Name
«Haus Gobert», ehemalige Grundschule des Dorfes Sodehnen/Krasnojarskoje

Lage
Siedlung Krasnojarskoe, Schkolnaja-Str. 20, Flurstück 39:09:020201:62
Besitz
Andrej Bodjagin, Firma Land-Kontur, Königsberg
Beschreibung
„Haus Gobert“, auch bekannt als „Villa am Bahnhof“, befindet sich im Dorf Sodehnen, einer ländlichen Siedlung im Kreis Darkemen an der Fernstraße Insterburg–Darkemen und der 1879 eröffneten Bahnstrecke Insterburg–Lyck. Das Dorf hatte ein Postamt, eine Gaststätte, eine Molkereigenossenschaft, einen Getreidehändler, einen Textil- und Bekleidungshändler, einen Bauunternehmer und zwei Gutsbesitzer. Das „Adressbuch aller Länder der Erde“ von 1913 verzeichnet 333 Einwohner, vermutlich Familienväter; 1939 waren es bereits 1.971. Sehenswürdigkeiten gab es keine, wie auch keine Pfarrei. Eine eigene Kirche ließ bis 1934 auf sich warten.
Erst 1921 erhielt ein Herr Schumann die Apothekenkonzession für Sodehnen, die er auch bis 1930 betrieb.1 Der Standort ist nicht bekannt. Im Juli 1925 zogen die Apotheke und Drogerie in einen Neubau gegenüber dem Bahnhof. Die Architektur war neu und sorgte sofort für den Spitznamen „Villa“.

Der Architekt des Wohn- und Geschäftshauses war der damals in Insterburg tätige geniale Architekt Hans Scharoun. In seinem Werkverzeichnis ist es unter der Nr. 38 aufgeführt; im Archiv der Berliner Akademie der Künste finden sich seine Aufnahmen im Bau und nach der Fertigstellung. Die Bauausführung besorgte wohl der ortsansässige Bauunternehmer Baguss.
Das Gebäude beherbergte außerdem die Tierarztpraxis von Dr. Wilhelm Mogk und die Hebammenpraxis seiner Frau Margaretha Mogk2. Unklar, ob der Milchbauer Wilhelm Gobert selbst in dem Haus wohnte, die Räumlichkeiten vermietete oder das Haus nach der Fertigstellung verkaufte3.

«Darkehmer Kreisblatt» vom 01.08.1925

«Darkehmer Kreisblatt» vom 07.08.1925
1930 übernahm ein Wilhelm Ahrensmeyer die Apothekenkonzession, ab 1934 gehörte sie seiner Witwe. Die Ahrensmeyer-Apotheke galt als vorbildlich und bot Berufsorientierungen an.4 1937 übernahm Hans Krüger die Apothekenleitung. Etwa um die Zeit zogen die Mogks nach Tilsit; in Bahnhofsnähe entstand ein Dorfsportplatz5.
Das Gebäude überstand den Krieg unbeschadet und wurde 1946 zusammen mit dem Sportplatz zu einer Schule, was es bis vor kurzem auch blieb. Garten und EG-Loggia wurden umgestaltet: eine Leninbüste wurde achsial aufgestellt, anstelle der seitlichen Treppenläufe entstand ein breiter mittlerer Abgang von der Loggia zum Appellplatz. Das Gelände wurde aufgeschüttet.



Spätestens 1970 wurde nordwestlich auf dem alten Sportplatz ein neues zweistöckiges Klassengebäude errichtet und mit dem Altbau verbunden. Die originale Eingangsüberdachung wurde dabei zerstört; der neue Haupteingang hatte nicht einmal ein Vordach.


Nach einem Brand in den 1980ern wurde das Dach vereinfacht wiederaufgebaut, ohne dem Mezzanin. Die Loggiaöffnungen im 1.OG wurden mit Glasbausteinen verschlossen.


