Ruth Bender schreibt in den „Kieler Nachrichten“: „Die Künstlerin Gudrun Wassermann setzt in einem zweiten Film ihre ostpreußischen Erkundungen fort.“
Die meisten Ostpreußen-Reisenden treibt die Suche nach Vergangenheit gen Osten, auf den Spuren der im Krieg vertriebenen Familie oder der Erinnerung an die eigene Kindheit. Auch Gudrun Wassermann sucht nach Heimat — aber die 1934 in Insterburg (heute Tschernjachowsk) geborene und in Schönkirchen lebende Künstlerin interessiert vor allem die Gegenwart — und die Geschichten jener, die nach der Vertreibung der Deutschen aus Rußland, der Ukraine, Georgien und Kasachstan in die seit 1945 russische Exklave Kaliningrad gekommen sind.
„Die Leute kamen ja damals in ein fremdes Land, in eine entleerte Situation“, sagt Gudrun Wassermann, „und ich wollte wissen, wie es den Bewohnern siebzig Jahre danach damit geht, was das für den Ort bedeutet.“ In ihrem Film „Kaliningrad — die Bewohner“ (2011) entwarf sie ein Puzzle unterschiedlichster Befindlichkeiten von tiefer Abneigung gegen das deutsche Erbe Kaliningrads bis zur unbelasteten Aufbruchstimmung. In „Späte Heimat“, der morgen Kiel-Premiere hat, setzt die mit dem Kunstpreis Schleswig-Holstein und dem Gabriele-Münter-Preis ausgezeichnete Künstlerin ihre Ostpreußen-Erkundung fort — diesmal in ihrer Geburtsstadt Insterburg, angespornt vom Zentrum für Gegenwartskunst in Kaliningrad, das schon für den ersten Film Gesprächspartner vermittelt hatte.
Man sieht blätternde Fassaden, eine leere Straße, wo einmal der Marktplatz war, Lenins vorwärtsgewandte Statue, seltsam hybride Architekturen, wo gotische Kirchenfensterbögen in eine Industriehalle hineinwachsen — kein Ort, der sich auf Anhieb erschließt.

Aber was die Menschen in Wassermanns Film zu erzählen haben, das klingt oft überraschend positiv. Die Reiseleiterin, die irgendwann anfing, die Stadtgeschichte zu studieren und Kindern heute Kreuzrittertum und Kant vermittelt. Der Bibliothekar, der eigentlich Tierarzt war in der Kolchose und nun versucht, das Vergangene vor dem Vergessen zu bewahren. Die Engagierten der Initiative „Dom Zamok“, die sich um den Erhalt alter Bausubstanz bemühen, darunter ein imposanter Gefängnisbau von Friedrich Schinkel (1832), zwei Burgruinen des Deutschen Ritterordens, ein Rundbau von Schwedler. Erst 2010 wurde die Reihenhaussiedlung „Bunte Reihe“ wiederentdeckt, eines der ersten Projekte (1920/24) des Architekten Hans Scharoun. Das Viertel wurde zum Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit dem Bauerbe der Stadt, mit initiiert von dem Berliner Architekten Dimitrij Suchin.
„Ja, im Moment bin ich wohl mehr die Dokumentarin“, sagt Gudrun Wassermann, die nicht nur in der Kieler Kunsthalle und im Opernhaus, sondern bundesweit Projekte realisiert hat. „Der Schwerpunkt hat sich verschoben. Die Filme haben mich sozusagen überrascht.“ Entstanden aus einer Installation im Zentrum für Gegenwartskunst in Kaliningrad. „Aber auch meine Installationen seit den achtziger Jahren sind situativ gedacht, knüpfen an den Ort an, an dem ich sie einrichte.“
Das Unstimmige, Fragmentarische ist Programm in Wassermanns Kunst. Und so passt es auch, wie sich Gesprächssituationen und Stadtansichten weniger verbinden als parallellaufen. Und es passt zu der 40000-Einwohner-Stadt, die die Kaliningrader mit großstädtischer Attitüde ihr Amazonien nennen und deren Bruchstücke sich kaum zum Gesamtbild fügen.
Anregend anders ist dieser Blick auf das ehemalige Ostpreußen. Man sieht, wie sich Menschen einen Ort aneignen, nach Identifikation suchen und wie sie nach Jahrzehnten der bewussten Zerstörung aller deutschen Relikte nicht mehr trennen zwischen deutscher und russischer Geschichte.
Entsteht so Heimat? Auch Wassermanns Blick hat sich über die Recherchen verändert: „Man sieht dieses Land auf einmal positiv und ganz ohne Bedauern.“
Morgen, Sonntag, um 11 Uhr, stellt Gudrun Wassermann den Film im Kino in der Pumpe vor.