Auf Archi.ru ist eine bebilderte Erläuterung des Patenschafts-Aufrufes erschienen. Da der Text dort nur auf Russisch, hier eine deutsche Entsprechung.
Kamswyker Kreis e.V. bittet in die «2. Ostpreußische Patenschaft» — zum Schutz und Pflege des Bauerbes sowie zur baulichen, baukünstlerischen und überhaupt kulturellen Weiterentwicklung daran.
Das Technisch-Rationale voranstellend, verlernte die Moderne das Bauen der Heimat(häuser), in Deutschland und in der Welt. Das Wohnen begriff man auch über die Maschine und wurde im Maschinellen recht gut – dass es nicht reicht, bewiesen wir unfreiwillig auf der letzten Venedig-Biennale. „Making Heimat“ für die vielen Flüchtlinge stellten die Unis, die Experten, die Verbände aus, sodass die Welt nur so staunte — den Willen erkennend, die Typung, das Technische eben, doch nie das eigentliche titelgebende Ziel Heimatbau. Als ob dem wortreichen Beitext das rechte Wort fehlte.
Was wäre dieses Wort in Stein überhaupt? Es schweigt der Macher und der Kritiker auch. War es den Gründervätern derselben Moderne nicht irgendwie möglich, das Heimische mit dem Weltlichen, das Technische mit dem Sinnlichen zu vereinen, sie aneinander anzureichern? Sind nicht Finnland und Niederlande auch heute noch dafür ein Beispiel? … Bei uns aber schieden sie sich. Wüsste man bloß, wo und woran!
Man weiß es. Die verhängnisvolle Gabelung ist nicht einmal weit, des Wissens Quell nicht versiegt.

Stablacken Kreis Insterburg © Mikołaj Troniewski
Aus Kenntnis und in Anpassung der Tradition, aus knappsten (Geld)Mitteln und selbst aus Mangel an gelernter Hand kann der modernen Heimat getreues Ebenbild entstehen, so gut, dass es ins Land gekommenen Fremden auch zur Heimat wird — der Beleg ist schon erbracht. Wir sprechen von Ostpreußen.
Das Land, im Ersten Weltkriege verwüstet, bauten alle deutschen Lande auf. Spürten gründlich vergessenes Wahres auf, übersahen auch die Gründerzeit-Verwirrungen nicht, gaben neuestes Wissen dazu — Fantasien Scharouns und die Normalen Neuferts blühten auf diesem Boden auf, kriegsgefangene Russen oder Franzosen arbeiten daran mit den Deutschen Seite an Seite in den neuartigen Handwerker-Genossenschaften. Mit Rat und Tat und manchem Zuschuß standen ihnen zahllose Paten zur Hilfe. Einzig in diesem Verbund wurde Ostpreußen, Deutschlands Vorkriegs-Schlusslicht, zum musterhaft modernen, traditions- und mutterlandverbundenen Freistaat. Dem „Geburtsort des neuen Deutschlands“ und seiner vielen Architektursprachen. Waren denn nicht auch im berühmten „Ring“-Bund moderner Architekten Mies van der Rohe genauso Mitglied wie Haering, Behrens und Tessonow?
Lesen können wir davon in den Büchern — besuchen, in der nordostpreußischen russischen Provinz Kaliningrad.

Bauten Heinz Stoffregens in Gerdauen, aus „Der Baumeister“, Ausgabe August 1926


Entwürfe für Domnau von Paul Klein, aus „Deutsche Bauhütte“, Ausgabe 19-20 1916

Markt in Allenburg, Entwurf von Max Schönwald, aus „Deutsche Bauhütte“, Ausgabe 35-36 1916


Dorfhaus mit Laden um Soldau, Entwurf von Richard Claaßen, aus „Deutsche Bauhütte“, Ausgabe 23-24 1918

Plonszöwen Kreis Pillkallen © Mikołaj Troniewski
Auch heutzutage findet man Kinder aller Landen dort, russischer Landen vor allem, doch die bauliche Lage bessert diese Tatsache kaum. Bauen tut man, doch wie? Neue Gründerzeit ist wie die vorige nur aufs schnelle Geld hinaus, öffentliche Kassen sind klamm wie zu allen Zeiten, und die Polonaise tritt sich selbst dauernd auf die Füße: Ganz neu? Altneu? Neualt soll das Bauen hier sein? Sich aufs Erbe berufen, seinen Wert erkennen tuen inzwischen viele — doch wie reparieren, wie sich anschließen? Reicht eine Formkopie? Ein Kontrapunkt? Hilft Mittel X? Ruft man womöglich irgendwelche böse Geister hervor?
Zu den Fachleuten aus den Hauptstädten hat die Provinz selten Zutritt und von sich aus begeben sie sich selten dahin. Paten? Fehlanzeige…

Spandienen bei Königsberg © Mikołaj Troniewski
Fehlanzeige muss nicht sein — Fortsetzung des letzten Erfolges hingegen schon. Wir schulden sie uns allen. Wie regelmäßig und trocken wurde ohne sie die deutsche Architektur! Wie himmelstürmend-kippelig die russische! Gerade Ostpreußens Bauerbe kann sie zueinander bringen, die zur Schablone verkommenen oder verkümmerten Wege den Bauenden neu aufschließen, uns alle über uns selbst weiter wachsen helfen — vielleicht sogar über die Provinggrenzen und Anrainer hinaus.
Vorausgesetzt, dieses Erbe zerfällt nicht davor schon vor Alter zu Staub — oder wird nicht vor Übereifer zum in Stahlbeton gegossenen Witz.

