Von Insterburg nach Amsterdam

Fortsetzung des Reiseberichtes der Vorsitzenden der „Bunte Reihe“-Genossenschaft Frau Olga Iwanowna Sidorenko. Teil 2 und 3.


Amsterdam grüßџte uns mit Schauerregen. Im Lichte der Nacht und der Werbelampen schien die Stadt irgendwie unwirklich, märchenhaft, mit all ihren eng aneinander gereihten Fassaden, die zum nächtlichen Himmel bizarre Zähne und Türmchen stemmten. Mich erinnerte dies sogleich an Hans Christian Andersen… doch zum Verweilen und Nachschauen hatten wir nicht die Zeit, wir konnten kaum Schritt halten mit unserem Leiter Dimitri Suchin. Er aber schulterte seine Tasche und ging geschwind zu unserem Ziele hin, dem „Merkur“-Hotel, wo „Stadherstel Amsterdam“ uns logierte und wo eine heiße Dusche auf uns wartete.
„Merkur“ liege ganz zentral, in einem rekonstruierten Altbau, sehr gemütlich, warm und sauber. In den Einzelzimmern die riesigen Doppelbetten und ganze Berge von Kissen; mein Zimmer hatte das Fenster in die schmale Straße und zum Haus gegenüber hin, zum greifen nahe. Von den Vorhängen keine Spur, statt ihrer gab es Holzjalousien.

Ganz nützlich der Hotelaufzug, ich fuhr ihn oft zu meinem dritten Stock hinauf.

Lassen Sie mich meine ersten Eindrücke von Amsterdam zusammenfassen. Morgen darauf, auf dem Wege zur Veranstaltung in der Taubenkirche, sah ich eine Stadt am Wasser: rundum Kanäle und Fahrwege an ihnen entlang, überall größere und kleinere Verbindungsbrücken.

Entlang den Ufern und an den Geländern stehen die angeketteten Fahrräder Spalier. Selten nur trifft man auf ein fahrendes Auto, die ganze Bevölkerung scheint Rad zu fahren!

Unwahrscheinlich freundliche Gesichter, ob zu Fuß oder zu Rad — keine düsteren Mienen! Und gerate man einmal in den direkten Augenkontakt, so werde man angesprochen und begrüßt. Ein Paar Mal müßte ich auf fremde Hilfe zugreifen und nach dem Wege fragen: geduldig und höflich erklärte man mir alle Details, wobei die jungeren sich insbesondere hervortaten. In den Kanälen huschten die flinken Enten mit ihren Küken, bedeutungsschwer bewegten sich die Schwäne und ließen nur den vorbeifahrenden Booten den Vortritt.

Viele Hunde gebe es in der Stadt, angeleint folgen sie ihren radfahrenden Herrchen. Keine Rassehunde, Köter gro0 und klein, aber alle gepflegt und ordentlich gekämmt.


Teil 3.

Der erste Konferenztag begann mit den Reden der Leiter und Mitarbeiter des „Stadherstel Amsterdam.“ Sie präsentierten die Ergebnisse einer 55-jährigen Tätigkeit, die Anfänge und die damaligen Rahmenbedingungen. In die 1960er hinein wurde die Innenstadt systematisch zerstört der damals vorherrschenden städtebaulichen und architektonischen Linie wegen. Die Zentrumsbewohner des wurden verdrängt, denn die Ämter planten, moderne Hochhäuser an ihrer Stelle zu errichten. Aus dem Protest, der unter den Bewohnern keimte, erwuchs letztendlich die Frucht des „Stadherstels“. Sie begann, die alte Häuser für den Abbruchwert aufzukaufen, doch dann zu restaurieren, zu sanieren und zu vermieten: so lieferten die ersten Häuser den Grundkapital für die Arbeit an den weiteren und weiteren und wieder und wieder… schon faßte man auch andere Kulturdenkmäler in den Blick, darunter auch Kirchen. Eines davon, die aus dem 18. Jahrhundert stammende „Taube“, war der Austragungsort unserer Konferenz.

