Leicht sei es, Neues zu entwerfen, wenn man sich von der bestehenden Umgebung absetzen könne. Kontraste betonend, kann man auf Anerkennung hoffen (wie es einst dem Eiffel-Turm gelang), oder zumindest von den eigenen Fehlern ablenken, wie wahr oder wie erträumt sie auch sein mögen. Womöglich wird die Kunst der Architektur-Implantate die ausdrucksstärkste Gattung in der Architektur sein — möglich ist es ferner, daß es in Insterburg seinerzeit auch eigene Eiffel-Türme gab, welche Zeitspanne man auch nehme.
Heute hingegen wird kaum einer behaupten, der Gang durch die Straßen habe in ihm die gleichen Erlebnisse hervorgerufen, wie Maupassant sie einst erlebte und Paris verließ, um bloß den Eiffel-Turm nicht sehen zu müssen. Eher wird es ihm unwohl durch die Zusammenballungen der Sowjetbauten und der Gründerzeit-Häuser; manch einer wird sie gar reizend finden, doch
wie baue man in einer solchen Stadt?
Die alte Bebauung ist zahlreich, doch nicht geschlossen genug, um als eine Grundbasis aufzutreten, von der man sich absetzen könne — und auch die Sowjet-Eiffels sind einerseits viele, andererseits nicht so viele, um eine eigene Bezugsebene zu bilden und das Alte zu „Geschichtsinseln“ herabzustufen. Finde man auch irgendwo einen mehr oder minder geschlossenen Straßenzug, so habe dieses keine Einheit in sich, und wieder stehe man von einer Menge Klein- und Kleinst-Eiffels. Bei den Sowjet-Einschüben komme hinzu, daß sie, wenn auch inzwischen in die Jahre gekommen, vom Zuschauer treffsicher als „neu“ apostrophiert werden und noch nicht zur Geschichte zählen. Ja der Zuschauer selbst befinde sich unweigerlich in der selben andauernden „Modernismus“-Epoche!
Wie baue man neu, ohne die Zwangsnähe mit den Sowjet-Modernismen zu riskieren?
Man wende sich den Polaritäten der Raumbezüge zwischen den verschiedenen Tiefenebenen der Vorkriegsgeschichte, den Paaren STRUKTUR — ORNAMENT, GEORDNET —NGEORDNET, GERADE — KRUMM, bestimme die Dominanten und die Kompositionsregeln, die auf ihnen bauen, und breite sie über das Stadtganze aus: das, in den Augen der SESAM-Projektgruppe Oskar Madera, hieße, die bestehende Bebauung in einen Hintergrund fürs einzufügende Neue machen. Dieses Gedankenspiel, so die Gruppe, gebe der Altstadt ihre Tiefe zurück, räumlich wie kulturell oder geschichtlich, die man momentan bestenfalls umrißhaft erkenne.
Anstatt einen Objekten zu entwerfen, der sich von der Umgebung abhebe, solle eine Umgebung geschaffen werden, die dem gewählten Bauobjekten entgegengesetzt sei.
Man stelle sich Insterburg vor, wo stadtverschönernde Kleinarchitekturen anhand einer gewissen „Regel der fehlenden Schicht“ erfolgen, die die Häuser und Straßen sowohl einen wie auch gegeneinander absetzen könne, und Leben in ihre Beziehungen einhauchen, so wie es einst war und wieder sein soll in einer jeden geschichtlichen Stadt.
