Park der Türme

Parks waren in Ostpreußen nichts Neues: Gutsparks wie in Beinuhnen, Sportparks wie in Fischhausen, Geschichtsparks wie das Freilichtmuseum im Königsberger Zoo, Philosophen-Promenaden wie den „Schneider-Ring“. Doch selbst hier stach Insterburg hervor, mit einer Anlage die natürliche Gegebenheiten mit Unternehmertum und Generalplanung unter einen Hut brachte und so spätere Lösungen wie die Moskauer „Grünkeile“ oder den Minsker „Grün-Durchmesser“ vorwegnahm.

 

Der Deutsche Orden baute bereits ein Staudamm an der Tschernuppe und die erste Mühle darauf. Die Teiche machten sich breit, ihre Ufer wurden mit Baumpflanzungen befestigt. Darunter ließ es sich wunderbar warten: erst auf den Mahlgang, dann auf eine Erfrischung. Irgendwann ließ man den ersten Part fallen und reiste allein wegen der Erfrischung an. So ungefähr kamen die Cafés und die Promenaden zustande, hier: Schloßmühle – Schützental – Strauchmühle – Karpfenteich – Stadtwald. Die „Zentrum-Süd“-Linie.

 

Erst in der Neuzeit wandte sich die Stadt der Angerapp zu, um eine ähnliche „Ost-West-Linie“ zu begründen. Den ersten Schritt wagte man mit dem Ramm´schen Gartenrestaurant jenseits der Bleiche, doch eine feste Route kam nicht zustande.
Dann wurde die Angerapp und der Pregel von den Ruderern für sich entdeckt – das zog die Leute an. Mit dem Sängerfest an der Bernecker-Brauerei am Wasserturm konnte man bereits von einer Promenier-Tradition sprechen: von den Gaststätten der Altstadt stieg man hinunter zum Fluß, folgte dem Ufer bis zu den Bahnbrücken, und wechselte dort ins Gartenlokal des Lux vom Hotel Kronprinz. Die Rücktour war dann mit der Kutsche.

 

Die 1920er brachten Änderung mit sich. Nunmehr begann die Promenade am Alten Markt. Wo heute an der Treppe zur Bogenbrücke eine kurze Terrasse fristet, war damals der Beginn eines Weges zum neuen Stadion auf den ehemaligen Lenkeningken-Feldern. Die malerischen „Schluchten“ daran, zuvor einzig der abenteuerlustigen Jugend bekannt, wurden zu Rodelbahnen, eine Freiluft-Bühne und ein Steingarten fanden dort außerdem noch Platz. Tennisplätze gab es und Badeanstalten… und eine Jugendherberge: den Namen „Sport- und Jugendpark“ nahm man durchaus ernst.
Die 1930er begradigten die Angerapp-Schleife vor „Luxenberg“ und schufen so ein Turnierplatz. Die Schießstände hatten wieder zu leiden. Wie ein memento mori schwebte über dem Gold der hier ausgetragenen Pokale der Goldlaub des Friedhof-Hains… Die Rückkehr in die Stadt wurde auch neu geregelt: man fur Obus. Die Ruderer wiederum zogen weiter den Fluß hinauf, nach Tammowischken bis nach Rominte.

 

Jetzt ist die Lage anders, und auch die Namen.
Statt der Bleiche haben wir nun den Siegespark, und die Grünanlage muß entsprechen.
Der Stadion heißt nun „Progreß“ und will über die bloße Wiederherstellung der einstigen Spielplätze hinaus.
Und statt „Neuer Friedhof“ titeln wir „Poesiepark“: was steht dahinter? Ein neuer Name für den Friedhofsgrün?

Der Gedanke eines solchen Parks geht zurück auf das Beltine-Seminar des insterJAHRes 2010. Auf diesen folgte letztlich der 2013er Eremina-Entwurf. 2012 wurde dem Gouverneur das Konzept der „Insel Kamswykus“ vorgestellt, einer Künstler-Ansiedlung auf den Böden und in den Vorgärten der „Bunten Reihe“: auch sie wurde nicht weiter verfolgt.

 

Was erwarten wir von einem heute nach Jung und Gretschischnikow benannten Poesiepark?

  • Ein Bewahren von Kaufmanns Erbe. Alleen und Gattungen, Stadion und Luxenberg, der Tal und die Angerapp-Schleife, der Turnierplatz und die Brücken, ja selbst die späteren Datschen bilden hier ein besonderes Ganzes. Selbst in den Überland-Leitungen steckt ein erhebliches Potenzial!
  • Eine starke Idee für ein Park, den der Stadtbewohner wie sein Gast immer und immer wieder aufsucht.
  • Ein Beitrag zur Stadtentwicklung: eine Investition hier muß sich doppelt und dreifach rentieren, wie beim Bürgermeister Korn und den Booth-Stadie´schen Wiesen, auf denen er die Insterburger Neustadt anlegte, jene Straßen und Häuser die wir für die Altstadt halten. Oder wie bei Kaufmann: erst eine Berufsqualifikation am Parkbau, dann die Gesundung im Sportpark, und schließlich ein olympisches Trainingslager.

