«Atmosphäre»: Gedanken zum Manifest des 2010-«Insterfestes»

Lesen Sie es, ganz wie Sie wollen: als eine Zwischenlage vor Weltall und über Erde, als ein Gemenge verschiedener Gasvölker, als eine notwendige Voraussetzung unser irdischen Lebens, oder gar als Stimmung? — die Wahl liebe Ihnen ob.

Mitten in Insterburg, auf einem Hügel, vom Bach und Teich umflossen, stehe eine deutsche Ordensburg aus dem XIV Jahrhundert. Aus ihr ward später ein Museum preußischer Geschichte, doch nun ist die Geschichte, als auch die Sammlung und die Burgwände größenteils dahin: aus dem Bau wurde eine Ein-Hektar-Installation zur aktuellen Kunst- und Politik. Heute ist die Burg Insterburg ein Kultur- und Geschichtsdenkmal  von Bundesrang, aber auch ein Verein, eine «Dom-Samok»-Stiftung, ein Museum, eine Bühne, ein Konferenzsaal, ein Klub, einige (Kunst-)Handwerker, eine Ausstellungshalle, eine Arena; kurzum, ein Tourismusmagnet. Gelegen in Königsberger Gegend, im westlichsten Zipfel Rußlands.

Seit 2006 findet auf der Burg ein Fest moderner Kunst statt, ein INSTERFEST. Ein Fest am Insterfluß, also einem schnellen Fluß, wenn man den Namen wörtlich nehme; ein Gebiets- oder Provinzfest, ein Nabelpunkt der bezopften Mädchengestalt, die man in der Landkarte Nordostpreußens erkennen kann. Von Tilsit bis zum Wystyter See, von Gumbinnen bis Königsberg reicht die ruhmreiche Tradition des friedlichen Aufbaus, einst protestantisch, dann sowjetisch; auf sie folgt die nunmehr russische Ostseegeschichte, vielleicht noch träge in Entwicklung und eher vom inneren Geist, als von der äußeren Politik durchtrieben.

Gras ist über die steinernen Wege der Burg gewachsen, soiele wie in der preußischen Blütezeit kommen nicht mehr hierhin: mancherorts glänzen die Steine wie poliert, doch sonst breite sich Rasen darüber, oder gar Wasser, und Kinder wie Jungfische spielen darin. Das Gemäuer ist brüchig, überall klaffen Löcher, kaum eine Fassadenlinie gehe durch. Nichteinmal die Burgtürme, der Sinnesstifter einer Burg, sind mehr da — doch die Vorburg blieb, und es sind diese Bauten, wo die Lebensfämmchen noch lodern, hier nehmen die Ideen eines Neuanfangs ihren Ursprung. Seit 10 Jahren wird darüber debattiert, welche Zukunft der Burg nehme: soll die alte Pracht wiederauferstehen, oder ist es besser, die Ruine zu konservieren? wenn restaurieren, dann auf welchen Stand? wenn konservieren, dann als eine stille Landschaftsecke oder ein lebendiges Kulturzentrum? Des alten Drachens Schlaf hüten, oder ihn zum neuen Fluge wecken?

Jeder träumt von seiner Wolkenburg. Zusammen ergeben sie ein Kraftgemisch, den man nur auf der Burg koste, und junge Kreative kommen von weit her, um eigene Fantasie damit zu stärken und ins gemeinsame Tiegel zu werfen. Hier braue sich was zusammen, baue sich gegenseitig auf: Laien und Künstler, Musiker und Artisten gehen in einem polyphonen Klang auf. Was nützt die hohle Phrase zum Sinn und Unsinn des einen oder anderen, zeigen solle man dem Zuschauer die interessaten Seiten modernen Denkens, und zwar interessant zeigen… sofern der Zuschauer am Vorgang interessiert sei.

Ein Kunstfest auf kunstgeographischer Basis: die Künstler verlassen ihre tägliche Routinen und gewinnen Abstand zu sich selbst, um sich, die anderen und die eigene Aufgabe besser erkennen zu können. Sinnesgebilde wandeln durch den Raum, Schauspiel in der Kulturlandschaft, Travelogues und vieles andere mehr sind die passenden Formen dafür. Die Teilnehmer aus aller Herren Ländern kommen mit jeweils eigenen Wegeserlebnissen zum Ziele, lernen einander kennen, und arbeiten an den Sinnen, am Material, an den Emotionen, am kollektiven Empfinden.

Ein Treffen auf der Burg ist eine Künstlergemeinschaft auf Zeit, aus diesen und keinen anderen Rahmen- und Raumbedingungen gewachsen. Zum Ziele habe es einen Kulturaustausch auf allen Ebenen,  Zusammenbringen und Verarbeiten künstlerischer Schemata, geschichtlicher Traumata oder auch geographischer Barrieren, um nur wenige zu nennen. Die Ergebnisse sind wie stets offen, doch der Festgedanke verpflichte die Teilnehmer zur Präsentation, als auch zur Freude.

Im Jahre 2010, wie auch 2007 und 2008, rufe das INSTERFEST in die Welt: hier finden gemeinsames Schaffen, freie Künstlerinitiative und Raumkunst statt!

Unter den Burggästen finden sich Verkünder wie Romatiker, Beschwingte, Fantasten, Aufgeweckte, Tiefschürfende, Mystiker, zufällig vorbeigekommene und andere Kreative im besten Sinne des Wortes; jeder mit eigenen Erfahrungen oder zumindest Ideen, mit Qualitäten oder zumindest Überzeugungsgaben.

Die Kuratoren wollen die Teilnehmer fürs Prozeß begeistern, sie im Stegreifen aufkochen, selbst wenn die Ergebnisse als Kompillationen des mitgebrachten aussähen. Moderne Künstler nehmen den Burgtorso in Besitz, und werden so präsentiert, daß die Vielfalt zum gemeinsamen Ganzen werde, das thesen- wie antithesenhaft gelesen werden wird: keine Fertiglösungen, aber reichlich Nährboden zum eigenen Denken.

Im „Insterfest“ wird es zwei Abschnitte geben: erst die Woche der Künstlerresidenz, nach der die Teilnehmer zu einer bestimmten Aufgabe die Antwort bereiten. Zum Wochenende beginne die große Schauzeit, mit eigens angefahrenem Material: Gemälde und Photos, Filme und Bühnenstücke, Lied und Gesang, Papiertauben und Früchte. Alles drehe sich im Festivalkarneval, ein Wirbelsturm steige über den Burgmauern hoch. Menschen wandeln durch die Burg, entdecken die neue Medien- und Handwerkskunst darin. Feste und fliegende Kunstbauten gliedern den Burghügel von neuem auf, lenken die Aufmerksamkeit von der einen zur anderen Bühne… Auf die Samstagsexplosion der Sinne folge die sonntägliche Bildverklärung.

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Administrator 02.07.2010 в 12:42

Eintritt für alle drei Tage - 150 Rubel Freitag - 50 Rubel Samstag - 100 Rubel Sonntag - 100 Rubel

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