«Durchs Arbeiten wird ein Wunder zur Tatsache»

In der neuen Dauerserie „insterJAHR-2010“ faßt die Zeitung „Polüs+TV“ (Galina Kaschtanowa-Jerofejewa) das erste Insterburger Architekten- und Baumeister-Kolloquium zusammen. Ihr Artikel ergänzt und schließt seinen Vorgänger ab, der dem Eröffnungstag des Kolloquiums gewidmet war.

Am 3. und 4. Juni setzte das Internationale Kolloquium der Architekten und Baumeister zur Restaurierung, Rekonstruktion und Instandsetzung seine Arbeit fort. Als einen Teil des „insterJAHR“-Programms veranstalteten ihn die Insterburger Stadtverwaltung und die Arbeitsgruppe der Burgstiftung. Es traten auf:

  • Iwan Chichlja, Experte der Ostsee-Verwaltung des Bundeskulturschutzamtes Rosochrankultura („Rechtliche Regelungen in der Restaurierung und der Lizenzierung der Restaurierung. Staatliche Kontrolle der behördlichen Auflagen und Bedingungen“);
  • Georg Wasmuth, Architekt, stellvertretender Leiter des Ausschusses Denkmalpflege der Berliner Architektenkammer, in Vertretung des Landesdenkmalamtes Berlin („Planung der Denkmalschutzmaßnahmen und die Beteiligung daran seitens der Hauseigentümer ‚“);
  • Olga Sidorenko, Bewohnerin der „Bunten Reihe“ („…Meine Straße, auch bei Unwetter bist du mir lieb“);
  • Andreas Vogel, Leiter Bildungsprogramme, DenkmalAkademie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
  • Markus Kepstein, Leiter Handwerksausbildung, DenkmalAkademie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz    („Handwerkerausbildung in Restaurierungstechniken in Deutschland / Fachschulausbildung / weitergehende Berufsschulung in der DenkmalAkademie in Görlitz);
  • Lazarus Fuchsson, Mitglied des Kuratoriums der Kaliningrader Städtebauschule („Probleme und Perspektiven der Berufsausbildung im Bereich Baus und Restaurierung“);
  • Remco Vermeulen, Mitarber der „Stadsherstel Amsterdam“ („Firmengeschichte der „Stadsherstel Amsterdam“, Erfolge des firmeneigenen Geschäftsmodells zur Rettung historischer Bauten“);
  • Wilfried Wolff, Bauingenieur, Vorsitzender des Ausschusses Denkmalschutz der Baukammer Berlin („Sanierung von Baudenkmälern des 19.-20. Jahrhunderts, aus der Praxis des deutschen Architekten: Umgang mit den Behörden, Ämtern und Verbändern der Denkmalpflege, sowie Hauseigentümern und Mietern“).

Vertreter der Stadtverwaltung nahmen am Kolloquium teil

  • Andrej Bykow, amtierender Stadtvorsteher,
  • Wladimir Belan, Kreisarchitekt ,
  • Galina Prokoptchuk, Leiterin der Architekturabteilung des Stadtamtes für Immobilien, Bodenbesitz und Architektur,
  • Eugen Welitchko, Leiter der Stadtamtes Wirtschaftspolitik und Verbrauchermarkt;

sowie:

  • Sergej Tchechin, Leiter eines Architekturbüros (Königsberg),
  • Oleg Vasütin, Gründungsmitarbeiter des Architekturbüros „NW Projekt“ (Königsberg),
  • Elena Zwetajewa, Direktorin der Königsberg-Abteilung des Staatszentrums für moderne Kunst,
  • Benedikt Hotze, Redakteur der «Bauwelt» und des «Baunetzes»,
  • Vertreter der Verwaltungsgesellschaft der Bunten Reihe.

Die Abschlusssitzung Kolloquiums entwickelte eine lebhafte Diskussion der Experten auf dem Podium und der Bewohnern: jeder kommentierte, wertete, äußerte seine Wünsche.

R. Vermeulen: „Schon bei der Haushaltsplanung sollten die Behörden Mittel für die Restaurierung von Denkmälern einstellen. Zählen sie auf Menschen, die bereit sind, in die Restaurierung zu investieren — Bankiers und Unternehmer. Vergessen Sie die Bewohner nicht dabei, nehmt sie mit bei der Erhaltung von Denkmälern.

O. Sidorenko: „Es kam, daß ich und meine Familie in einem der Häuser der „Bunten Reihe“ leben. Ich stehe völlends hinter dem Vorhaben, die Siedlung des Weltarchitekten Hans Scharoun zu restaurieren, und habe in dieser Hinsicht schon viele gleichgesinnter unter den Bewohnern. Wir haben nunmehr sogar eine Webseite www.scharoun.ru, mit Informationen zum Architekten und zum Leben unserer Straße in allen Jahren“.

