«Vorschläge zur strategischen Regionalentwicklung auf der Grundlage der Bürgerinitiativen» hieß das Praxisforum, welches vom 9. bis 19. August im ostpreußischen Insterburg stattfand.
Vorschläge, weil die Arbeit an ihnen noch fortgesetzt werde.
Strategisch, weil eine Vielzahl der Wege angezeigt werde, die auf der Grundlage verfügbarer Ressourcen das Ziel erreichen.
Regional, weil nicht nur die Entwicklungsperspektiven Nordostpreußens bestimmt werden, und die Arbeit sich am Raum nicht erschöpfe, sondern darüber hinaus auf spezifischen Ressourcen der Region beruhe.
Welche sind es im einzelnen? — kaum ein anderer wird es besser anzugeben wissen, als diejenigen, die bereits im Lande mit ihren Vorhaben ansäßig sind. Bürgerinitiativen sind folgerichtig die tragende Basis des Forums.
Wahrnehmungsschwelle
Die amtlichen Entwicklungsgänge seien schwerfällig, außerstande, auf den lokalen Kontext einzugehen, selbst dort, wo ein Wille dazu vonhanden sei: die verordnete Allgemeingültigkeit lasse dafür keinen Platz. Was ergänze sie feingliedrig mit Lokalem, auf daß ein Ganzes entstehe? was wäre imstande, mit dem siebten Sinn die Schicklickkeit oder Fremdheit des einen oder anderen taktischen Schrittes zu spüren? Lokale Initiativen können just so eine Kraft sein, jede auf einer ureigendsten Ressource beruhend und diese bearbeitend. Auch wenn sie noch keine Eintragung in die Matrix des modernen Wirtschaftslebens fand, in diesem konkreten Falle in Nordostpreußen, eines bliebe festzustellen: eine Strategie der regionalen Entwicklung sei ohne die Einbeziehung dieser Ressourcen und auch der täglichen Bedürfnisse wie Möglichkeiten der kleinsten Wirtschaftskreise der Gesellschaft, seien es
— Burgen, mit Insterburg und Georgenburg
— Artefakte der städtischen und Militärgeschichte, Geschichtsrekonstrukteure inklusive
— verlassene Fabriken, Häfen und Kanäle; oder Bernstein, welcher sich der Massenfertigung widersetze
— Amateurtheater, Festival moderner Kunst
— Tourismus, einzeln oder Kunsttourismus
— Erstlingsbauten des großen Hans Scharoun
— komplex verflochtene sozio-kulturelle Lage
— lokale Romantik
—
ohne sie alle sei die Strategie nichts als reine Geld- und Zeitverschwendung.
Lasse man sie unbeachtet, was bleibe für die Provinz dann? — Steueranreize für das Transportwesen als der einzige Lebenssinn?
Alle diese Ressourcen reihen sich würdig in eine regionale Entwicklungsstrategie, sobald diese deben dem amtlichen „ersten“ System von Wechselwirkungen auch über ein zweites „horizontale“ System verfüge, wenn dieses den pesonenbezogenen menschlichen Maßstab behalte, während sie weiterhin in der Lage sei, komplexe Prozesse zu verwalten. Solche Systeme und Methoden zu formen wurde dem Insterburger Forum zur Aufgabe.
Selbstverwaltung
Die Leistung einzelner Akteure nicht in Frage stellend, und ihre Beziehungen zu den bestimmten klar umgrenzten Ressourcen; ohne die Hierarchiesierung — wie komme man zur aufeinander angestimmten Handlungsweise der einzelnen Initiativen? Wie beziehe man sie auf übergeordnete Ziele und objektive Tendenzen? Eine jede Initiative bedürfe hier eines Interface, welchen die Trägern anderer Initiativen verstünden, einer stimmigen Projektform. Verflechtungen zwischen den einzelnen Vorhaben der von allen getragenen „horizontalen“ Strategie gehören strukturiert, auch die zwischen ihr und den externen Strukturen, von denen viele der hergebrachten „Verticalstrategie“ der regionalen Ressourcenutzung angehören. Auch dies ist eine Aufgabe des Forums.
Eine stimmige selbstverwaltete Projektform erarbeiteten beim „J-Forum“ die Vorträge, Werkstätten, Übungsspiele und ein zehntägiger Beratungsmarathon der „Progressor“-Unternehmensgruppe. Die regionale Agentur für wirtschaftliche Entwicklung ward zum Kritiker und Schiedsrichter, und half den Teilnehmern, ihre Projekte fertigzustellen, eine allgemeinverständliche Schnittstelle feinzustimmen, miteinander zu interagieren, sich nach der Art der verwandten Ressourcen oder Werte in Arbeitsgruppen zu vereinen.
