen Ordens, dem späteren Verwaltungs- und Gerichtssitz und Heimatmuseum als einem — Kloster.

Wer könnte der Experte sein, der sowas verfaßt? denn alle Archive, russisch wie deutsch, sprechen eine gänzlich andere Sprache!

Vielgelobt sind die Arbeiten der Insterburger orthodoxen Kirchengemeinde bei der Rettung der Burg Georgenburg, doch hier scheine es, als wolle ein jemand (die Duma-Sitzung sollte nichtöffentlich sein) sie gegen die anderen, und bisher durchaus freundschaftlich, ja kooperativ gesinnten Kräfte ausspielen — die schuldlosen Nicht-Orthodoxen ins Zwielicht bringen — die Bürgerinitiativen und die Kulturschaffenden abwärgen…
Wozu bloß?

Die Bürgergesellschaft Rußlands ist dem Laufstall schon längst entwachsen; gut wäre es, wenn auch die Beamtenschaft sich ihr im Wachstum anschlößџe!

In Moskau wurde beschlossen, und hier nur abgestimmt: wir müssen nach Moskau, um die Sache wieder ins Lot zu bringen. Petitionen sollen wir schreiben, konstruktive Vorschläge ausbreiten.
Man rede heutigentags doch so viel von der nötigen Modernisierung Rußlands — ohne sozio-kulturelle Neuerungen ist sie ein Witz. So lasset uns, neben einer Innovationsstadt des Ingenieurwesens, wie der Präsident sie in Skolkowo plane, eine weitere Experminentierstadt gründen, ein sozio-kulturelles Innovationszentrum in der Burg Insterburg! Denn Anfragen möglicher „Residenten“ stapeln sich bereits: aus Rußland kommen sie, aus Deutschland und auch von weiter weg…
Zur Zusammenarbeit sind wir bereit, auch mit den Ämtern; weder Lohn, noch Dienstwagen oder Amtsstube seien unsere Ziele. Ausgearbeitete Pläne und Programme liegen vor, unsere Hand ist ausgestreckt — ergreifet sie!

Alexej Ognesnew
Rat der Stiftung «Burghaus Insterburg»,
Leiter des Burgprojekts

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