Woynothen Kreis Insterburg © Mikołaj Troniewski
Unsere 2. Patenschaft sucht, einen jeden am Schutz des Geschichtserbes zu beteiligen, zwangsläufig und zwangsfrei. Jeder ist als Pate und Patenkind willkommen: ob Königsberger oder Kaliningrader, ob Architekt oder Bewohner. Jeder hat an Wissen oder Besitz, was jemand anderes ergänzen kann oder womit er dem anderen die Lücke schließt. Auch die geringste Beteiligung zählt, von der einfachen Stimmen-Erhebung für die Idee der Wertigkeit des Gewesenen angefangen, von ihm als der Wachstumsquelle — auf dass im Fall des Falles ein mehrstimmiger Chor die Aussage bestätigt. Es kann aber auch ein Experten-Ratschlag sein zu einem bestimmten Bau oder einer ganzen Gattung, bis hin zur Frage-und-Antwort-Stunde, zum Fachbeitrag oder -auftrag. Schulklassen sind willkommen und eigene Ideen erst recht! Und sollte wer fördern wollen, wird auch dies gewiss nicht ausgeschlagen.
Nicht belehren — aufblühen lassen, Eigensinn mit Gemeinwohl kreuzen, Bekanntes mit Nie-da-gewesenem: unter dem Titel „Revalorisierung“ haben sich solche Konzepte in den letzten Jahren bereits bewährt. Umso erstaunlicher, dass die Zahl der neuen Paten bei sehr überschaubar bleibt; zwar sind bekannte Namen darunter wie Volkwin Marg oder Florian Mausbach — doch ein Hans Stimmann etwa lehnte ab, „politische Implikationen“ befürchtend. Ausreden auch bei den Ämtern und Verbänden; am Ende blieb uns deutscherseits nur noch der Werkbund, bei der ersten Patenschaft wesentlich am Erfolg mit beteiligt, nun sich noch Zeit zum Überlegen nehmend — doch wie erklären, dass auch die Aktiven vor Ort so verhalten sind? Als ob sie nicht die ersten Nutznießer wären, wenn die Patenschaft einmal kommt? Als ob sie jetzt nicht die ersten sind, die Unterstützung einklagen, wenn wieder einmal irgendwo historische Straßenpflasterung, Ruine oder Grünzug zugrunde gerichtet werden, wenn meterstarke Mauern unter sinnloser Watte zu verschimmeln drohen? Paten könnten hier und in hunderten anderen Fällen unterstützend, aufklärend und verbindend eingreifen, für diese und jene, im Endeffekt — für Sie!


Ostpreußische Wiederaufbaustadt von Heinz Spitzner, aus „Deutsche Bauhütte“, Ausgabe 19-20 1915

Ostpreußische Wiederaufbaustadt von Heinz Spitzner, aus „Deutsche Bauhütte“, Sonderausgabe 1916
Man sagt, es gab an der Ostsee einmal die Stadt Vineta: nirgends war ein Feinschmied feiner, ein Uhrmacher präziser, ein Sternkundler weiser; aller Herren Länder Waren füllten ihre Kaufmannshäuser. Doch herrisch wurden sie über alle Maßen – und liegen nun auf dem Meeresgrund gestürzt, samt Reichtum und allem Wissen. Nur einmal in hundert Jahren schwimmt Vineta im Dunklen der Nacht auf, hofft, es kommt auch nur ein Kunde vorbei. Kommt gibt auch nur den kleinsten Groschen für den dereinst eitlen Millionenwert – schon wird die Stadt vom neuerlichen Untertauchen erlöst.
Der Wildgansflieger Nils Holgersson liess aber seinen Groschen im Mondpfad fallen — auf dass dieses Vineta nun die Gestalt der Provinz Kaliningrad annahm. Ewig wird sie nicht auf uns warten können, von Jahr zu Jahr geringer ist ihr Bestand an Schinkel, Ziegelwelle oder Alleebaum. Lassen wir sie uns erneut durch die Finger gleiten, wird dieses Vineta in 100 Jahren kaum noch etwas zum wiederauftauchen haben.

Ausschlachten der Kasernen des 8. ostpreußischen Infanterieregiments No.45, Insterburg Kasernenstr. © Mikołaj Troniewski
Um Weihnachten 2016 war wieder ein Bauwerk daran, durch irrige Reparatur fast vernichtet zu werden — ein Erstlingswerk von niemand anderes als Hans Scharoun, dem Berliner Philharmoniebaumeister: die Bunte Reihe Insterburgs. Russisches Denkmal von landesweiter Bedeutung, EuropaNostras meistgefährdete Stätte des europäischen Kulturerbes, ein Sorgenkind von Kamswyker Kreis. Diese unglückliche Bauerei konnte noch gestoppt werden — doch wieviele Bauten in der Provinz haben keinen solchen Namen und keinen Titel zum Schutz?