Wird ein Entwurf eine umfassende Lösung dessen bieten können, auch wenn so preisgekrönt? – Wohl kaum. Ein Weg aus mehreren Zwischenstationen erscheint da vielversprechender: man kann etwas versuchen, präsentieren, überprüfen und korrigieren. Ein Wagnis mit doppelten Netz.

Das russische Gesetz (33-FZ, Artikel 2, Absätze 8 und 14) kennt dafür den Begriff eines „besonders geschützten Naturgebietes“, welches „ganz oder teilweise der [freien] Ausschöpfung entzogen“ sei, und das zum Zwecke der Erhaltung von „einzigartigen, ortstypischen oder bemerkenswerten Naturstücke, der Flora und der Fauna“ zur „Erziehung des Volkes“. Bau und Sanierung hier sind weiterhin statthaft, jedoch unterliegen die Grundstücke unabhängig von Eigentumsform einem Reglement.
Die russische Praxis kennt auch die Umsetzung dessen. So lebt in der Provinz Kaluga mitten im Nationalreservat „Jugra“ ein kleines Dorf samt Feldern – und feiert ein weit über Landesgrenzen hinaus bekanntes Architekturfestival „Archstojanie“. Jahr für Jahr pilgern da Menschen 200 Kilometer von Moskau weit, die namhaften Architekten betrachten es als Ehre, dort auch nur eine Kleinigkeit für den Sommer oder für die Festnacht hinbauen zu dürfen.
Wie könnte bei uns so ein Reglement, ein Generalkonzept für die Entwicklung des Frieda-Jung-und-Peter-Gretschischnikow-Poesiepark-Festivals zu Insterburg nur aussehen?

Der Park entsteht auf den Flurstücken 010112, 010217, 010308, 010309 und 010320, sowie den kadastermäßich nicht erfaßten Bereichen des einstigen Neuen Friedhofs, des lutherischen Friedhofs, des Turnierplatzes, des Gartenrestaurants „Luxenberg“ usw., mit einer Gesamtfläche von etwa 37 Hektar.

 

Sie alle bilden eine weitgehend menschengeprägte Naturlandschaft der Angrapa-Aue samt Hochufer. Derzeit sind sie wenig erschlossen, die Grünflächen vernachlässigt. Ein Teil wird für Datschen genutzt, ein anderes für Garnisons-Garagen. An der Bahnbrücke sitzt die Stadtreinigung; zwischen den Bahnbrücken wird am linken Ufer gebadet.

Der Generalbebauungsplan sieht hier Grünflächen, Nutzgärten, Landwirtschaft und Militärareale vor. Schutzbereiche sind ausgewiesen für die Angerapp-Ufer, die Überlandleitungen, die Bahnstrecke und das Bundesdenkmal „Bunte Reihe“ (Neubauverbot, Nachbau statthaft). Das Konzept nimmt sie alle auf, nur an der Kleinbahnbrücke wird etwas anderes vorgeschlagen: die Nord-Süd-Tangente dichter an die Bahnbrücke zu bauen.

 

Zur Schaffung eines solchen Entwicklungsgebietes und zur Abrundung des Insterburger Ostens, zum Ausbau der Erholungsmöglichkeiten, zur Erhalt und Entwicklung der natürlichen und menschengemachten Landschaften und ihrer Artenvielfalt, sowie zur Kinder- und Jugendbildung schlägt das Konzept vor, jene Flurstücke mit einer neuen Widmung zu versehen: für wiederholende Schauen der Klein- und Landschaftsarchitektur. Im jährlichen Wechsel werden darin die „Pocket Parks“, die Blumenwiesen und die Pavillons zu Themen oder Epochen der russischen und deutschen Poesie angelegt, jeweils mit Insterburg-Tschernjachowsker Bezug. Die Friedhofsfelder geben die maximalen Ausmaße einer solchen Wiese vor, 15 x 15 m; daraus abgeleitet auch das Pavillon-Maß von 25 m², bis zu 20 m hoch. Sie werden einzeln oder in Gruppen angelegt, die „Türme“ mit den „Wiesen“ oder auch separat. Das Tal wird als eine große Wiese gesehen.