1. Nach Ortsprüfung währe man ein Versuchsfeld, wo Häuser aus verschiedenen Epochen nah beieinander stehen.
- Beide Bauten müssen aus der Vorkriegszeit sein
- Baugrund im Stadtzentrum an belebten Fußgänger-Passagen
- Bauten aneinander grenzend, ein Gesamtbild bildend aus einer größtmöglichen Anzahl Plätze
- Bauten und Bauflächen gut dokumentiert
Ausgewählt: Mädchenberufssschule aus 1930, vom Magistratsbaurat Brasch (grün)
Pastorenhaus der Reformierten Kirche aus 1890, vermutlich vom königlichen Baurat Siehr (magenta)
2. Vergleichsanalyse der Gesetzmäßigkeiten anhand der binären Polaritäten W. Papernyjs
Starre — Bewegung
gegliedert — gleichmäßig
3. Findung des ausdrucksstarken Bildes eines Bildgesetzes
4. Entwurf einer Installation
5. Ausführung








































Oscar, mit Verlaub, es scheint, als spächen wir zwei verschiedene Sprachen. Sie führten eine ganz eigentümliche Ortsanalyse durch: Ihr gutes Recht. Daß Sie dabei die Schule einem falschen Architekten zuschlieben, mit den Baujahren durcheinander gerieten und im gewöhnlichen Fahnenmast der durchaus demokratischen Weimarer Republik etwas Unheimliches fanden steht Ihnen auch frei. Ich frage mich nur, wie Sie dieselbe Fahnenstange am Metallarbeiterhaus von Erich Mendelsohn traktieren würden: etwa auch als Vorwegnahme der Nazi-Tendenzen? .. Weiter sprechen Sie von der "Mussolinischen Architektur", ohne zu erklären, ob Sie Terragni dabei meinen, oder aber Piacentini. Beide sind sie mussolinisch, doch in keinster Weise gleich. Was nun? Nicht weniger seltsam sind Ihre Interpretationen des Nazionalistischen der Weimarer Zeit, denn, wo Sie immer von Oppositionen sprechen, und dem Weimarer Haus ein kaiserzeitiges Pfarramt vorsetzen, müßte man meinen, Sie glaubten, zu Kaisers Zeiten habe es keinen Nazionalismus gegeben. Übrigens nahmen Sie bei diesem Vergleich dem armen Zweiten Reich seine letzten drei Lebensjahren ab. Durch Tatsachen läßt sich Ihre These nicht belegen, leider. Weder im Allgemeinen, noch im Kleinen. Weder in der politischen Struktur des deutschen Bundesreiches, noch in der Verfassung Preußens, ganz egal, ob dieses Preußen nun ein Königreich oder ein Freistaat war unter Otto Braun. Vielmehr erinnern Ihre Interpretationen einen... ja nichteinmal an die unselig sowjetische Geschichtsschreibe, sondern an jene der "schönen neuen Welt", wenn Sie verstehen, was ich meine. Dann wandten Sie sich dem Pfarrhause, einem durch und durch kaiserlichen, trockenen und amtlichen Bau. So sollte es auch sein, denn die reformierte Kirche hier war die Garnisonskirche. Sie beschlossen, die Pfarrei-Tektonik auf die Schule zu erweitern. Selbst bei bestem Willen kann ich Ihre Arbeit nicht anders begreifen! Dabei war es nicht irgendeine Schule: sie war ein Glanzstück der Neuen Sachlichkeit, dadurch mit dem alten vorzeitigen Preußen innerlichst verbunden. Sie wüßten wohl nicht, daß jenes Mittelalter-Preußen des Deutschen Ordens ein Musterbeispiel der Gleichberechtigung abgab, also durchaus modern war... Sie aber nannten sie ein "Implantat" und zogen ihr das Pfarrhaus vor, ein heimatloses Typengebilde aus der Feder eines Bauamtes. Sie wollen mich glauben lassen, Sie würden keine Petersburger Interpretation nach Preußen tragen? - Das werde ich angesichts des Obigen niemals glauben, denn schließlich bin ich selbste geborener Petersburger, und weiß daher sehr wohl, daß wenn dort einmal in gewachsener Umgebung einmal ein konstruktivistisches Haus stehe, es immer ein späterer Eindringling sei. Doch dem war längst nicht überall so. Die deutsche Neue Sachlichkeit z.B. ist nirgendwocher "importiert" worden, sie entwickelte sich vor Ort. Anders als die Pfarrei ist sie hier zu Hause - Sie haben Ihr Eingriff am falschen Patienten durchgeführt! Das machte mich bereits nervös: wie kann angesichts so falscher Ansätze etwas Wahres wachsen? Schon gebe es Fälle, wo dies gelingt. Ob hier... was hieltenn denn Sie selbst für ein Ergebnis Ihres Tuns? Einst standen zwei Gebäude dicht an dicht, beide preußisch, aber anders preußisch. Sie harmonierten in Material, im Volumen und im Detail. Sie kamen und warfen einem ein Ornament über, den ich, selbst bei bester Anstrengung, nicht aus den Formen auch nur eines von den beiden Gebäude ableiten kann. Auch die anderen scheiterten daran. Unweigerlich denke ich angesichts des Verfahrens an ein Präzedenzfall, die Bauten des LenNIIProekts am Revolutionsplatz zu Leningrad. Im Triumphalstil der Nachkriegszeit erbaut, konnten sie die