Juri Schukin berichtet im Lokalblatt „Prawo snat“ (№53-2011) von den Zwischenergebnissen des Landschaftsseminars:
Dem Kaleidoskop gleich kreisen am Bildschirm die bunten Dias: jeder Insterburger erkennt in ihnen seine Heimatstadt. Die einen zeigen die herausragenden Bauten der Vorkriegsstadt, von denen ein Teil uns noch heute erfreue, die Gassen durch die sich einst die glänzend blanken Straßenbahngleise schlängelten — darauf folgen die Bilder einer neuen Stadt, dem legendären Heerführer geweiht… was gehe in der Aula der Stadtbibliothek vor?

Die versammelten Leiter der Kreis- und Stadtverwaltungen, die Vertreter der gebildeten Bürgerschaft, des Denkmal-Beirates, die Heimatkundler, sowie die werdenden Landschaftsarchitekten, Studenten der Universitäten zu München, Berlin und Dorpat mitsamt ihren Lehrkräften lauschen aufmerksam der Vorpräsentation des nachstehend beschriebenen Hauptereignisses:
hier finde die inzwischen tradizionelle Versammlung aller Beteiligten des „insterJAHR“ statt.
Der bekannte städtischer Heimatgeschichtler Alexej Oglesnew ist der Koordinator des Dauerprogramms.
Beim diesmaligen Treffen gehe es um die Arbeiten deutscher und estnischer Studenten der Landschaftsarchitektur. Wenn umgesetzt, machen sie unsere Stadt schöner für alle Bewohner und ansprechender für Touristen. Seit Jahren bereits erforschen unsere ausländischen Freunde die Landschaften Insterburgs, wobei den Parkanlagen ihre besondere Aufmerksamkeit zukomme. Doch was mache unsere Stadt beruflich so interessant für sie?
Um diese Frage zu beantworten, müsse man sich in die Vergangenheit begeben: Insterburg war im vorvergangenen Jahrhundert die Entwurfs- und Wirkungsstätte des weltbekannten deutschen Landschaftsarchitekten Kaufman. Heute sehen wir die Spuren seines Tuns im Stadtpark, hinterm Offizierskasino und bis kurz vor die Burg Insterburg. Jedem vertraut ist die Terrasse und Treppe zum ehemaligen E-Werk hinauf, die Treppe auf der gegenüberliegenden Talseite, der Parkbach unter einem mehrebenigen Aquädukt, die großen Teiche, von diesem Bach verbunden und von Promenaden umgeben. Den Alteingesessenen werden noch die eigentümlichen Bogenbrücken in Erinnerung sein, die aus unklarem Grunde von den Pionieren abgebrochen werden müßten, um Platz zu machen für dasjenige, was wir heute erleben — doch wer dachte damals ans deutsche Kulturerbe?
Dies alles verdankten die Insterburger — zum Teil auch die Tschernjachowskler — dem Architekten Kaufmann. Es gab auch noch eine Menge weiterer Orte in unserer Stadt, an denen dieser talentierte Menschen seine Hand anlegte, doch die Kriegsjahre und das nachmalige Leben ließen so manches verschwinden. Nun ist es an der Zeit, die Steine wieder zu sammeln; darin helfen uns beim „insterJAHRe“ die Gäste aus Deutschland und Estland.
— Vor Beginn der Forschungsarbeiten und vor dem ersten Entwurf, der sich nahtlos in die jetzige Stadt einfügen und diese mit der Vergangenheit verbinden sollte, vertieften wir uns in die alten Geschichtsdokumente. So entstanden drei ungefähr angegrenzten Bereiche, deren Landschaften drei Studentengruppen unter der Leitung Professor Jürgen Wenzels bearbeiteten, so der Student Markus aus Deutschland und fahre fort: — Man sollte sagen, diejenigen, die den Standort für die künftige Stadt bestimmten, kannten sich aus; Insterburg kam in einer landschaftlich wunderschönen Gegend zu liegen, von allem gebe es hier reichlich. Umgeben ist die Stadt von Hügeln und Tälern, Flüssen und Seen: für unsere Arbeit und andesichts der Geschichte dieser Region, ist sie bestens geeignet. Vieles gaben uns darüber hinaus die Gespräche mit den Bewohnern, vor allem mit den Altbewohnern, die noch die Stadt mit ihren Parks und Gärten unmittelbar nach dem Kriege sahen. Dies half, ein Konzept zu erarbeiten, welches der Zeitenfolge entspricht. Ob es uns gelang, sehen Sie an unseren Entwürfen.
Eine Sechs-Studenten-Gruppe der Münchner und Dorpater Studenten arbeitete an einem Entwurf, der die Parkanlage Kaufmans, die Burg Insterburg, die Betriebsstätten am Ufer, den zentralen Stadtplatz, die Bleiche und den Sportpark zu einem organischen Ganzen verbinden sollte. Die Umsetzung dieses Vorhabens versetzte die Insterburger wie ihre Gäste in die Lage, in einer Sichtfolge alle landschaftlichen Anziehungspunkte der Stadt zu erleben und zu verknüpfen.
