Galina Kaschtanowa-Erofeewa interviewt im Lokalblatt «Polüs+TV» die Leiterin des Praxisseminars der St.Peteresburger Architektur- und Bauuniversität Janina Albertowna Stepulenok:
Die St.-Petersburger staatliche Architektur- und Bauuniversität ist die älteste technische Lehreinrichtung Rußlands in diesen Fächern. Gegründet 1832, ist sie aufs Engste mit der Geschichte des Baues und des Städtebaues des Landes verknüpft. In den letzten Jahren kooperiert die Universität mit den Bildungseinrichtungen der EU; in unserer Stadt leisteten die Studenten der berühmten Hochschule ihr Zweiwochen-Praktikum im Rahmen des «insterJAHRes-2010: Kulturerbe Insterburgs als Quelle der Stadtentwicklung Tschernjachowsks». Hier berichtet die Leiterin des Praktikums, Oberlehrbeauftragte des Lehrstuhls für Renovierung und Restaurierung des Architekturerbes.
— Wie kam in diesem Jahr eine Gruppe eurer Studenten zum Praktikum nach Insterburg?
— An unserem Lehrstuhl sind erfahrene Lehrkräfte im Einsatz, für restauratorische Praktika entstenden wir Studenten nicht nur nach Rußland, sondern auch ins Ausland. So waren sie jungst gerade in Italien oder beispielsweise in Montenegro.
In diesem Jahr stieß eine Studentin auf die «insterJAHR»-Seite, wir fanden Interesse am Projekt und beschlossen, eine Teilnahme wäre sowohl für die unseren kommenden Architekten und Restaurateure vom Nutzen — als auch für die Stadt, derer Architekturdenkmäler einer Restaurierung bedürfen. Richtiggehend Flamme faßten wir von dieser Idee, und das umso mehr, als niemand von uns davor je in Nordostpreußen war: wie sahen die Gelegenheit, diese Wissenslücke zu schließen. Gelesen habe ich von der Provinz wohl — doch ist das Buchwissen eines und die leibhaftige Begegnung mit den Häusern und Burgen, sowie den Leuten, die dieses wertvolle Geschichtserbe erhalten und wiederherstellen wollen etwas ganz anderes, lebendiges und spannendes.
— Wie waren ihre ersten Eindrücke?
— Zu Petersburg kenne ich Leute, die eigene Museen und Galerien eröffnen — da war es wohltuend zu lernen, daß es auch hier solche Begeisterte gebe. Das Handwerksmuseum, die Ausstellungshalle der Maria-Tenischewa-Kunstschule und das Geschichtsmuseum W.Janowskis beeindruckten uns sehr; von ersten Tag an waren wir in die Magnetfeld der Burg Insterburg geraten — unzählige Ideen vom Rang werden dort geboren. Die dortige Galerie von der Kunstmalerin Sokolowskaja verdiene eine besondere Beachtung; wir wären froh, wenn auch unserer Studenten Werke in diesen Mauern ausgestellt werden. Der Wunsch, an der Gestaltung der Burg und ihres Museums kam sogleich auf.
Wir besuchten die Kursche Nehrung und Cranz — wie sonderbar ihr Land doch ist! Inmitten dieser alten Burgen und zahlloser Flüsser mit ihren malerischen Tälern fühl es sich ganz eigen. Doch leider sind die Flüsse sehr verschmutzt: selbst bei sengendster Hitze wage man kaum, zu Insterburg in die Angerapp zu treten, und dabei gab es doch den Augenzeugen zur Folge einst einen Badestrand gleich am Hauptplatz, an der Bogenbrücke. Mehr als eine Generation der Insterburger lehrnte dort schwimmen. Klärwerke sind klar vonnöten: wie kann man nur alles Unnütze in die Flüsse leiten?..
Doch was für uns von größter Bedeutung war, ist der Gebäudebestand der Stadt: vom Historismus bis Jugendstil, Klassizismus und die Mischstile, auch der Rundbogenstil. Hier gebe es was zu tun.
