Abschlußbericht der Berliner Beratungen zum „Gemeinsamen Kulturerbe der Provinz Kaliningrad (Königsberg OPr)“, erfolgt auf Grundlage der Gemeinsamen Absichtserklärung von ICOMOS Rußland und ICOMOS Deutschland im Mai 2019
Am 26. und 30. Mai 2019 fanden in Berlin zwei Arbeitstreffen zum Projekt „Gemeinsames Kulturerbe der Provinz Kaliningrad“ statt. Es nahmen, von der deutschen Seite beauftragt, C.-P. Echter und Ch. Machat daran teil; von russischer Seite: S.P. Gorbatenko und D.B. Suchin. S. Enders, ein weiterer deutscher Fachvertreter, fehlte entschuldigt, genauso wie die Projektkoordinatoren N.O. Duschkina und J. Haspel.
Das reiche Kulturerbe der Provinz Kaliningrad (im Folgenden als Provinz bezeichnet) umfasse Einzel- und Gruppendenkmäler, sowie sehenswürdige Orte und Kulturlandschaften. Großartig sind auch die hiesigen Naturobjekte. Eine stattliche Zahl davon steht bereits unter Denkmalschutz, doch haben viele noch keinen solchen Schutz. Der Zustand dieses Kulturerbes variiert von fertig restauriert bis vernachlässigt ruiniert. Viele sind eingegangen und haben nichts als archäologisch zu erschließende Reste hinterlassen, Spuren in der Landschaft. Und setzt man sich an, etwas zu restaurieren, die bauliche Struktur einer historischen Siedlung zu regenerieren, oder eine Kulturlandschaft zu schützen, ist der Entwurf und die Umsetzung ein weiteres Problem.
In Kenntnis des Arbeitstreffens von S.B. Gorbatenko, des Leiters des Provinzdenkmalschutzamtes J.A. Maslow und der geladenen Vertreter der Provinzregierung, abgehalten in Kaliningrad am 17. Mai, kamen die Teilnehmer der Berliner Treffen im folgenden überein:
- Um die Wiederherstellung der Denkmäler der Provinz anzuregen, bedarf es in erster Linie der Aufklärung der Bewohner und der Besucher, einschließlich der Touristen aus dem In- und Ausland. Ihr Interesse an der lokalen Historie, der Kultur und dem Erhalt von Geschichtserbe gehört geweckt. Dieses Interesse und die Arbeiten an der Wiederherrichtung von Kulturerbe bildet die Grundlage für die nachhaltige Entwicklung der Provinz.
- Dafür bietet es sich an, einzelne Denkmäler vermittels Kulturtourismus-Routen zu vernetzen. Solche Routen sollten sowohl bereits restaurierte Objekte anfahren als auch problembehaftete, noch nicht konservierte und noch nicht erneuerte, in Erwartung neuer Nutzung stehende. Das Sichtbarmachen solcher Problemobjekte dient als Anreiz, Mittel für ihre Wiederherstellung zu finden. Diese neuen Routen ergänzen und optimieren bereits bestehende Ansätze derselben Art, sowohl in der Provinz als auch überregional.
- Bei der Denkmalklassierung verspricht hierbei die umfassendste Art die meisten Vorteile – jene der „Sehenswürdigen Ortschaften“. Darin finden sich Einzel- und Gruppendenkmäler wieder, geschichtliche Bauumgebung, Kultur- und Naturlandschaften, historische Stätten usw.1 Sind ihre Grenzen festgelegt und die städtebauliche Zonierung, wird es möglich, Denkmäler in ihrer gewachsenen historischen Umgebung zu bewahren und zu restaurieren, gestatten ihre der heutigen Zeit entsprechende Nutzung.
- Um das erforderliche Entwurfs- und Ausführungsqualität sowie die methodische Korrektheit in der Restaurierung zu sichern, und die Erkenntnisse aus diesem Gebiet zu verbreiten, sollten gemeinsame deutsch-russische Lehrwerkstätten mit Expertenrat des ICOMOS Deutschland eingerichtet werden, an einem oder mehreren dringend wiederherstellungsbedürftigen Objekten an einer Route. Es empfehlen sich die „Bunte Reihe“ von H. Scharoun zu Tschernjachowsk (Insterburg) und die „Friedenskirche“ von F.A. Stüler im Dorfe Salesje (Mehlauken). Die in den Lehrwerkstätten erfolgreich erprobten Herangehensweisen werden sodann in der gesamten Provinz verbreitet.
- Zwecks geordneter Zusammenarbeit von ICOMOS Rußland, ICOMOS Deutschland, der Provinzregierung und den lokalen Fachkräften ist es dringend angebracht, in Kaliningrad bäldigst ein Seminar oder ein Kolloquium abzuhalten. Darauf soll der Zustand des Kulturerbes der Provinz bewertet, in Übereinstimmung mit den Grundsätzen und Handlungen von ICOMOS, und die Daten zur Festlegung von vorrangigen Objekten und Routen zusammengetragen werden. Darauf basierend wird ein dreijähriges Arbeitsprogramm aufgestellt gemäß der Gemeinsamen Absichtserklärung von ICOMOS Rußland und ICOMOS Deutschland.
Nach russischem Bundesgesetz 73-FZ sind die „sehenswürdige Ortschaften von Menschenhand geschaffene oder von Menschen veredelte Naturschöpfungen einschließlich der Gegenden der Verbreitung bestimmter Volkshandwerksarten; ferner die Ortsmitten historischer Siedlungen sowie die städtebaulich und architektonisch zusammenhängende Siedlungsteile; außerdem die jene denkwürdigen Orte, Kultur- und Naturlandschaften, die auf russischem Gebiet im Zusammenhang stehen mit der Entstehungsgeschichte der Völker und ethnischer Gemeinschaften, mit den geschichtlichen und militärgeschichtlichen Ereignissen, mit dem Leben geschichtlich bedeutender Persönlichkeiten. Dazu zählen auch Bodendenkmäler und Anbetungsorte, Grabstätten von Opfern von Massenmorden, sowie religiös-geschichtliche Orte.“ ↩︎