Am 16. Juni 2010 veranstaltet das Moskauer Institut für Theorie und Geschichte der Architektur und Stadtplanung der Russischen Akademie der Architektur und Bauwissenschaften (NIITIAG RAASN) einen Runden Tisch zur „Erforschung und Wiederbelebung des städtebaulich-architektonischen Erbes von Ostpreußen (Gebiet Kaliningrad).“
Als Teilnehmer werden gemeldet Frau Irina Belintsewa, Herr Wiktor Pustowgarow, Herr Andrej Nekrasow und die Studenten der Moskauer Architekturhochschule mit ihren Entwürfen.
„InsterJAHR“ wird mit einem Informationsbeitrag vorgestellt und hofft, auf dieser Weise der Stärkung akademischer Beziehungen unserer Initiative beizutragen.
Eintritt ist frei, stattfinden wird die Runde an der Großen Dmitrovka, Haus 24, 2. OG im Konferenzraum. Beginn 14:00 Uhr.
Institutsdorektor I.A. Bondarenko leitete die Aussprachen ein und unterstrich die Bedeutung des Themas in der gegebenen soziokulturellen Lage, aber auch den bedeutenden Beitrag des von ihm geleiteten Instituts bei der Erforschung der Architektur des deutschen Landes. Zusammenarbeit der Geschichtsforscher, Entwerfer, Politiker usw. ist hierbei unabdingbar. Neue Herangehensweisen im Umgang mit dem deutschen Kulturgut seien vonnöten, so I.A. Bondarenko. Leitende Wissenschaftlerin des Instituts I.W.Belintzewa berichtete, daß Nordostpreußen ein Glied in der südlichen Uferkette der Ostsee sei und als eines der Vorranggerionen internationaler Zusammenarbeit gelte. Potentiele sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung, sowie der Zusammenarbeit im Ostseeraum seien hier enorm, und die Kulturentwicklung dürfe nicht hinter der wirtschaftlichen Zurückbleiben. Moderne Kulturpolitik sei aber ohne die Erforschung des deutschen Kulturerbes nicht möglich. Viel zu wenig davon sei bisher an der Architektur getrieben worden, die das Bild geschichtlicher Siedlungen Nordostpreußens wesentlich präge. Es gehöre viel Akribie dazu, die bauliche Entwicklung einzelner Orte zu rekapitulieren, ihre bedeutsamsten Bauten wieder ans Licht zu bringen. Die momentane Forschungsarbeit genüge dem nicht und gleiche der Heimatkunde; deutsche Forschungen gebe es auch nur wenige, zumeist über das Mittelalter. Die meisten Arbeiten zu den unterschiedlichen Fragen ostpreußischer Architektur und Städtebaues kommen aus Polen. Wissenschaftssekretärin des Instituts N.A.Konowalowa berichtete von der momentanen Entwurfslage im Gebiet und las den Text des Architekten D.Suchin, Projektbeauftragten des internationalen "insterJAHRes" zu Insterburg. Zuvor ist dasselbige bei der Moskauer Architekturbiennale im Juni 2010 der Öffentlichkeit präsentiert worden. Seitdem ist ein internationales Symposium der Architekten, Baumeister und Restaurateure zum Thema behutsamer Erneuerung durchgeführt worden, eine Vereinbarung zu gemeinsamen Ausbildung der Bauhandwerker ist zwischen der Königsberger Bauschule und der DenkmalAkademie der Stiftung Denkmalschutz getroffen worden (beides Teilnehmer des "insterJAHRes"). Erste Sommerseminare sind bereits angelaufen, einige Festspiele sind bereits im Anlauf, darunter das erste EASA-Regionaltreffen Rußlands. Abschlußstudent des Moskauer Architekturinstituts P.Prischin berichteten vom denselben SESAM-(Regional-EASA)-Treffen zu Insterburg und den Projektwerkstätten, die dort geplant sind. Ihr Hauptaugenmerk wird den Stadterneuerungskonzepten für Insterburg gelten, denn die Stadt liege bruchstückhaft dar. Beim Stadtfest am 3. September 2010 werden die Ergebnisse des Treffens junger Architekten öffentlich gezeigt. Die Rede schloß mit der Präsentation eines interessanten Kurzfilmes zur Wiederaufrichtung der ostpreußischen Stadt Insterburg. Direktor der Königsberg-Abteilung des Instituts W.I.Pustowgarow berichtete vom Umgang mit den deutschen Erbe Nordostpreußens und dem Wandel der Ansichten hierzu. Bis in die 1990er schwieg man das geschichtiche Erbe tot, politisch bedingt. Altbauten gab man zur Baustofgewinnung frei, Litauen war der Nutznießer. Auch heute, wo die politische Lage seit der Perestrojka gewandelt, gehe die Zerstörung der Baudenkmäler fort: bestenfalls 4-5 Kirchen werden restauriert, und das zumeist auf deutsche Iniziative hin. Den Dom zu Königsberg habe man wiedererrichten können, die Kirchen in Palmnicken und Brandenburg, aber auch Brandenburg selbst zeige die ersten Zeichen der Erneuerung, und sei es die Erneuerung der Leitungen. Es zeige sich allerdings auch Konzeptlosigkeit der Regionalentwicklung, so W.I.Pustowgarow, und das angesichts des anvisierten Bevölkerungszuwachses um das 2,7-fache! Abschließend zeigte er einzelne Beispiele der Erneuerung an, so z.B. einer Straße zu Neuhausen. Professor des Moskauer Architekturinstituts A.B.Nekrasow widmete sich dem künftigen Königsberg und zeigte studentische Arbeiten beim internationalen Wettbewerb für einen Musiktheater dort: dieses sei wesentlich für die Entwicklung des Stadtkernes, wo bisher gähnende Leere herrsche. Dies verdeutlichten die vom Professor gezeigten historischen Ansichten der dichten Altstadtbebauung, verglichen mit der Stadt nach der Ruinenräumung und der heutigen Lage. Die Aufgabe der Studenten war es, nicht etwa das gewesene nachzuäffen, sondern den Geist des gewesenen Königsberg wiederaufleben zu lassen. Das Leben und Wirken Kants, Hoffmanns und Wagners bilden eine Gedankenwelt, die weiterlebe und zur Grundlage eines westeuropäischen Stadtteils werden könne. Auch dem Tourismus seien die örtlichen Besonderheiten sehr gelegen. I.A.Bondarenko regte an, die Vorträge in einem Sammelband zusammenzufassen, worin die Geschichte, die Zustandsanalyse und die in die Zukunft weisenden Entwürfe jeweils einen Teil bilden. Es sei die Absicht dieses Runden Tisches, die geschichtlichen Ansätze und neue Ideen zur Stadterneuerung Nordostpreußens zu koppeln. An der Diskussion beteiligten sich ferner Ju.P.Wolczok, A.W.Kaftanow und andere Institutsmitarbeiter, als auch Vertreter der Architekturakademie. Es wurde eine Entschließung verfaßt.