Bindung
Wie arbeite man am Flechtwerk einzelner Initiativen, den hundertfachen Bezügen, die vielleicht einmal eine Außenpräsentation miteinander teilen und ein anderes Mal das Gebiet, dann wieder die Räume, Ressourcen, Werte, Produkte usw.? Die Grundlagen solcher Arbeit wurden beim „J-Forum“ auch angegangen, hier reichten den „Progressor“-Beratern die Konzepte-Visualisierungsexperten des ArchDepots die Hand. Es helfe u.A., Projekte zu versinnbildlichen, komplexe Abstrakta einerStrategie auf unmittelbar verständliche Bildsprache der Interaktionsmuster zu reduzieren. Am Ende entstand ein Ring, in dem die benachbarten Projekte von gemeinsamen Ressource oder Umsetzungsräumen vereint waren; ein Ring mit Verflechtungen der Wertesysteme, des Personals, der Sekundärressourcen… Die Strategie werde fast zu einem Dreamcatcher-Amulett.
Welche Zukunft ließ sich darin einfangen?
— humanitäre Innovationen
— Unterstützung von Bürgerinitiativen
— Informationsfeld
— Stadt als Marke
—grenzüberschreitende Bildung
— einmalige Fachkräfte
— Praxisausbildung
— Kultur-Produkte
—Individualtourismus
— Aufarbeitung des Preußischen Erbes
— neue Burgprozesse
— experimentelle Archäologie
—Handwerkerkurse — Gestaltung/Handwerk
— regionale Schule
— Regionalmarke
—…
Warum bloß finden sich in dieser Liste so viele Begriffe, die vom post-industriellen Wandel sprechen, vom Wechsel der Denkformate? Sind diese Begriffe nicht etwa in der Innovationsstadt Skolkowo besser aufgehoben als im ostpreußischen Insterburg? Nein! Die gesamte Kulturlandschaft der Region sei ein Lehrbuch der Umsetzung von Utopien, der inneren Kolonisation des neu aufgeschlossenen Landes, ein Muster westlichen Denkens im Raum russischer Kultur. Die Gatsgeberin und selbst Teilnehmerin des Forums, Burg Insterburg, befasse sich mit der Arbeit an diesem Potential. Zeitens des Forums wurden auch weitere Vorhaben dieser Art in die Wege geleitet, so das «Offene Zimmer» in der Scharounschen „Bunten Reihe“, eine neuartige Künstlerresidenz, die die Nachbarn auf der Straße mit einbeziehe.
Raum/Verbreitung
Wenn die Kulturlandschaft bereits die kulturellen Muster ausstrahle, muß die räumliche Entwicklungsstrategie auf Verstehen oder Verwandeln der Elemente dieser Landschaft basieren. Dieser Ansatz wurde 2010 vom SESAM und vom „Lokalisierung“-Seminar erprobt, zeitens des „J-Forums“ setzten sie Forscherarchitekten des ArchDepots die Linie fort. In enger Zusammenarbeit mit den Aktiven, die im lokalen Kontext tief verwurzelt, und mit den Beratern, die sich in der weiten internationalen Gemeinschaft auskennen, vermochten sie eine alternative zu entwickeln. Fort mit den dirigierten Zentralarchitekturen von der Stange, die den Kontext negieren; fort mit den ergebnisoffenen Wettbewerben, wo der Kontext nichs als Zierblende bei der Bewertung sei — durch iterative Zusammenarbeit eines lokalen Trägers einer Projektidee, eines externen Beraters und eines Fachmannes entstehe eine neue Art der Architekturwettbewerbe der „horizontalen“ postindustriellen Welt, die die Einmaligkeit der Länder unterstreiche.
In vivo
Wahrnehmung, Selbstverwaltung, Bindung und Verbreitung seien Begriffe, die eher in Biologie oder Ökologie gehören, als in Verwaltung und Strategieberatung. Nicht ohne Grund: Berater wie Forum-Ausrichter neigen dazu, die herausgekommenen strukturierten Vorschläge eine «Lebe-Strategie» zu nennen. Von ihrer Entwicklung und den Besonderheiten wird bei der Abschluß- und Fazitveranstaltung des „insterJAHRes-2011“ die Rede sein, im Alten Schloß der Burg Insterburg, vom 8. bis zum 10. Oktober 2011.
G.Saborskij, D.Suchin
Vollbild-Präsentation des Forums und der dort gezeigten Projekte.
- Georgenburger Zentrum für lebendige Geschichte
- Lehrwerkstätten
- Burgenring-Festival
- Freilichtmuseum Burg Insterburg
- Interaktives Bürgermuseum der Altstadt
- „Stadtstaat Burg Insterburg“, ein Spiel
- Service-Dock humanitärer Innovationen
- „Offenes Zimmer“, Kunstresidenz, Klub und Museum
- Sanierung des Lokomotiv-Rundschuppens
- Reinstadt
- Interaktive I´m-Karte Insterburgs
- Insterburg, Stadt der Kinder
- Wandertheater „Art-Mission“
- Juwelierschule „Schätze der Ostsee“
- Neue Segelflotte Rußlands
- Vielzweck-Sportanlage mit Springreit-Stadion
Pressemitteilung vorm Anfang des Forums.