Gegenüber am anderen Kanalufer, in der einzigen erhaltetet Holzkirche Amsterdams, der „Amstelkerk“ aus dem 17.-18. Jahrhundert, wurde am ersten Konferenztage ein Bankett zu Ehren der Teilnehmer abgehalten, in den nächsten Tagen ein Konzert von Studenten der Amsterdamer Musikschule, und zwischendurch die Mittagspausen. Einst war auch diese Holzkirche für den Abbruch bestimmt, doch die Firma kaufe sie auf und setzte sie instand. Heute bieten die beiden Kirchen Platz nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für Konzerte, Konferenzen, selbst Discos! Zudem ist die «Amstelkerk» zum Hauptdienstsitz des „Stadherstels“ geworden.

Beide sind der Amsterdamer Stolz, beide eine touristische Attraktion. Im Anbau an die hölzerne «Amstelkerk» fand ein Open-Air-Café Platz und vor ihm ein Spielplatz: entzückt sah ich die Kinder frei herumtollen — Wasserpumpe, Radfahren, Sandburgen bauen. Die Eltern saßџen derweil beim Kaffee, die Kinder scheinbar gar nicht mehr beachtend. Für unsere Verhältnisse mißachteten sie auch derer Kleidung: keines war vermummt, und dabei war es erst April!

Nach den Präsentationen des „Stadherstels“ kam der Bürgermeister von Amsterdam aufs Podium, er sprach von der „Phantasie, die einer Stadt Rettung sei“. Der Bürgermeister maß dem Wirken seiner Altersgenossin, der Firma, größten Wert zu. Die ist die größte auf dem Felde des Wohnungsbesitzes in historischen Bestand, und ist zudem in der Rekonstruktion dieser Bauten tätig. In den Jahren ihrer Tätigkeit verhalf sie an die 5000 Denkmälern in Amsterdam zum neuen Leben.

Das Ende des Tages markeirte der Bootsausflug durch die Grachten. Nach den heutigen Maßstäben ist Amsterdam zu klein für eine Hauptstadt: nichteinmal eine Million Einwohner nenne sie ihr eigen. Fast gänzlich stehe sie am Wasser, an über 50 Kanälen mit 500 Brücken säumen die Wohnvierteln die Ufer. Die meisten Häuser des alten Amsterdam ruhen auf hölzernen Pfahlen, denn jeder Wechsel des Wasserstandes zerstörerisch sei (bleiben sie komplett unter Wasser, so stehen sie Jahrhunderte lang unbeschadet) — uns kamen Häuser entgegen, die dem Pisaer Turm in nichts nachstanden. Die einen beugten nach vorn, die anderen nach rechts oder links, al ob sie sich an den Schultern der Nachbarn Unterstützung erhofften: fast schienen sie den Dominosteinen gleich eines nach dem anderen umkippen zu wollen — doch dem schoben die Architekten und Restauratoren einen Riegel vor. Man entwickelte eine originelle Methode, um die alten Mauern zu ertüchtigen; heute brauchen die Bewohner keine Angst mehr zu haben. Am zweiten Konferenztag zeigte man uns anhand eines baufälligen dreigeschossigen Beispielshauses mitten im Stadtherzen, wie man derlei verrichte. Die Firma erbte das Haus von einem älteren Ehepaar sein ganzes Leben darin verlebt.