Nachbarschaft eines konstruktivistischen Kommunehauses nicht ertragen, und flink entwarf man eine Zierfassade auch dafür. Sie gingen den gleichen Weg und wollten einem zeichenhaften Beispiel der Gleichstellung der Geschlechter, der Allgemeinbildung, der sachlichen Arbeit eine Camouflage im Stil des Dreiklassen-Wahlrechts verpassen, des hohlen Glanzes und selbst des Militarismus. Die alte Harmonie ging dabei den Bach runter. Ein neues Ganze kam nicht zustande. Wohl haben Sie in Ihrem letzten Zeichensatz ein Raster von "Regeln" hinzugefügt. Es gelingt mir jedoch nicht, auch nur ein Etwas daraus abzuleiten. Sie haben ferner nicht angegeben, was genau ich "verzerrt" haben soll. Es stimmt, daß ich Ihr Ursprungstext zwecks besserer Leserlichkeit ein wenig redigierte. Ich riß mich nicht darum, doch jemand sollte es machen: so ist auch Ihr Letztes kaum als lesbar zu bezeichnen.
fragen gab es, aber keine konkreten, obwohl wie aus den meldungen ersichtlich, ich ausdrücklich um sie bat was die kommentare anbetrifft, so hielt ich es für nicht produktiv, in die diskussion zu treten, ohne ein abschlußwerk in der hand, eines, welches alles abschließt und unser eigenes verhältnis zu den ergebnissen zeigt
- alle kulturen, die sich in der antiphase befinden, können unter verwendung ein-und-denselben oppositionen besprochen werden. Papernyj selbst bediente sich einer liste von Wölfflin (renaissance und barock), und verweist darauf im vorwort zu "Kultur 2" /ganz unten/
- die vergleiche und oppositionen beziehen sich ausdrücklich auf historisches material. mitnichten haben wir erwartet, daß die fertigen oppositionen von der einen auf die andere kultur angewandt werden können.
mit bedacht haben wir die sowjetzeit ausgeklammert, um statt der opposition der vorstellungen die einheit der darstellungen bei verschiedenen kulturen zu finden. und wir fanden sie! ein ergebnis dieser analyse der kulturen soll ein individuelles profil der passenden und divergierenden vorstellungen sein. die analytische tabelle, und das vorhandensein oder nicht vorhandensein einer opposition sind gerade so ein profil. schon vor beginn des workshops haben wir anhand des beispieles des St.Petersburger Jeliseew-Delikatessengeschäfts und des Newski-Prospekts, die zu unterschiedlichen subkulturen gehören, unterschiede und gemeinsamkeiten der vorstellungen entdeckt, die von zwei paar oppositionen stammen
- nach dem grundidee des untersuchten verfahrens könen beliebige zwei gebäude einander entgegengesetzt werden, die in einer bestimmten zeitspanne erbaut sind. die pseudogotik bringe bereits durch ihre entstehungszeit die epoche zum ausdruck, ich widerspreche nicht, daß etwa die kunstschule expressiver wäre als das pastorenhaus. doch wir bestimmten den grundstück anhand einer reihe von parametern. abgesehen von der gotik gebe es auf diesem platz noch ein fragmentiertes wohnhaus, welches mit dem pfarrerhause bereits eine einheitliche umgebung erzeuge
- die tafeln zeigen ein schema, welches im beitext regel genannt wird. in den ersten materialien gab es dieses schema nicht. mit dem ornament drückte man dieses schema aus
die präsentation sollte unsere eigene haltung zu dieser arbeit zum ausdruck bringen, jener vor, während und nach dem einsatz. fragen an uns selbst sind die ergebnisse des workshops, fragen, die bei der erneuten umsetzung wieder zu stellen sind von daher ist die umsetzung mit der lösung nicht gleich, im gegenteil, sie zeige, was beim nächsten mal nicht gemacht werden soll schließlich behaupten wir nicht, was besser und was schlechter sei: wir gehen der frage nach, ob ein bestimmter Ansatz einsatzfähig seianfang september frug ich sie zu den unklaren themen der arbeit - und sie schwiegen sich aus am 18. september, des wartens überdrussig, veröffrntlichte ich das, was mir bis dato vorlag. dann, in meiner privaten eigenschaft, äußerte ich auch meine bedenken, doch auch dies führte zu keinerlei reaktionen ihrerseits. auch die anderen teilnehmer des workshops meldeten sich nicht. doch nun sprechen sie davon, "die wahrheit sei hier verzerrt", und wollen etwa, daß ich den text verändere, der schon 3 monate im netz hänge. ein interessanter wunsch. und gegen was soll ich ihn austauschen? sie schickten mir eine größere präsentation - größer im maßstab, aber nicht im inhalt. die seinerzeit gestellten fragen werden auch hier nur umgangen. sie machten sich nichteinmal mühe, auf die angeblichen verzerrungen hinzuweisen: was ist nun dasjenige werk, was wir verzerrt?
