«Architektur: Musik, in den Jahrhunderten erstarrt!»

Die Wochenumschau Sergej Smirnows «WESTI-Kaliningrad. Ereignisse der Woche» bediente sich des bekannten Schriftstellers und Kulturologen Alexander Popadin und befaßte sich unter dem Motto «Architektur sei Musik, in den Jahrhunderten erstarrt» neben anderen beachtenswerten Vorgängen im Nordostpreußischen auch mit dem Insterburger Kolloquium: Gebe es wirklich eine Chance, der einmaligen Siedlung ihr Antlitz zurückzugeben?

Ansage: Diese Woche fand zu Insterburg ein internationales Kolloquium statt, den Baudenkmälern des 20. Jahrhunderts gewidmet, oder genauer: ihrer Erhaltung und Erneuerung. Man sprach von den Wohnhäusern, die auch heute noch als solche dienen, unter anderem von der Wohnsiedlung an der Bunten Reihe und der Kamswyker Allee und wie sie wiederhergestellt werden könne. Diese Bunte Reihe haben die Stadtverwaltungen und -Bewohner zum Pilotobjekten bestimmt. Genaueres berichtet uns in der folgenden Reportage der ständige Gast unserer Reihe, der bekannte königsberger Kulturologe Alexander Popadin.

Alexander Popadin: „Unsereins setze gewohnlich geschichtliches Erbe mit Denkmälern und Museen gleich. Die Regierung und der Gouverneur sitzen z.B. in einem Geschichtsbau. Mit dem Gedanken, in einem solchen geschichtlich beladenen Hause zu wohnen, machen wir uns schwer: Wohnen im Denkmal, wie gehe das? Aus der Insterburger Sicht ist die Frage verständlicher, denn anders als in Königsberg hielten sich hier die Kriegsverluste in Grenzen, man hatte Glück im Unglück. Etwa 80% der Bebauung sind hier Altbestand, und heute kam denen eine besondere Rolle zu: Wissenschaftler als verschiedenen europäischen Ländern kamen zusammen um zu beratschlagen, wie Bauten der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zum neuen Leben vorbereitet werden können.

Dimitri Suchin: „Eingeladen haben wir die Fachleute aus Königsberg, Moskau, Petersburg oder Amsterdam. Unter den deutschen Teilnehmern werden solche sein, die schon etwa 30 Jahre Wohnsiedlungen bearbeiten, die unsrigen überaus gleichen, wie die in der Kasernenstraße oder eben der Bunten Reihe stehen — nur daß jene, restauriert, im Vorjahr in die Welterbelisten der UNESCO kamen.“

Im Rahmen des «insterJAHRes» werden nicht nur Kolloquien abgehalten: es kommen z.B. auch Stundenten in die Stadt, ferner Architekten und Restaurateure aus St.Petersburg, Kasan, Insterburg… Im August wird unser Land in Gestalt Insterburgs erstmals die Teilnehmer der renommierten europäischen Architektenvereinigung SESAM willkommen heißen — doch heute schon widmen die Experten, die Stadtbeamten und die Stadtbewohner ihre Zeit der Frage, wie mit einigen unansehnlichen Häusern am Stadtrande Insterburgs verfahren werden solle, eben mit der Straße, die jetzt nach Elevatoren genannt sei, ursprünglich jedoch Bunte Reihe hieß.

Alexander Popadin: „Die Wohnanlage an diese Straße war in den 20er Jahren von Hans Scharoun errichtet worden, dem berühmten deutschen Architekten. Sie hieß «Bunte Reihe» und dieses eine Haus hatte zudem einen eigenen Namen, man nannte ihn «das Schiff». Die Stirnseite war so geformt, daß sie dem wellenschneidenden Schiffsbug glich. Die Zeit ließ das Haus nicht ohne Blessuren davon, doch die anderen Teile der Siedlung sind im besseren Zustande.“

Winfried Brenne: «Die Bauten sind hier vom besonderen Interesse, ihre Gattungsberwandte in Berlin untersuche ich seit über 20 Jahren. Für die Stadtgeschichte sind sie von besonderer Bedeutung und auch für die Leute, die darin leben».

Reich sind die Häuser nicht, eher Sozialniveau, doch auch bei solchen Bauten schickte sich der Architekt an, einem jeden Aufgang ein eigenes Gesicht zu geben, eine eigene Farbe, die auch heute noch — 90 Jahre später! — auf der Fassade sei. Wie uns due europäsche Erfahrung lehre, sei es bei der Retsaurierung der Wohnhäuser besonders wichtig, die Bewohner mitzunehmen: sie können die Vorhaben antreiben oder aber behindern. Mit einem jeden Bewohner müssen besondere Schutzvereinbarungen abgeschlossen werden, in denen sie sich verpflichten, einmal restaurierte Räume zu pflegen und z.B. die Holzfenster nicht gegen Plasterahmen auszutauschen. Ohne die Bewohnerschaft läse man die Hausprobleme nicht: schön, daß viele von denen bereit sind, bei so einem Pilotversuch mitzumachen.

