Die Abstimmung der Königsberger Duma am 28. Oktober 2010 zur Übertragung einer Reihe von Kultureinrichtungen an die Russisch-Orthodoxe Kirche stellt die Kunst- und Kulturschaffende von ganz Rußland vor eine grundsätzliche Frage, eine nach dem künftigen Gang der Heimatgeschicke. Kann es sein, daß der weltliche Sowjetstaat der orthodoxen Reaktion Platz mache, anstatt der in der Verfassung verbrieften Gewissensfreiheit und der Gleichheit aller religiösen Organisationen vor dem Gesetz?
Rußland ist ein Bundesstaat aus Hunderte von Ethnien, unzähligen Kulturen, eine jede mit ihren eigenen Sprache, Brauchtum, Geschichte und Glaube. Achtung des örtlichen Kulturkontexts ist hier von eminenter Bedeutung, nur durch sie könne man zu allseitigem Nutzen in der Gemeinschaft leben, ob in der Hauptstadt oder in der Provinz. Republikanisch von der Verfassung, räumt Rußland ihren Bürger das Recht ein, eigenstündig ihre wirtschaftliche und kulturelle Geschicke mittels wählbarer Gremien, Verordnungen und Gesetze zu bestimmen.
So aber, wie die Abstimmung der Duma es will, hört die Königsberger Provinz auf, „Rußlands Gesandter inmitten der EU“ zu sein, oder gar „freie Wirtschaftszone“ — sie wird wieder ein „wehrhafter Außenposten“, eine Trutzburg zum Schutze nationalen Grenzen. Hatten wir dessen zu Sowjetzeit bis 1990 nicht genug?
Ganz verheerend wirkt sich diese Übertragung auf die momentanen Betreiber der ausgewählten Bauten aus.
Vorbei die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg, obgleich sie allein es vermöge, geordnete Entwicklung und Erhaltung von Denkmälern einzuleiten, auch jener mit so verwickelten Geschichte wie bei der Burg Insterburg.
Vorbei das zarte Wachsen der unter einer enormen Kraftanstrengung der Aktiven zustandegekommenen Restaurierung der Burg nach allen Regeln der Wissenschaft. Wie wenn nicht durch sie hätte die Politikerschuld an der Zerstörung preuüischer Denkmäler bis in die 1960er hinein abgegolten werden können?
Vorbei die Bemühungen um gutmenschliche Beziehungen zwischen den Gläubigen aller Konfessionen. Man stelle sich nur die deutschen Protestanten vor, die auf Besuch in ihre Heimatstadt kommen, nur um zu erfahen, die Burg sei nun kirchlich! Man stelle sich nur die anderen Glaubensrichtungen vor, denen Bewußt wird, wie im Vorgriff auf die Verabschiedung des Gesetzes, welches die Ansprüche aller Religionen zum Gegenstand hat, eils die Übertragung aller Gebäude, ganz egal wem sie vor 1917 gehörten, einzig und allein auf die Orthodoxie durchgeboxt wird. Ein jeder Russe blicke dieses Spielchen durch — man stellen sich ihre Meinung nur vor!
Es ist nur noch beschämend, nur noch unwürdig…
Indem der Staat die Burgen Ostpreußens, mit ihrem eindeutigen Geschichtswert, in den Eigentum der Kirche übertrage, stelle er nur die eigene Unzulänglichkeit deutlich zur Schau, die Unfähigkeit, aus ihnen Kultur- und Touristikmagnete zu machen. Solcherlei der Kirche übereignend, wird der Staat auch seiner Kulturfunktionen los! Die Kirche mag ja die Jetztnutzer weiter in den Räumen verbleiben lassen — ihrer Tätigkeit aber sind diese weltlichen Institute wesensfremd: die Kirche wird also eine pro forma Eigentümerin, Verwalterin, Lokistikerin usw. Da ist der Schritt kurz, bis sie auch weitere Felder sich aneigne — und dies hatten wir bereits auch: die Umlagen, die Kaufladen, die Schwarzen Hundertschaften… irgendwie gehen sie einander stets einher.
Man scheue sich nicht, einen Blick in die der Kirche ureigene Geschichte zu blicken, etwa ins 15.-16. Jahrhundert, als erbittert gestritten wurde zwischen den sogenannten Josephiten und den Armen Brüdern. Damalige Frage ist uns nicht fremd: solle die Kirche Güter anhäufen oder sich um den Seelenheil und Bildung kümmern? An dieser Frage schieden sich die Geister, scheidet sich die russische Kultur. Die Antwort der Großen der Vergangenheit ist uns dabei durchaus klar. Doch heute scheint man unter dem Deckmantelchen der Rückerstattung und der Wiederauferstehung zu einer anderen Antwort zu neigen.
