Paradox

Im letzten Heft der «Baukammer» schreibt Wilfried Wolff:

Auf die Frage, was denn paradox bedeutet, antwortet [der] Duden […]:

  1. umgangssprachlich etwas sehr merkwürdiges, ganz und gar abwegiges, unsinniges
  2. einen (scheinbar) unauflöslichen Widerspruch in sich haltend, etwas widersinniges oder widersprüchliches […]

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, ab 1865 Graf und ab 1871 Fürst von Bismarck wurde am 1. April 1815 geboren und starb am 30. Juli 1898. Unzweifelhaft gehört er zu den bedeutendsten Politikern der deutschen Geschichte. […] zu den Ehrungen, die ihm, nach seinem Tode, zu Teil wurden, gehörte die Errichtung von Türmen, den sogenannten Bismarcktürmen. Von etwa 240 Türmen sind heute noch etwa 170 erhalten. Sie befinden sich auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik, in Frankreich, Polen, Tschechien und selbst in Chile und Kamerun. Sie wurden als Feuerturm (d.h. Turm mit Feuerschale), Aussichtsturm und Leuchtturm genutzt. Zu diesen Türmen gehörte auch ein Turm im ehemaligen Ostpreußen, vor den Toren der Stadt Insterburg, heute Tschernjachowsk.

Bismarckturm, 1913

Im Jahre 2013 sollte der Turm sein 100-jähriges Jubiläum feiern. Es wurde nicht gefeiert, aber seitens der Stadtverwaltung beschlossen, trotz reichlich anderer Probleme, diesen Turm zu sanieren. Eine russische Stadtverwaltung beschließt die Sanierung eines Bismarckturmes: wenn das nicht als widersprüchlich, paradox zu bezeichnen ist, was dann?

In einem ersten Schritt wurden von deutscher und russischer Seite eine Bestandsaufnahme des Turmes durchgeführt und erste Sanierungsmaßnahmen festgelegt. An dem einst so monumental in der Landschaft stehenden Turm haben Wind und Wetter böse genagt […]

Für die Statiker ist es fast schon ein Wunder, daß diese gerissenen und gespaltenen Ziegelreste auch den letzten Winter überstanden haben.

Besonders bemerkenswert, die Finanzierung erfolgte ausschließlich von russischer Seite. Nachfragen bei deutschen Institutionen verliefen ergebnislos. Für 2014 wurden erste Sicherungsmaßnahmen beschlossen und inzwischen auch begonnen.

Warum macht Ihr das? Was habt Ihr Bismarck zu verdanken? Freundlich antworten unsere russischen Freunde mit einer kleinen Nachhilfestunde in deutsch-russischer Geschichte. Erste Lektion: […] Krieg um die Krim […] Deutschland hielt sich konsequent aus dem Konflikt heraus. Zweite Lektion: […] Bismarck als Gesandter [in] St. Petersburg [1859-]1862 […] Dritte Lektion: […] ‘Bulgarische Krise’ […] Rückversicherungsvertrag. Bismarck und der russische Außenminister de Giers unterzeichneten außerdem noch ein zusätzliches geheimes Neutralitätsabkommen. Dieses, zumindest für das deutsch-russische Verhältnis, Vertrauen und Frieden stiftende Abkommen […] war allerdings auf drei Jahre befristet. Trotz Drängen Rußlands hat das Deutsche Reich unter Wilhelm II. diesen Vertrag nicht verlängert.

Russische Studenten haben 2012 mit einer ersten Bauaufnahme und mit Entwürfen zur Wiederherstellung des Bismarckturmes in Insterburg begonnen.

Entwurf einer Neugestaltung

[…] Paradox kann, wie eingangs zitiert widersinnig, abwegig oder unsinnig bedeuten. Entscheiden wir uns für (scheinbar) widersprüchlich läßt sich dieser Widerspruch schnell auflösen. Eine Politik des Ausgleichs ist durchaus nicht unsinnig. Mitunter dauert es allerdings eine Weile, bis wir, Dank eines fast aus dem eigenen Blickfeld verschwundenen Denkmals, daran erinnert werden.

Zum Schluß, noch ein Zitat von Bismarck: „Das Vertrauen ist eine zarte Pflanze; ist es zerstört, so kommt es sobald nicht wieder. „ (Fürst von Bismarck gesammelte Reden, Band I, Seite 421, Cronbach, 1895)

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