Die Kinder der Familie, die eigentlichen Erbschaftnehmer, sahen sich durch das alte Haus überfordert und gaben es an „Stadherstel“ weiter. Wir stiegen in den Keller, wo eine Pumpe im Dauerbetrieb das einsickernde Wasser fortschaffte (wo der Bau noch nicht abgeschossen, war dies Punpen noch nötig) — hier waren die Bauleute dabei, das Fundament zu verstärken. Betonpfähle wurden in die Erde gegossen und in einer Betonplatte verankert; dieselbe Platte reichte bis an die Außenmauern und darüber hinaus, man schnitt rechteckige Öffnungen ins Mauerwerk und ging mit der Platte fingerartig durch sie durch. Auf diesen „Fingern“ kamen die Außenmauern neuerdings zu liegen. Dann schrritt man zu den nächsten Arbeiten und verstärkte die Kellerdecke: wie sahen die Bewehrungs-„Skelette“ von vier tragenden Säulen, die noch mit Beton ausgegossen werden.
Beim Eintritt in den zweiten Stock fühlte ich mich ganz schwindlig — alle Wände waren hier „aus dem Lot“, die eine neigte sich nach der einen Richtung, die andere nach der anderen, selbst die Decke schien schief zu sein. Die typisch holländischen hohen Fenster in hölzernen Heberahmen blickte auf die Kanäle. Die Bauleute, so erklärte man uns, bemühen sich, soviel als möglich von den alten Teilen des Hauses zu erhalten. So werden die Holzrahmen nicht etwa durch neue ersetzt, sondern restauriert. Falls nötig ersetzt man nur die Gläser, um Lärm und Kälte fern zu halten. Am Dach wird die Dämmung eingebracht und die Deckung erfolgt wieder mit Dachziegeln. Auch die Holzbalken werden restauriert und desinfiziert, nur bei extremen Verschleiß denkt man an den Ersatz ihrer. So wird durch viele punktuelle Eingriffe das Haus wieder trocken und warm, und es gebe keine Not, ihn komplett in Watte einzuwickeln. Auf moderne Annehmlichkeiten muß man dabei nicht verzichten, etwa auf die Zentralheizung (selbst wo Kamine erhalten bleiben), Toiletten und Bäder. Die Firma erbte zwei solcher Häuser, eines an der Ecke, den wir besichtigten, und ein weiteres am Kanal: nach der Sanierung wird dieses Nachbarhaus verkauft, während das Eckhaus in ihrem Besitz bleibt und vermietet wird. Beide sind Einfamilienhäuser, beide lassen hohe Rendite erwarten, der Lage wegen.

Eines der Grundprinzipien des „Stadherstel Amsterdam“ laute, mit seinen Bauten die prominenten Stellen in der Stadt zu besetzen: Eckhäuser sind dazu bestens geeignet, denn mit einem Eingriff wirke man auf zwei Straßen auf einmal! Traurig war es mir nach dieser Schau: ich dachte an die schönen und einst sehr soliden Bauten der ehemaligen deutschen Kasernen in der Gagarinstraße und der Tuchatschewski-Straße. Heute muß ich tagtäglich an ihren leeren Fensteraugen vorbei, und jeden Tag schmerzt mir das Herz — keiner kann sich an derlei gewöhnen! Noch in den 80ern, von den 50ern und 60ern sah ich diese Gebäude in voller Schönheit, mit Rasen und Blumenrabatten, und nun dies… Die Holländer retten ihre historische Stadt, indem sie ein jedes Haus sorgsam-liebevoll hegen und pflegen, selbst jene im ganz heruntergekommenen Zustand, wir aber gehen barbarisch mit unserem reichen Erbe um.

Hier noch ein Paar Beispiele des behutsamen (nach unserem Delegationsleiter D.Suchin, „geizigen“) amsterdamer Umgangs mit dem Bestand. Da gebe es in der Stadt z.B. viele Gebäude, die mit der Zeit ihren Sinn und Zweck verloren. Man nehme ein Packhaus am Ufer, mehrere Geschosse hoch: einst legten hier Schiffe an und löschten die Waren — heute ist es ein Wohnhaus, bei gleichem Aussehen! Die Ladeluken wurden zu Fenstern, die Türflügeln zu großen Fensterläden.

Hier ist eine alte genietete Brücke über den Kanal. Die Hälfte davon schnitt man ab, sicherte so die Passage größerer Boote — und baute auf dem verbliebenen Rest mit dem Namen „Die grüne Brücke“, herrliche Aussicht auf die Stadt, ihre Kanäle und vorbeiziehende Schiffe inklusive.

Bei der Bootsfahrt sahen wir etliche alte Boote an den Ufern fest vertaut liegen und als Wohnen, Hotels und Cafés umgenutzt.

Nachfolgend Amsterdam von Wasser gesehen:

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