— Einst war der Alte Markt eines der wichtigsten Drehpunkte der Bewohnerschaft, es ist ein städtebauliches Denkmal. Hier war der Stadtmarkt Insterburgs, rundet Professor Jürgen Wenzel die Sitzung ab. — Meines Erachtens sollte er wenigstens ein Teil der gewesenen architektonischen Gestalt wieder erlangen: heute ist sie nichts als eine chaotische Verkehrskreuzung. Ich habe ihnen kein Fertigprojekt vorzulegen, sondern meine Überlegungen auf Transparentpapier: nötig sei es hier z.B. den Feierplatz, wo zuweilen sich Tausende von Menschen versammeln, vom Autostrom zu trennen. Dies kann ein Grünstreifen aus Bäumen und Sträuchern bewerkstelligen. Ferner empfehle ich, Grabungen an der Stelle der alten Lutherkirche durchzuführen: zwischen ihren Fundamenten und in der Krypta verbirgt sich sicherlich einiges.
Der kommissarische Leiter der Stadtverwaltung Alexander Masalow dankte den Lehrkräften und den Studenten für die geleistete Arbeit, die der Stadt helfe, attraktiver zu werden. Waren in diesem Jahr 500 Tausend Rubel dem „insterJAHRe“ bereitgestellt, werden es im nächsten Jahr bestimmt mehr sein. Dies wird es ermöglichen, die Landschaftsforschung fortzusetzen und zu erweitern.
An die Leiterin der Stadtkulturabteilung, Swetlana Koschewnikowa, richtete sich die Frage ausländischer Studenten nach den materiellen Vorteilen, die den Bürgern ihr landschaftliches Tun verspreche. Sie meinte, eine Stadt, die durch Schönheit und architektonische Qualitäten so viel als möglich Touristen anziehe, durch diese bare Gewinne bekomme. Dies habe unmittelbare Auswirkungen auf den kommunalen Haushalt: von der Zusammenarbeit der Parteien profitieren also alle.
…So ging eine neuerliche Arbeitssaison unserer deutschen und estnischen Freunde zu Insterburg zu Ende. Wieder haben wir beste Vorarbeiten dafür, der Stadt zu einem attraktiven Antlitz zu verhelfen. Wie bei der Sitzung hingewiesen, verlange die Umsetzung der Entwürfe keine großen Gelder und auch nicht allzuviel Zeit: das Ausgearbeitete habe demnach alle Chancen, Realität zu werden.
Wie stets, ein Kommentar des „insterJAHRes“:
- Juri Schukin schreibe vom „jeden Insterburger“, der seine Stadt anhand kleinster Details wiedererkenne — und schreibe von den Straßenbahngleisen in einer Stadt, die nie eine Straßenbahn kannte. Wie komme es?
- Keinem Entwerfer, am wenigsten einem studentischen Entwerfer wird es gelingen, in wenigen 3-4 Tagen einen gut begründeten Vorschlag für ein Ort zu machen, an dem er nie gewesen. Dasjenige, was in der Stadtbücherei gezeigt, waren Stegreife — nicht mehr, aber auch nicht weniger! Ihre endgültige Form bekommen die Münchner Arbeiten in ein bis zwei Monaten, dann übernehmen die St. Petersburger den Stafettenstab. Sie sollten zeitgleich in der Stadt sein, verspäten sich aber. Es bleibt zu hoffen, daß auch die künftigen Semester die Arbeit an den Insterburger Landschaften fortsetzen, die ersten Anmeldungen für den Sommer 2012 liegen bereits vor.
- Das Kommen der Münchner Nechnischen Universität und der Dorpater Universität der Lebenswissenschaften ist der Verdienst einzig und allein Professor Wenzels. Es ist es auch, der seit mehreren Jahren die Landschaft Insterburgs erforsche; seine sind auch die Arbeiten zu der zu Unrecht vergessenen Gestalt Hugo Kaufmanns. Den Weltruhm erlangte er nie, anders als so mancher seiner Namensvetter — und auch seine Tätigkeit als Gartenstadtdirektor falle mitnichten ins „vorvergangene Jahrhundert“, sondern ins frühe 20. Jahrhundert.
- Dem „insterJAHRe“ gehe es mitnichten darum, Touristen in die Stadt zu locken, Frau Abteilungsleiterin Koschewnikowa! Kaufmann lehre uns etwas ganz anderes. In den schwierigen Nachkriegsjahren hat er es vermocht, mit minimalem Eingriff der Stadt ihr Rückgrat zurückzugeben, den Stadtpark, den seine Vorgänger verkommen ließen. Mehr noch, er gab den Arbeitslosen daran zu arbeiten, den ungelernten Kräften gab er an ihm den Beruf. Der gewordene Park genoß Zuspruch von seinen Schöpfern, den Bürgern, und auch von den Gästen der Stadt — Schönheit als Selbstzweck ist uns fremd!