Das Gebäude ist ein verputzter Ziegelbau, die ursprüngliche Fassadenfarbe ist nicht mehr zu erkennen. Das Mezzanin war eine verputzte Holzkonstruktion. Die Kellermauern sind aus Verblendziegeln, heute überputzt; die Fundamente aus Ziegeln und Findlingen. Stahlsteindecke über dem Keller, sonstige Geschoßdecken aus Holz. Scheitrechte Fensterbögen. Originale Dachsparren waren aus Holz, wohl als stehender Stuhl; die originale Ziegeldeckung gegen Wellasbest ausgetauscht.
Das Gebäude ist gen Südwesten zur Schkolnaja-Straße ausgerichtet, zur einstigen Bahnlinie und den Feldern dahinter. Der Haupteingang war in einem Pfeilervorbau am nordwestlichen Ende des Gebäudes, jeder Pfeiler mit einer mittigen farblich und plastisch abgesetzten Lisene. Hinter diesem Vorbau trat das Treppenhaus hervor. Ein breiter, von gestutzten Sträuchern gesäumter Weg führte hierher; die Begrünung setzte sich an der berankten Fassade und am Erker fort, der auf allen drei Ebenen besonders angelegte Blumenkästen aufwies.



Der Erker ist im Grundriß trapezförmig. Im EG und 1.OG liegen Loggien darin, die teilweise ins Gebäudeinnere hineingreifen. Ihre Öffnungen sind im fünfeckig, nach oben gespitzt und nochmals gerahmt: im EG doppelt, im 1.OG einfach (ein Verweis ans „Schiffshaus“ der „Bunten Reihe“).
Die Fenster des Mezzanins sind kleiner und von der Fassade zurückgesetzt. Eine alle 5 Erkerseiten umlaufende Schattennische faßt sie zusammen. Sie endet dreieckig, gegenläufig zu den Dachschrägen6. Da das Mezzanin nach dem Brand nicht wiederaufgebaut wurde, mußte ein höherer Drempel ausgleichen, was die Fassadenproportionen verzerrte.
Ein niedriger Vorbau betonte die Gastlichkeit des Hauses. Hinter der Eingangstür war man nach weiteren vier Stufen im Erdgeschoß angelangt. Die Treppenhalle war mit Mettlacher Platten im Schachbrettmuster ausgelegt, von hier erfolgte der Zugang zu den einzelnen Zimmern. Aus der Nutzung als Apotheke, Drogerie, Praxis und Wohnen auf beiden Stockwerken erklärt eine gewisse Sterilität der Treppengestaltung. Ganz anderes die dekorierte bis hin zu exaltierten Ausgestaltung der Zimmertüren, die die Fassadenformen noch übersteigern.





Weder in Rußland noch anderswo gibt es Villen oder Gutshäuser Scharouns, die mit der Dorfapotheke-cum-Schule von Sodehnen vergleichbar wären. Sowohl von der Architektur als auch von der Nutzungsgeschichte ist das Haus von Interesse, Generationen der Provinzbewohner kamen hier hindurch. Der Erhaltungsgrad des Hauses ohne dem Anbau ist hoch, die Verluste unbedeutend, sie können ohne großen Aufwand ersetzt werden.
- «Apotheker und Apotheken in Ost- und Westpreußen 1397-1945», Seiten 17, 277 ↩︎
- Nachruf auf Margarethe Mogk, „Ostpreußenblatt“ 07.09.1983, Seite 18 ↩︎
- Die Familie Gobert, ursprünglich Goubert, findet sich im „Westpreußischen Geschlechterbuch“ wieder, Band 4, Seiten 48-65. Der Bauherr Wilhelm Gobert wurde 12.12.1883 in Palschau geboren, sein Todesdatum und -Ort sind unbekannt. ↩︎
- «Deutsche Apotheker Zeitung / Pharmazeutische Zeitung“ 07.08.1935, Seite 1128 ↩︎
- «Angerapper Heimatbrief», 1994, Seite 48: «Trümmerfeld der Erinnerungen», Edith Hillebrenner ↩︎
- Ähnlich im Germaniagarten, Insterburg 1924, auch von Hans Scharoun (nicht erhalten) oder im WOGA, Berlin 1931, von Erich Mendelsohn. ↩︎