W. Smirnowa: „Das, was heute hier geschehe, gleiche an ein Wunder: ein  Zusammenfallen von Interessen, von Bürgerinitiativen, von der amtlichen Unterstützung, von der Erfahrung führender Fachleute — das ist ein Glücksfall für uns Insterburger! Einen fernen Ziel vor Augen, müssen wir nun alles daran setzen, ihn zu erreichen: zu dem vielen, was wir schon zu leisten hatten, kam nun noch mehr dazu. Und es ist ein schönes Gefühl.“

A. Oglesnew: „Ich bin froh, daß wir den Mut hatten, dieses Projekt anzustoßen, obwohl es noch vor einem Jahr völlig unerreichbar schien. Doch nun fand das internationale Kolloquium statt. Ich werde den Impuls, den ich hier erhielt, an die Studenten weitergeben — künftige Architekten und Designer kommen in ein paar Tagen nach Insterburg für ihre Praktika. Im August wird SESAM, die europäische Sommerschule für Architektur zum ersten Male Rußland besuchen, und dann ausgerechnet Insterburg… Wir nehmen vom Kolloquium wertvolle Ratschläge mit nach Hause. Die Ergebnisse werden an den Gouverneur weitergereicht; da hoffe ich auf sein Verständnis. Doch Sprechen ist leicht und gut, wichtiger ist es für uns, zur konkreten Arbeit überzugehen. Wir brauchen ein gescheites und gesetzeskonformes System einer guten Zusammenarbeit aller Beteiligten, also der Ämter, der Öfentlichkeit, die Projektteilnehmer, der Unternehmer usw. Ich wünsche, wir gingen endlich vom Kampf fürs historische Erbe zur Arbeit für die Erhaltung dieses Erbes über. Genug des Kampfes — die Arbeit wartet auf uns!“

E. Welitchko: „Mein Dank gilt den Experten für ihren wertvollen Rat, dafür, daß sie sich die Zeit nahmen, zu uns zu kommen, uns zu unterstützen am Anfang unseren Weges. An der Wiederherstellung architektonischer Denkmäler kann man nur arbeiten, wenn die Öffentlichkeit mit beteiligt ist, wenn diejenigen, die in diesen Häusern leben, ein leibhadtes Interesse daran verspüren. Wohl gebe es staatliche Förderung des Erhaltes vom kulturellen Erbe, unser Ziel muß es sein, in diese Förderprogramme einzutreten, auf daß sie bei uns in Insterburg in Gang kommen.“

D. Suchin: „Viele der Türen, die wir glaubten geschlossen vorzufinden, zeigten sich offen. Jetzt liegt es an den Fachleuten, alles entwurfsmäßig bestens vorzubereiten — und an den Bewohner der „Bunten Reihe“, die sich in einer ihnen passenden Form zusammenfinden sollten. Schade, daß weit weniger Bewohner den Weg zum Kolloquium gefunden haben, als wir erhofft… An die Experten möchte ich die Bitte richten: dürfen wir möchten auch weiterhin, wenn möglich, auf ihre Ratschläge rechnen?. „

W. Brenne: „Ihr Architektursommer öffnete den Behörden, der Öffentlichkeit, den Anwohnern und den Fachleuten die Türen für gemeinsamen Diskussionen über den Umgang mit kulturellem Erbe. Wir hoffen, unsere Daten und Konzepte helfen ihnen, eine Grundlage für weitere Schritte zu entwickeln. Wichtig wäre es, eine Datenbank für die Projektteilnehmer zu schaffen, in erster Linie für die Bewohner der Häuser, denn sie sollten wissen, was sie schon und was in ihren Denkmalhäusern nicht ändern können: manchmal schaffen es die Leute, statt ihre Wohnungen zu verbessern, sie zu verschlimmern… Für mich war es köstliche Tage, es ergab sich eine Verbindung zwischen meiner Arbeit an der Restaurierung von Bruno Taut, gebürtig aus Königsberg, und der  „Bunten Reihe“ von Hans Scharoun. Danke an Dimitri Suchin für sein Mühen am öffnen geschlossener Türen und den Willen, die „Bunte Reihe“  zu retten. Möge die Erfahrung, die wir in Berlin hatten, dem Insterburg-Projekt zum Erfolg verhelfen.“

