Das Stadtblatt „Polüs“ wimet sich in der heutigen Ausgabe dem Kolloquium von voriger Woche. Für die vielen Glückwünsche an das Projekt bedanken wir als „insterJAHR“ uns sehr, doch auch Fragen bleiben: wie komme es, daß die Presse und zum wiederholten Male in die Restaurierungs- und Geschichtsecke schiebe? Oder hat sie damit womöglich Recht?…
Von unseren Lehrkursen schreiben wie zwar auch, doch völlig unterschlagen wird eine andere Seite des „insterJAHRes“, jene der Entwicklung der lokalen Wirtschaftskraft, der Stärkung der Selbständigkeit, des Selbstvertrauens, des Selbstbewußtseins usw.
Vielleicht schreibe jemand einmal auch davon…
Ob der Verfasser der untenstehenden Zeilen, Leonid Andreev, es auf sich nehme?
Von 2. bis zum 4. Juni fand im Kulturhaus ein internationales „insterJAHR“-Kolloquium der Architekten und Ingenieure zum Thema Restaurierung, Erneuerung und Reparatur von Altbauten statt.
Heute sprechen bei uns die Teilnehmer von ihren Eindrücken.
Wlada Smirnowa, Leiterin Kreativprojekte Burg Insterburg: —Die Durchführung eines Kolloquiums auf solchem Niveau wurde erst durch den Einsatz dreier Männer möglich, die von der Sache überzeugt waren: des Projektinitiators, Architekten und Mitgliedes des Rates der Hans-Scharoun-Gesellschaft Dimitri Suchin, des „insterJAHR“-Projektbeauftragten Alexej Ogleznew und des Leiters der Abteilung für Wirtschaftspolitik und Verbrauchermarkt bei der Stadtverwaltung Eugen Welitchko. Unser Burgverein übernahm die organisatorischen Fragen.
Es ist ermutigend zu sehen, daß alle angesprochenen Stellen mitmachten: die Stadt- und die Kreisverwaltung, die Wohnungs- und Kommunalwirtschaft, die Kultureinrichtungen… Es kamen Vertreter des Bundeskulturschutzamtes „Rosochrankultura“, der regionalen Regierung, der Unternehmen und der Verbände zusammen.
Hiermit wird Tchernjachowsk zum würdigen Nachfolger Insterburgs: im frühen 20. Jahrhundert ging die Architekturentwicklung in der Stadt sprunghaft voran. Es gab ja auch 26 Architekturbüros…
Einen herausrangenden Vortrag hielt beim Kolloquium Winfried Brenne, Architekt BDA-BDB. Es sprach von den Erfahrungen bei der Restaurierung von Wohnsiedlungen Bruno Tauts in Berlin: den Insterburger Projekten waren sie vorausgegangen. Nach Herrn Brennes Auffassung wäre die „Bunte Reihe“ (eine Wohnsiedlung auf der Gagarinstraße und Elevatorenstraße in Tchernjachowsk, erbaut von Hans Scharoun), stünde sie einmal in Berlin, längst schon als Architekturdenkmal in die Welterbe der UNESCO eingetragen. Momentan verwalten wir diesen Schatz bestenfalls.
Das jetzige Kolloquium setzt ein Zeichen am Beginn eines großen Architektursommers. Bald kommen die Architekturstudenten nach Tchernjachowsk und bleiben hier bis zum Ende des Sommers: ihre Fachpraktika verbringen sie hier. Am Stadtfest werden sie den Fachrichtern und Bürgern ihre Thesen und Projekte präsentieren. Darüber hinaus werden die Praktikanten Vorarbeiten durchführen, die zur Grundlage für künftige Entwürfe und Kostenschätzungen werden für Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten an den Geschichts- und Kulturdenkmälern des Kreises.
Im Laufe des Sommers findet eine Reihe von Seminaren, Meisterklassen, Vorträgen statt, abgehalten von den Fachleuten der Restaurierung und Rekonstruktion des In- und Auslandes. Unter anderen werden die Teilnehmer der internationalen Architekturschule SESAM sein.
Die Landung eines solchen Architektur-Stoßtrupps in keiner anderen Stadt als Tchernjachowsk ist von hoher Symbolkraft. Sie zeige von historischer Kontinuität, vom Willen, Kulturdenkmäler für künftige Generationen zu bewahren.
Bedenken sollte man, daß große, langfristige Ziele nicht über Nacht gelöst werden können. Vom Kolloquium ging ein Richtungszeig aus, nun beginne die große Arbeit.
Alexej Oglesnew, „insterJAHR“-Projektbeauftragter: — Es ist das erste Mal, daß eine Bürgerinitiative, von den Ämtern unterstützt, eine so große Beachtung fand. Es grenzt an ein Wunder, Fachleute eines solchen Niveaus gewonnen zu haben, die jetzt am Kolloquium mit anwesend waren! Mehr noch, sie nahmen nicht nur teil, sie trugen ihre Berichte vor, und nahmen die Tchernjachowsker Architektur als bleibenden Eindruck mit nach Hause.
Betonen möchte ich, daß unser Vorhaben reel und machbar sei, wenn die Ämter und die Gesellschaft uns weiter unterstützen. Europäische Experten sind unbedingt mit zu beteiligen. Wir sind geschichstbewußt — und uns obliege es, die schöne Zukunft dieser Stadt zu gestalten.