Olga Sidorenko: «So haben wir endlich irgendwelche Aussischten: daß die Straße etwa wiederhergestellt werde, daß sie zum neuen Leben finde, daß ihr Beauchtung zuteil wird. Ich hoffe, die Bewohner werden dies unterstützen, es fanden sich schon viele Gleichgesinnte».

Alexander Popadin: „Insterburg hatte Glück — und ward zum Ort, wo heute neue Wege zur Zusammenarbeit der Lokal- und Gebietsbehörden begangen werden, und auch des Denkmalschutzes und der Bewohnerschaft, die alle ihre Häuser in Ordnung bringen wollen um ferner in keinem 0815er Typenbau zu hausen, sondern in einem echten Geschichtshaus.“


Ein Kommentar solchen Umfangs kann seinerseits nicht unkommentiert bleiben.

Von der alten Stadt Insterburg blieb vieles, doch vieles ging auch verloren. Im Krieg hatte man Glück, zumindest im Vergleich — andere wurden weit mehr zerstört.
SESAM sei keine „
renommierte europäische Architektenvereinigung“ , dahinter verberge sich ein „kleines Treffen europäischer Architekturstudenten“, eines der drei Veranstaltungsreihen, die die Europäische Versammluing der Architekturstudenten (EASA) jährlich abhalte. Weder eine Hochschule, noch ein Berufsverband — eher wäre EASA mit einer selbstorganisierten Sommerschule zu vergleichen, wenn auch einer mit Namen.

All‘ dies sind Kleinigkeiten, wenn sie auch dem Insterburger schmeicheln; Kleinigkeiten im Vergleich mit einem anderen, gröberen Fehler: die versammelten Kolloquiumteilnehmer sind mitnichten Kaninettwissenschaftler, sondern erfahrene Praktiker ihres Faches. Sie mögen in ihren Berufsjahren zwar so manchen Artikel verfaßt haben, doch auch dutzendfach zur in Ehren ergraute Häuser und Siedlungen mit Erfolg erneuer. Papiererner Arbeiten haben wir auch hier schon zu Genüge.

Zu den Details der Baugeschichte der «Bunten Reihe» verweisen wir gerne nach einer besonderen Seite, halten aber schon hier fest, daß sie mehrere Ge-Schichten aufweise, die nicht unbedungt vermischt zu werden brauchen. So ist z.B. der Schiffsvergleich, wiewohl treffend, eher jüngeren Datums, es gebe keinen Hinweis darauf, daß man sich ihn nich vor dem Kriege bediente.
Gegen die Einordnung der „Bunten Reihe“ in „Sozialbauten“ ist entschieden zu widersprechen: damals kannte man diesen Begriff nicht einmal! Kleinwohnungen waren es, was jedoch allen sanitären Komfort und jede technische Errungenschaft mit einschloß — nur eben ohne unnütze Verschwendung, zumal Ostpreußen, nunmehr zur Exklave geworden, sich auch keine besonderen Importe leisten konnte.
Dies ist es auch, was die Siedlung zu einem Lehrbeispiel für heutige Architekten mache: leicht sei es, ein besonderes Haus zu bauen, wo man sich des ganzen Baukatalogs bedienen dürfe —
versuchet mal, ebenso besonders zu schaffen, wenn die Mittel knapp, die Baustoffe auch, und die Meßlatte hoch! Solche besondere Häuser meistern nur besondere Baumeister.

Scharoun fand sich gleich am Anfang seines Berufsweges mit dieser Aufgabe konrontiert, und löste sie mit Bravour: dies verleihe diesen Häusern ihren besonderen Wert, und nicht etwa die Tatsache, daß in irgendwelchen fernen Ländern an irgendwelchen anderen Häusern etwas getrieben werde, was wir wieder einmal verpaßt. Es sind Scharouns Wege und Lösungen, die wir heutigen studieren müssen, und, um sie studieren zu können, sie restaurieren müssen. Ein Selbstzweck sind diese Arbeiten nicht!


Wo das Video so klein, wollen einige Bilder von den Experten (Winfried Brenne, Alexander Popadin, Angelika Martens, Georg Wasmuth, Wilfried Wolff) in der Bunten Reihe für den Ausgleich sorgen:

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