G. Wasmuth: „Unter dem Neuen, was ich für mich entdeckt, sind zwei wahre Schätze: einmal sind es die Menschen, mit denen ich Gelegenheit hatte, mich zu treffen. Ich bin ganz sicher, daß ihr es vollbringen werden, was sie im Sinn haben — Scharoun-Häuser inbegtriffen. Stünden sie in Berlin, wären sie ganz sicher unter die Ägide von UNESCO gestellt. Ihr Geschichts- und Kulturwert ist sehr hoch, das müssen sie an die Bürger tragen, sowohl in der Stadt, als auch in der Region und ganz Rußland. Dies ist ein Denkmal vom Europrang, um nicht mehr zu sagen. Was seine Wiederherstellung anbelangt, so braucht man Entwürfe hoher Qualität und eines hohen Grades der Zusammenarbeit zwischen den Ämtern, der Öffentlichkeit, den Anwohnern, der Schutzbehörden und der Objektüberwachung bei der Ausführung. Doch dies mögen leere Worte bleiben, wenn man nicht genug Geld auftreibe. Viel Glück wünsche ich ihnen bei der Lösung aller Probleme und Widersprüche.“

M. Kepstein: „Eine Reise zu Ihrem erweiterte meine Erfahrungen auf wunderbare Weise. Es freut mich, bei diesem historischen Moment dabei gewesen zu sein, ich sah ihr aufrichtiges Interesse an der Wiederbelebung der „Bunten Reihe“. Es ist wichtig, die Bewohner für die Häuser zu begeistern, in denen sie leben. Sind sie einmal stolz darauf, werden sie sich um sie kümmern. Wir unsererseits sind bereit, mit unseren Erfahrungen zu helfen.“

A. Vogel: „Dem vorhergenannten schließe ich mich an: die frühzeitige Einbindung der Bewohner, der Verwaltung und der Fachleute in die Arbeit an der Lösung anstehender Probleme kann alles erheblich beschleunigen. Eine weitere Frage blieb bisher unerwähnt: jede Sanierung ist immer eine Katastrophe für die sogenannten „kleinen Untermieter“; vergesset also die Fledermäuse nicht, auch nicht die Bienen und die Kleinvögel. Ohne sie blüht kein Vorgarten; die einen bestäuben ihn, die anderen gehen gegen die Schädlinge vor… Viel Erfolg möchte ich ihnen bei der Entwicklung des Handwerks wünschen, denn Handwerk ist der Rückgrat der  Gesellschaft, die tragende Kraft seiner Entwicklung. Wir, von unserer Seite, sind bereit, in der Ausbildung mitzuhelfen.“

W. Wolff: „Sowohl Berlin, als auch Insterburg tragen den Bären im Schilde, und Bären sind bekannt, pelzige, stämmige, starke Tiere zu sein: allesamt Qualitäten, die auch am Bau gefragt sind. Der Bau und Wiederaufbau von Häusern sind vielschichtige Prozesse: es müsse organisiert, kalkuliert, entworfen, letztlich gebaut werden… Es ist sehr wichtig, um eine gründliche Untersuchung und Kartierung von dem zu rekonstruierenden Bau durchzuführen. Sie werden nei euch von Studenten erledigt werden — denken sie daran, alles mit den Bewohnern abzusprechen, auf daß sie kein Gefühl bekommen, nun von einem „Heuschreckenschwarm“ überfallen zu werden… Sie sind in einer schwierigen Lage, doch denken sie daran, auch wir hatten nicht alles einfach, man stößt sich und stolpert und erleidet Verwundungen; daraus lernen wir. Heute freuen wir uns, aber es kommen auch Tage, wenn alles aus den Händen fällt und nichts gelingen will. Wir hoffen, dass an diesen trüben Tagen uns das Licht der Zusammenarbeit weiterhelfe. Ich wünsche, unsere kommende Gespräche verlieren den Rang von etwas Außerordentlichem, daß Anrufe oder Briefe aneinander in dieser Sache alltäglich werden. Nützlich wäre es, einen genauen Datum des Baus der „Bunten Reihe“ zu bestimmen und in unsere Kalender einzutragen, um Jahrestage zu begehen. Jubiläen können nämlich sehr hilfreich sein…“

J. Cord: „Seit 15 Jahren lebe ich im Kreis Insterburg, vom „insterJAHR“ las ich in den Zeitungen, vom Kolloquium erzählte mir Jacob Herzen gelernt. Von Beruf bin ich Handwerker (heute wird das Wort in Rußland nur selten verwendet). Ich habe viel Nützliches für mich gehört, einschließlich der Rechtsfragen… Es würde mich freuen, nach Möglichkeit am Projekt mitzuarbeiten…“

Schließlich bemerkte Andrej Zhirnow, stellvertretender Leiter der Stadtverwaltung, daß der angespannten finanziellen Lage zum Trotz die Stadtverwaltung es immer als eine Priorität angesehen habe, Kulturerbe zu erhalten. Ein Zeichen dessen ist auch die Freigabe der Mittel dafür in diesem Jahr und im nächsten Jahr, wenngleich sie auch bescheiden waren. Er dankte den Experten und dem Publikum für Rat und Engagement bei der Diskussion um die vielen Aspekte der künftigen Zusammenarbeit.

Das Kolloquium verfaßte eine Entschließung.

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