das, was auf der seite veröffentlicht ist, stellt die arbeit verzerrt dar ich aber und die teilnehmer des workshops sind an der wahrheit interessiert
Ein besonderer Entwurf. Nicht ohne einen Sinn. Doch welchen Sinn? Die Dualitäten, die der Autor hier wiedergibt, sind dem vielgelesenem Werk Papernyjs entnommen, «Kultur zwei» — doch sind sie es zurecht? Papernyj selbt maß seinen Ausführungen niemals die Weltbedeutung zu, sondern erfand sie als Denkmodelle zur Beschreibung der sowjetischen Kultur des 20. Jahrhunderts. Glichen sie etwa jenen Ostpreußens? Ich fürchte, die Autoren dieser Zeichnungen stellten sich diese Frage nie. Wie sonst wäre es erklärlich, daß sie sich anschicken, ein Werk der Neuen Sachlichkeit umzuschmücken, eines durch und durch preußisches im Geiste, und die Schmuckmuster einem Bau der historistischen Neugotik entnehmen, die seinerzeit überall im Reich gleich gebaut wurde, ob in Aachen oder in Memel? A priori wird angenommen, daß die Architektur einer Stadt durch Kontraste wirke — im Allgemeinen ist dies auch wahr. Doch stimme es auch im Speziellen, im Ostpreußischen? Die «Lehrtexte» dieser Seite beweisen das Gegenteil. Wohl gab es auch hier Kontraste, rare Kraftausbrüche — dann fuhren die Kirchturmspitzen gen Himmel und die Fahrttürme deckten sich über und über mit Ornamenten. Sie bildeten gewissermaßen die gemeinschaftliche Fassade einer Stadt, während hinter ihnen die Häuser dadurch hervorstachen, daß sie gänzlich einheitlich waren. Ein ostpreußisches Haus kann nicht alleine und ohne seine Umgebung betrachtet werden: Historismus ausgenommen war seine auch keine Architekturgestalt, sondern eine Baugestalt. Weder feingezeichnete Details, noch Spiel der Massen maß es sich zu — einzig durch wohldurchdachten Gang der Gliederungen ganzer Straßenzüge erreichte es seinen harmonischen Klang. Die Bauanwälte des Ersten Weltkrieges verstanden diesen Geist wohl und ließen ihre Wiederaufbauten aus ihm entstehen. Erreichten die ihre Ziele etwa durch den Schmuckbehang? Nichts gegen Ornamente, doch solle man diesen harmonisierenden Schmuck etwa an den Bauten anbringen, die bereits ohne ihm durchaus abgestimmt sind? So etwa, wie hier die Reformierte Kirche, das Priesterhaus und die Berufsschule? Wäre es nicht etwa nützlicher, der Frage nachzugehen, was jene geheime Kraft sei, die diese stylistisch durchaus verschiedene Bauten miteinander zusammenbringe — und die Ergebnisse dieser Findung z.B. der Gasbetonwand des Pädagogikums gegenüber zukommen lassen? Die Muster sind genausowenig geklärt, wie die Prinzipien, die sie erfordern. An und für sich mögen sie auch nicht schlecht sein, erinnern einen ein wenig ans böhmische Rondo-Cubismus — doch sollen die hier etwa an König Ottokar erinnern?..