— Welche Arbeiten führten ihre Zöglinge beim Praktikum aus?
— Unsere Aufgabe war es, Fassadenakten zu erstellen, um ihre darauffolgende Restaurierung zu ermöglichen. Die uns angetrauten Altbauten waren die Leninstraße №25, 28, 29, 35(Hindenburgstr.) und die Schelesnodoroschnaja Str. №11, 13 (Ludendorffstr.): sie wurden von Studenten vermaßt, alles Dekor aufgenommen, alles Putzschmuck, alle Konsolen, alte Fenster und Türen, Erker, Pilaster, Säulen und Frontone. Hier kooperierten wir mit den Diplomstudenten der Kasaner Architektur- und Bauuniversität, die auch Aufmaßarbeiten verrichteten, sowohl vom Gebäudeäußeren wie dem Gebäudeinneren. Anhand der Meßdaten werden die Praktikumsstudenten präzise vermaßte technische Zeichnungen erstellen.
Die Studenten des 5. und 7. Fachsemesters legten ihr ganzes Arbeitseifer zutage. Viele der 5.-Semestler waren im Vorjahr mit Auszeichnung am Wladimir-Nabokow-Haus zu Petersburg im Praktikumseinsatz. Maria Lewtschenko und Anton Nikolajenkow verdienten eine Dankesurkunde vom Direktor für die vielen Arbeiten, die sie verrichtet: sie maßen die Interieurs auf, so die Halle mit dem alten holzgetäfelten Kamin, das Zimmer der Dame und des Herren, der Mutter und des Vaters des großen Schriftstellers; machten Vorentwürfe und die Bilddokumentation, weit länger als ein Pflichtpraktikum es verlange, beinahe den ganzen Sommer lang. Der «Plansoll» war mehr als übererfüllt — so konnten wir die Mannschaft dort in diesem Jahr entsprechend reduzieren, dort reicht ein Paar 9.-Semestler. Die Restaurierung dort fange übrigens bereits an.
Dasselbe Eifer zeigten unsere Studenten auch zu Insterburg. Von den 7.-Semestlern stachen besonders Olga Grabowa, Irina Schatochina, Julia Baranowa und Alexandra Rykowa hervor, von denen die letztere ausgezeichnet male. Sie sahen meine jungeren Kollegen beim Stadtfest mit Bleistift und Zeichenblock auf den Straßen — selbst an den Wochenenden zogen sie vor, statt sich auszuruhen, Häuserskizzen zu machen.
— Wie soll das Erarbeitete im Folgenden genutzt werden?
— Ihre Arbeiten waren vorbereitender Art, nun kann auf dieser Grundlage die Ausarbeitung erfolgen, bis in den Entwurf und die Ausführungsplanung hinein. Die Vergabe werde folgen. Wiederherstellung der einstigen architektonischen Gestalt der Häuser kann durchaus mit der Komfortsteigerung im Inneren einhergehen. Die prächtigen Öfen und Kamine brauchen dabei nicht zu leiden, heutigentags ist reichlich elektrisches Innenleben für sie auf dem Markt.
— Dies war das erste Praktikum der Petersburger zu Insterburg. Gibt es eine Fortsetzung?
— Es tat uns leid, nur so kurze Frist hier gewesen zu sein, so tolle Leute trafen wir hier, Lokalpatrioten, die ihre Stadt schöner und besser machen wollen: wir wollten mitmischen und nach Kräften helfen. Eine Voraussage wage ich nicht, doch es wäre sicherlich wert, mehr als bloß ein Mal wieder zu kommen, zu arbeiten, den Prozeß zu begleiten und auch die anderen Städte Nordostpreußens kennenzulernen.
Anzumerken wäre, daß die petersburger Studenten am „insterJAHR-2011“ teilnahmen, denn das 2010-er Programm ging mit der Burgkonferenz im Oktober 2010 zu Ende.

