„Die Agentur für Architekturnachrichten“ (Natalia Korjakowskaja) liefert eine detaillierte Beschreibung der Debatten und Vorträge der Moskauer Architekturbiennale und ergänzt so das Kuratorenmanifest:
„…Die Ressourcen der Stadt und bewußter Umgang mit ihren gehören zu den Hauptthemen der aktuellen Biennale, es ist auch die Frage, die auf eine oder andere Weise nahezu alle nicht-kommerzielle Projekte untersucht haben, von Perm (Ausstellung des Generalnenauungsplanes und des Stadttheaters) bis zu studentischen Arbeiten. Am Beispiel von Dubna und Insterburg zeigten die jungen Architekten eine Reihe von nicht alltäglichen und dennoch realistischen Szenarien der Wiederbelebung russischer Kleinstädte. Für Dubna sieht man die Lösung im einst hervorragenden und jetzt vernachlässigten Netz von Radwegen,
und für Insterburg (Nordortpreußen) sieht man den vertborgenen Bodenschatz in den historischen Altbauten, in einzelnen Bauten und ganzen Siedlungen, die in den 1920er Jahren vom berühmten deutschen Architekten Hans Scharoun erbaut.
Demgleichen Thema war das bereits mehrfach publizierte „Krapiwna: die Wiederauferstehung“-Projekt gewidmet. Unter der Führung des Professors Eugen Asse entwickelten Studenten eine allumfassende Strategie für die Wiederbelebung der Stadt und Wiederaktivierung ihres sozialen und kulturellen Lebens. Einer besonderen Beachtung verdient die Tatsache, daß die Studenten die wirtschaftliche Seite der Frage gleich mit konzipierten: sie schlagen vor, aus Leo Tolstoi eine Art Landmarke zu schaffen (zeitweilig war der Schriftsteller in der lokalen Körperschaft tätig), und auch Likörfabrikation wiederaufzunehmen.
Die Vorstellung des Projektes, von Eugen Asse persönlich abgehalten, war ein Publikumsmagnet. Rührend in ihrer Schlichtheit und Zurückhaltung, könnten die Bauobjekte niemanden teilnahmslos lassen — und Professor Asse betonte, eben dieses für besonders wichtig anzusehen: nach ihm sei es für Studenten weit schwerer, die „neue Einfachheit der Provinzarchitektur“ zu erschaffen, als etwa einen Prachtbau eines neuen Flughafens. Die Architekten des Büros „AB Ostoschenka“ wandten sich auch and die bestehende Textur historischer Stadtviertel bei ihrer Suche nach Quellen für die Modernisierung der Stadt. Wie bei der Präsentation des Projekts vom Andrej Gnezdilow hervorgehoben, fanden sie ihr Modul in den geschichtlichen Parzellen, die meist von den Brandmauern umgrenzt sind. Für jeden Parzellentyp entwickelten die Architekten eine Reihe von Optionen für die behutsame Nachverdichtung, die sowohl den Maßstab,. als auch die Eigenart der Nachbarschaft wahren.
Alle diese Projekte stehen im Einklang mit der Logik europäischen Städtebaus, doch der Kurator ergibt sich keinen Illusionen hinsichtlich ihrer Umsetzung.Bei einem der Runden Tische meinte Bart Goldhoorn ausdrücklich, daß Nachhaltigkeit zwar ein Modenthema sei, aber doch kein russisches, um es milde zu sagen. Kann man den russischen Bauherren davon überzeugen, daß energiesparende Architektur langfristig viel vorteilhafter sei als alles, was heute in unseren Städten entstehe? Und wenn, dann wie überzeugen? Bart Goldhoorn selbst erkennt hierbei nur die soziale Verantwortung und lehnt jeden Gesetzeszwang ab: durch ihn erreicht man bestenfalls, die kreative Freiheit des Architekten zu beschränken. Bleibt zu hoffen, daß die Mentalität des Bauherren sich in einigen Jahrzehnten unweigerlich wandele, und dann vielleicht sogar zum Besseren. Dem Kurator sind so lange Zeiträume kein Schreck: einst hatte schon die biomorphe Architektur alle Nöte, sich in Rußland heimisch zu machen (wovon diese nach seiner Stellungnahme nur profitierte) — nun habe die nachhaltige Architektur denselben Unstand, und das ist auch schlecht, denn noch wird sie in erster Linie als Öko-Hype wahrgenommen und eben abgelehnt. Recht so! Viel wichtiger sei es, wenn der Bauherr anderes begreifen lernt, sowa die Zweckmäßigkeit der Flachbauten oder jene gemütlicher Patios. Qualitative Wohnumgebung soll per definitionem nicht teuer sein, und das ist es, was die Präsentationen der diesjährigen Biennale und ihre Debatten so überzeugend darlegten.