Hier ein Garten eingefaßt von alten Alleen – dort eines über der Geometrie Kaufmanns Geometrie oder das Wiesengras schwebend. Hier eine Neugestaltung eines Datschengartens – dort eines Sportplatzes („Fußball-Garten“?). Dazu eine „Grüne Klasse“ oder sogar mehrere davon.
Sollen es ein Gumilöw-Turm und ein Twardowski-Garten werden, ein Osten-Turm und ein „Garten der Kaliningrader Dichter“, oder ein Gumilöv-Garten und ein Kaliningrader Turm – warum nicht beides? Ein Jahr könnte man es so versuchen, ein anderes Jahr anders. Aus dem Pfeiler der Kleinbahnbrücke ließe sich ein „Transit-Turm“ denken, gewidmet der Poesie all´ derer, die hier ohne Halt vorbeigefahren; ein Barockgarten könnte an den Siebenjährigen Krieg erinnern und ein anderer an die Napoleonskriege. Ein stiller Turm der Epitaphien wäre denkbar und eines der Gefängnis- und Dissidentenlyrik. Eine Anlehnung an den Pferdesport läge nahe – vielleicht lebt ja einmal auch die Turnier-Tradition wieder auf? Richtertürme, Barrieren oder Aussmückung des Reitplatzes stünden dann zur Debatte. Warum keine Nachtigallentürme, kein Dichterdorf in den Bäumen oder in den Gärten, zum Schaffen und Vortragen? Eine Konzertmuschel zur Erinnerung an das Rockfestival darf keinesfalls vergessen werden.
Ein „Unturm“, ein Treppenhausschacht verbindet den Oberpark mit dem unteren. Am Eingang zur Bunten Reihe noch ein Bindeglied, hier in Anlehnung an den Bug des gewesenen „Schiffshauses“ – behaust die Parkverwaltung. Die Überland-Maste bieten sich für die weitere Verbindung an, die Net-Poesie. An Freiluft-Bibliotheken ist zu denken und ein „Bookcrossing-Turm“: sie alle sind auf dem Schema grün markiert. Für Massen-Versammungen, Fahrgeschäfte und dergleichen wäre in der Nähe des neuen Luxenbergs Platz.

  1. Haupteingang, Kassen, Café, Toiletten, Geräteverleih
  2. Verwaltung
  3. Dienstbereich
  4. Parkplätze, Kassen, Toiletten
  5. Anlegestelle
  6. Badeplatz
  7. Bahnhalt, Café, Toiletten
  8. Eislaufbahn (im Winter)
  9. Hundeauslauf
  10. Reitplatz (im Sommer)

Der Weg von einem zum anderen Punkt auf dem Schema ist ein Lehrgang in Literatur und Gartenkunde – der selbe Weg im Folgejahr, ein anderer Kursus: nicht alle Türme und Gärten bleiben. Die Baumaterialien können dagegen sprechen oder das Publikum ihnen etwas anderes vorziehen. So wird ein Wiederkommen stets eine Entdeckung.

Die Umsetzung des Konzept sorgt für:

  • den Erhalt des Neuen Friedhofs und des Turnierplatzes, der Angerapp-Schleife überhaupt. Ihre Wesenszüge werden geschärft, gepflegt und gesichert. Das Heranziehen der Bewohner zur Entwicklung des Parks und seiner Erhaltung fördert das bürgerschaftliche Engagement.
  • die Bereitstellung neuer Erholungs- und Bildungsflächen („grüne Klassen“) zum Wohle der Bewohner von Insterburg-Ost, sowie für den Stadt- und Regionaltourismus (Tagesausflugsziel für alle Insterburger und Auswärtige). Bereits bestehende Anlagen (Stadion) werden besser angebunden, die Schwimmbad-Sanierung gefördert, die Gefahren beseitigt (momentan muß zur Flußquerung der Gang an den Gleisen riskiert werden; der Badeplatz an den Brücken ist von Flachstellen und Strudeln geprägt).
  • den Aufbau eines Landschafts- und Architekturfestivals im Osten der Provinz, der regional und über die Landesgrenzen hinaus seine Wirkung entfalten wird. Steigerung der Anziehungskraft Insterburgs. Beginn der Arbeit oder überregionaler Bedeutung soll Region Kaliningrad etabliert werden, die touristische Attraktivität von Tschernjachowsk soll gesteigert werden, die zu erwartenden Gästezahlen weitere Projekte mit sich ziehen, etwa den Ausbau des Wanderweges nach Gumbinnen oder die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs nach Tilsit, Gerdauen und weiter nach Riga und Masurischen Seen.
  • höheren Wohlstand und bessere Nutzung des Stadtgebietes.

Der kommende Park muß ersteinmal vom Wildwuchs, Müll, Schlamm und Trümmern befreit werden: die Nachbarschaftsaktivisten machten sich bereits ans Werk. An der Kamswyker Allee wurde ein Spielfeld angelegt und überall schmucke Bänke mit eingeschnittenen Gedichten aufgestellt. Die Fortsetzung der Beltine-Seminars in Form von УM/LW-Lehrwerkstätten ist angedacht und auch die Künstlerresidenz im „Offenen Zimmer“ – doch sie haben eigene Terminkalender. Unser Zeitplan sieht wie folgt aus:

2019, Konzeptbeschluß, Zusammenstellung der Entwurfsprogramme, Budgetierung, Arbeit an der Unterschutzstellung des Gesamtgebietes
2020, Einladungen zur Teilnahme werden verschick, die eingereichten Entwürfe ausgestellt, der 1- Bauabschnitt eröffnet (Oberpark, Neuer Friedhof)
2021, Ergebnisbilanz der 1. Saison, Entwurfswettbewerb für die 2. Saison, Budgetierung, Unterschutzstellung des Gesamtgebietes
2022, 2. Parksaison.
2023, Ergebnisbilanz der 2. Saison, Beschluß über die Dauer künftiger Saisons, Austellung eines neuen Kalenders.

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