Die Geschichte hat für uns einen anderen Vergleich parat: die größten Reichtümer besaß die Ostkirche in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts — unmittelbar vor den petrinischen Reformen, die die Kirche arg gerupft. Dies stelle uns vor der weiteren Entscheidung: war Peter I. etwa im Recht, der kirchlichen Autorität einen Riegel vorzuschieben — oder war es für die Menschen schädlich?..
Heute erleben wir staatliche Beihilfen in einem Bereich, der dem Glauben in keinster Weise nützlich sei: so, als hätte man der Kirche einen Stadion oder eine Brauerei übereignet.
Politisch wird die Orthodoxie in den letzten Jahren gestärkt, sozial und kulturell baut sie einen Rückstandauf: die Bedeutungssteigerung ist nichts als hohle Phrase! Man brauche sich nur im Ostpreußischen umzuschauen.
Nur durch die Hast, der Region einen orthodoxen Stempel aufzudrücken, sind so blamable die unzulängliche stadtbaukünstlerische Werke wie die riesige Königsberger Erlöserkathedrale zu erklären, oder das Stadtbild des Heiligen Nikolau, das blanke Schwert zeigend — und unmittelbar vor einen anderen Denkmal gestellt. Wahrlich ein Zeichen des kommenden Neuen! Ähnlich hastig sind die heutigen Schritte zur Vermehrung des kirchlichen Grundbesitzes, und die größlichen Phänome der neuzeitigen Kirchenkommerz der Orthodoxie: keine atheistische Propaganda war wirkungsvoller, als der Anblick des Fuhrparks des Patriarchen! Die Kirche wird politisch, und das läßt Böses für die bürgerlichen Freiheiten ahnen.
Die Unzulänglichkeit der versuchten Einführung des „einzig wahren“ Orthodoxielehrbuchs in den Religionsunterricht ist uns allen noch gegenwärtig: eine Welle der Proteste schlägt den Beführwortern dessen entgegen. Verschiedene Glaubensgruppen sollten frei nebeneinander her existieren, ohne gegenseitig Angst vor Überfremdung oder falschem Gedankengut zu schären: durch Arbeit an der Vergangenheit und Tradition, durch Pflege und Bildung erreichen sie weit eher des Volkes Zuneigung. „Und solle ein jeder nach seinem Glauben den Lohn erhalten.“
Fürs Jahr 2011 plante die Künstlergruppe „ArtGeografia“ mit Unterstützung der „Dom-Samok“-Stiftung, auf dem Insterburger Burggelände das 4. Internationale Festival moderner Kunst abzuhalten, den „Insterfest“. Auch die drei Feste davor, in den Jahren 2007 bis 2010, fanden dort statt. In dieser Zeit besuchten auf Einladung der Veranstalter über 50 Künstler, Architekten und Bildhauer die Burg Insterburg. Sie kamen aus Österreich, aus Großbritannien, Schweden, Finnland, Deutschland und mehreren Städten Rußlands. Projekte sind aus dem Festival-Anlaß umgesetzt worden, die vom künstlerischen Umgang mit den ostpreußischen Erbe zeugen, und insbesondere mit dem Erbe Insterburgs. An die 500 Gäste kommen zum Festival, Laien wie Profis aus der ganzen Region nehmen an ihm Teil. Ohne Vorbild und ohne Nachahmung ist die Veranstaltung, die Jugend aus den vernachlässigten Kreisen an die moderne Kunst heranführe, die Insterburger wie die Königsberger mit den aktuellen Kunstströmungen der Welt vertraut mache. Aus dem Kalender der Burgstiftung ist das Festival moderner Kunst nicht wegzudenken — wie auch viele andere Festivals, Konferenzen und Seminare des Kulturzentrums Burg Insterburg.
Ferner war es geplant, zusammen mit der Petersburger Staatlichen Eremitage im Jahre 2011 eine Museumsnacht auf der Burg Insterburg abzuhalten.
Der Eigentumswechsel stellt dies alles in Frage. Angesichts der höchst fragwürdiger Gerichtsverfahren, die die Kirche gegen die Künstler der Moderne anstrebe, sehen die Kuratoren die künstlerische Freiheit in akuter Gefahr. Unter solchen Bedingungen einen Festival moderner Kunst abzuhalten, zumal in den Räumen, die nun der Kirche gehören, sei ein unzumutbares Risiko, Beschränkung, ja Zensur sowohl für die Teilnehmer, als auch für die Kuratoren selbst.
Dmitrij Koslow
Kunstwissenschaftler und Kunstgeschichtler
Koordinator des Festivals moderner Kunst auf der Burg Insterburg