Sascha Artamonowa erinnert sich im Beitrag fürs Magazin „Königstor“ an die Tage, als Professor Iwan Czeczot in Insterburg weilte, vom Smolny-Institut der freien Künste, seines Zeichens Leiter der Abteilung Geschichte und Theorie der bildenden Kunst und der Architektur des Forschungsinstitut für Kunstgeschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Damals ging er um die Stadt, und das nicht alleine: einige Studenten waren dabei, ferner ein Paar Insterburger und Königsberger. Mit dabei war Professor Jürgen Wenzel, geboren in Insterburg, wohnhaft in Berlin, samt Frau und Sohn. Er kam zum Zelebrieren eines Jahrestages, aber auch, um sich mit Vortrag und Rat am Landschaftsseminar „Beltayn“ zu beteiligen.
Ihr aller Weg ging nach dem fernen Stadtrand, in die „Bunte Reihe“ Hans Scharouns.
Jeder wußte immer schon, daß die kleinen Häuser an der heutigen Elevatorenstraße irgendwie anders seien — spätestens seit den Veröffentlichungen Gennadi Rasumnys in den 1990ern. Und in der Tat, der Abgleich der Naturbefunde mit den Akten der Berliner Akademie der Künste, des Geheimen Staatsarchivs und anderer Quellen, 2006 angefangen, bestätigte die empyrische Annahme aufs Beste! So konnte dann der Denkmalschutz für diese Bauten beantragt und im Früјhjahr 2010 bewirkt werden.
Die Häuser haben die Zeit fast unversehrt überstanden, anno 1921—1924 ist sowohl der Putz (sofern nicht durch WDVS ersetzt), als auch die Rahmen (obgleich auch hier Plaste im Anzuge sei), oder auch die Dachpfanne. Der letzteren rückt allerdigs Wellasbest auf den Leib. Doch alles im allem ist die Siedlung des Denkmalschützers liebster Traum.
Auch Sascha Artamonowa war offensichtlich beeindruckt — und wollte das Gute, was sie fand, zum Besten machen. So apostrophierte sie die Bunte Reihe als „das einzige fast vollständig erhaltene Großwerk Scharouns in ganz Europa“. Ist dem so? — mitnichten! Da vergaß die Autorin Berlin, die Siemensstadt, die Siedlung Hottengrund, das Kulturforum, um nur die wenigen zu nennen — und dabei gebe es noch Bremerhafen, Stuttgart und andere.
„Die Häuser in Scharouns Viertel stehen halbgeöffnet zur Straße, man kann erahnen, was im Hof hinterm Zaun geschene“ — dabei stehen die Bauten der Bunten Reihe, wie der Name schon sagt, in einer geschlossenen Reihe, wiewohl gewellt. In den Hof komme man von der Straße einzig durch den Kellergang, und das auch nur, weil die Bewohner die Türen vergessen abzuschließen.
Doch Kleinigkeiten beiseite, sie mögen durch beseelte Stimmung der Autorin bedingt sein: sie bereichere unser Wortschatz um ein neues Wort.
„— Czeczotten? Was sei es nur?
Nichts, was wir heute nicht täten. Am Morgen ein Film, danach seine Besprechung, weiter die Goethe-Lesung vor versammelter Runde und wieder Gespräche zum Thema, der Stadtrundgang und die Häusergeschichten, die Sichten, die Töne, die Reden…
Das alles ist das Czeczotten eben.“
