…Es begann alles so schön!
Bis Ende 2020 plante man, alle Dächer der Bunten Reihe zu sanieren! Dann im Jubiläumsjahr 2021, alle Fassaden! Der Direktor der Sanierungsstiftung versprach dies dem Gouverneur Alichanow, als dieser unserer Bunten Reihe einen Besuch abstattete: neue Gehwege waren abzunehmen.
Dann der regionale Minister für Wohnungswesen und öffentliche Versorgung, S. Tschernomas, begleitet vom Stiftungsdirektor O. Turkin, des Stadtdirektors S. Bulytschew und anderen hochrangigen Beamten, beehrte mein Dachboden im Hause 6 und versicherte, unser Dach werde nach höchsten Standards repariert. Die Dachziegel wurden extra für uns bestellt, besser als bei allen anderen, „Jacobi“ sei die Marke… Der Stadtdirektor sprach gar davon, zum Abschluß unserer Sanierung mit Sekt anzustoßen…


Fad und sauer wird dieser Sekt, eher die Zusicherungen von der hohen Seite eingelöst sind. Der Baubeginn war am 28. Juli 2020. Das Ende war für Mitte Oktober 2020 angesetzt. Und dann kam alles anders.
Auch heute noch ist ein Ende der Dachreparaturen nicht in Sicht. Wir, die Bewohner des Hauses Elewatornaja-Str. 6, schauen mit Schrecken dem nahenden Winter entgegen, in einem klatschnassen Haus. Einen Ordner mußte ich sogar anlegen, „Chroniken größerer Reparaturen“, um die Vorgänge auf unserem leidgeprüften Dach zu dokumentieren. Denn es geschah folgendes.


Nachdem wir Bewohner erst so froh waren, daß die Arbeiten mit Schwung begannen, die Dachsparren ersetzt wurden, der Dachboden gedämmt und darauf die Dielen verlegt, begann unsere Freude zu schwinden. Das neue Unterdach glänzte mit riesigen fingerbreiten Spalten, an manchen Stellen paßte da eine ganze Hand hindurch. Zum Fragen hatten wir niemanden, geschweige denn zur Mangelanzeige, denn der Polier Ermolaew ließ sich über zwei Monate nicht auf der Baustelle blicken. Die drei Gastarbeiter aus Zentralasien schafften es indes, den neuen Boden so zu verdrecken, daß der vor Schmutz und Ruß dem Erdboden glich.
Dann ruhre die Baustelle für anderthalb Monate. Unter freiem Himmel, wohl bemerkt! Die Dachziegel, sagte man, seien an der Grenze „hängengeblieben“. Es kam wie es kommen mußte: der Regen kam. In Strömen. Die Folgen sieht man, Kommentare sind da unnötig. Von oben bis unten stand das Haus unter Wasser, selbst wir in unserer EG-Wohnung hatten Eimer rauszubringen. Vom 9. auf den 10. und dann vom 13. auf den 14. Oktober stürmte es regelrecht, das Wasser strömte überall, die Treppe glich einer Kaskade, und der Polier war nicht erreichbar. Immerhin bekam ich den stellvertretenden Stadtdirektor V. Woblikow ans Hörer, und ein Wunder geschah: die drei Usbeken kamen, die die ganze Zeit keine 100 Meter von uns hausten, deckten den Dachboden mit einer Plane ab, eine weitere hängten sie über die Fenster der oberen Stockwerk. Hängten ihr Schloß auf die Dachbodentür und gingen wieder. Jene Plane schlagt im Wind an die Fenster, raubt den Leute ihren Schlafen, doch wir kommen nichteinmal auf den Boden.









Die Dachsteine wurden endlich geliefert, die Folie verlegt — und wieder eine Zweiwochenpause: die Rinnenhaken wären zu spät bestellt, man müsse warten. Dann kam noch raus, mit dem Verlegen von dieser Art Dachkeramik hätten die Arbeiter keine Erfahrung (wie konnte derer Firma nur den Auftrag gewinnen dafür? Erst recht an den Denkmälern?). Dann, ein Konstruktionsfehler entdeckt: die geschwungenen Fledermausgauben waren an falscher Stelle gezeichnet worden, die Steine reichten nicht für den notwendigen glatten Übergang. Die Ziegeln an den ebenen Abschnitten hingen über die Dachrinnen und stellten sich quer, drohten, vom Dach gänzlich herunter zu rutschten. War man denn nicht imstande, ein Blick auf die Gegenseite zu werfen, wo am Zwillingshaus 7 ebensolche Fenster vorhanden sind? Oder die Vorkriegsphotos genau zu studieren? Dann entwarf wer einen weiteren Regenspeier hinzu, wo keines hingehört…



Das Schlimmste ist, unsere zahlreichen Briefe und Appelle an die Sanierungsstiftung, an das Rathaus oder den Denkmalschutz blieben gänzlich unbeachtet. An den Stiftungsdirektor Turkin wurden sie gar nicht erst durchgereicht, wie mir die Projektbetreuerin Milenko antwortete: „Hätte Herr Turkin alle Ihre Briefe lesen müssen, reichten ihm auch keine 24 Stunden für!“ Als ich ihr sagte, eine ordentliche Aufsicht habe es über die Baustelle nie gegeben, drohte mir gar mit einer Verleumdungsklage. An den amtierenden Rathauschef wurden unsere verstörenden Photoberichte auch nicht durchgereicht.
Verzweifelt wandte ich mich an die Regionalregierung, den Gouverneur persönlich. Und siehe da, am 11. November 2020 kam eine riesige Abordnung zu uns: der stellvertretende Stiftungsdirektor, die Leiter der Baufirma und der Planer, die technische und die Bauaufsicht, der Denkmalschutz und die Stadtverwaltung… etwa fünfzehn Personen insgesamt. Der Projektant ergriff das Wort und erklärte uns Narren, daß alles normgemäß korrekt sei: es wäre nicht nötig, Unterspannbahnen zu verkleben, die Überlappung von 10 Zentimetern reiche aus; einen nie gewesenen zweiten Abfluß verlangen die Vorschriften auch; die Schornsteinköpfe binnen eines halben Tages abzubrechen, neu aufzumauern und zu verputzen sei ebenfalls nach neuer Vorschrift! Als ihm aber gesagt wurde, die Arbeiter warfen Schutt in die Schornsteine, sodaß unsere Öfen keinen Zug mehr haben, war er sehr überrascht. Er wußte nicht, daß wir mit Öfen heizen!


Doch wenn alles so korrekt und normgemäß sei, warum ist unser Dach dann so krumm geworden, die Dachziegeln so abstehend, so anders als auf den Nachbardächern?
Tags drauf nahm man an einigen Stellen die zuvor verlegten Ziegel wieder ab. Die Baustelle ruht seitdem. Wir warten. Und warten. Der Winter rollt an.
Mna soll seine Helden kennen: den Bauherren, die Sanierungsstiftung, die Baufirma Pawa GmbH, die Planer Leister GmbH, die technische Bauaufsicht Alpstroy GmbH.
Als Baudenkmal vom bundesweiter Bedeutung unterliegt die „Wohnsiedlung „Bunte Reihe“ („Kamswykus“)“, 1921–1924, der Aufsicht des Kulturministeriums der Russischen Föderation. Wir, die Bewohner, schrieben dieses auch an. Per Einschreiben. An wen hätten wir uns sonst wenden sollen: an Putin etwa?
Wir warten weiter.
Olga Sidorenko