Urban Heritage, Inc.

Im Jahre 1956 waren es ihrer drei, der Ablehner der vorherrschenden Stadterneuerungstendenz, der Abrißpläne für die „überkommene“ Altstadt, der Durchlegung mehrspuriger Schnellstraßen und der Errichtung neuer Geschäftsstädte an ihrer statt. Geurt Brinkgreve, Six van Hillegom und Ruud Meischke; ein Literat, ein Bierbrauer und ein Restaurator — was vermögen die sechs Hände? Eine Demo oder einen gescheiten Straßenkampf schultern sie nie, sie haben es auch nie versucht. Stattdessen gründeten sie einen Kreis, anfänglich noch namens- und formlos, erwarben das eine und andere dem Abriß geweihte Haus, restaurierten und vermieteten sie, kauften aus den Gewinnen ein weiteres, und wieder, und wieder…
Später, als in New York die Theorie der zerborstenen Glasscheiben die Runden machen, als in Paris La Defance zum wiederholten Male saniert wurde und als Westberlin die Innenstadt als Wohnort wiederentdeckte, als diese und manche andere den Sprung ins kalte Wasser der behutsamen Erneuerung machten und für dieses Risiko lautstark Unterstützung einforderten — da war die Dreier-Gruppe schon wesentlich weiter. Ohne viel Getös und auf rein privat-marktwirtschaftlicher steuerpflichtiger Gewinn-ausschüttender Basis haben sie in steter Arbeit weit mehr als einige hundert Häuser erneuert, ja wiederbelebt! Nach den anfänglichen „Trotzbauten“, zeichenhaften Vorhaben, die sich der Flächensanierung in die Wege stellten, gingen sie alsbald zu den Leuchtturmsbauten über, prominent gelegenen Vorbildern, die sowohl die Stadt als auch die Nachbarn zum weiteren Tun ermutigten. Mag so mancher heute auch behaupten, gemeinnützige öffentlich-private Partnerschaften seien nichts als Trug — hier wurden sie durchexirziert! Ganz nebenbei erarbeitete man auch handfeste Sanierungskenntnisse in der Planung und Umsetzung der typischen Altbauten, was sich umgehend auf die Solidität der Kostenanschläge auswirkte; lernte alte und neue Techniken unter einen Hut zu bekommen und diese Lehre weiterzugeben…


Die Stadt hieß Amsterdam und die Firma nannte sich „Amsterdams Wiederherstellung“ oder „Stadsherstel Amsterdam“.

Anläßlich ihres 55-jährigen Bestehens veranstaltete sie einen internationalen Kongreß zur Erhaltung des städtischen Kulturerbes; die Schirmherrschaft übernahmen die UNESCO (seit einem Jahr zählen die geretteten Kanalreigen zum Weltkulturerbe), das Bildungsministerium und die Stadt Amsterdam. Etablierte und erst im Entstehen begriffene Projekte aus den Niederlanden, Brasilien, Schottland, Surinam, den USA, Türkei und anderen Ländern nahmen Teil; aus Rußland war das „insterJAHR“, die „Bunte Reihe“-Genossenschaft und das Königsberger Denkmalamt vertreten.

Die Eröffnungsrede hielt der Bürgermeister Eberhand van der Laan, ein Altersgenosse des „Stadherstels“ und qua Amt mit ihm verwandt: schon seit den 1970er Jahren hält die Stadt Anteil am einst ihr zuwider gegründeten Kreis. Andere Städte folgten inzwischen diesem Beispiel und ließen eigene (Zweig)Herstels einrichten, in Zaandam, Haarlem oder zuletzt Paramaribo.

Die Vorträge und die Zweigespräche am Rande davon, die Rundgänge zu Fuß, mit dem Rad und Boot drehten sich alle um zwei Themenkomplexe: dem titelgebenden Gemeinschaftswerk Stadterbe und der in einer der Begleitschriften am trefflichsten beschriebenen Tatsache, daß weder eine Denkmal-, noch ein Weltkulturerbe-Eintragung das Ende einer Entwicklung darstelle.

Andernorts hätte man sich darüber noch streiten können — zu Amsterdam nicht. „Lebendige Stadt“ und „Museumsstadt“ sei hier inzwischen ein-und-dasselbe, und gerade dadurch erst möglich. Alleine hingegen, und das beweisen die zahlreichen weniger erfolgreichen Städte, schlagen sich weder die Institute, noch die Einzelakteure durch, was auch die vielen Zuschüsse erst notwendig macht, ohne die diese Amsterdamer bezeichnenderweise bestens auszukommen scheinen. Hierüber berichtete der werdende Vorsitzende des Ausichtsrates Niek Hoek ausführlich. Nicht daß es in Holland ganz ohne Beihilfen auskomme: die „Vereniging Vrienden van Stadsherstel“ half schon mehr als einmal aus, wo die „nicht rentierlichen“ Schönheiten wiederherzustellen waren — eine Herangehensart, die flugs an die Worte Wlada Smirnowas erinnere, der Insterburger Burgfee: „die anderen mehren Reichtümer, wir mehren Freunde“.
Ähnlich verfuhren auch die Patenschaften beim ostpreußischen Wiederaufbau; Freund des „Stadtherstel“ zu werden war hier ein leichtes.

Gerne berichteten die Insterburger in der Runde davon, doch hier zählten Taten mehr als das schöne Wort. Zwischen den vielen holländischen Beispielen gab es von daher nur eines aus dem russischsprachigen Bereich, das Projekt „Itscherischeher“ aus Baku. Das von Mikayil Jabbarov geleitete Staatsbetrieb ist dabei, das viele Ölgeld zum Nutzen, statt zur Gentrifizierung und Entleerung oder Entkernung der Altstadt zu verwenden: ihm schwebt eine Stadt des alten Handwerkes vor.

Interessant und mit den „insterJAHR“-Ansinnen ganz übereinstimmend ist die Heranziehung der Jugendlichen — 50 Oberschüler! — zur Erneuerung der Altbauten heran: noch vor dem eigentlichen Konferenzbeginn bekamen sie drei leerstehende Bauten zum Nachdenken und Aufschließen, eine Werfthalle, ein Umspannwerk und ein Straßenbahndepot. Treffend nannte sich die Werkstatt „Hacking Heritage“. Aus ihr entstammten eine Gründerwerfthalle, ein Tanz-Schwimm-Spanner und ein Basardepot mit angeschlossener Bibliothek. Ideen nur, und sicherlich besserungsfähig, doch bedenke: welcher Oberschüler wird schon kurz vom Abitur geladen, seine Gedanken vor den Experten aus aller Herren Ländern darzulegen — ist das nicht der Anstoß, nicht die Orientierungshilfe, nicht die Schulung zum wachen Städtertum? Ob die letztlich zu Architekten oder Städteplanern werden ist hierbei ganz unwesentlich.

Herausragend unter den niederländischen Gesprächspartnern war eine Stiftung, die sich ebenfalls „Herstelling“ nennt und mit den Amsterdamern kooperiert: sie verbindet die restauratorische Aufbauarbeit an der Stadt mit einer ebensolchen an den „aufgegebenen“ oder „bildungsfernen“ Jugendlichen. Zuweilen sind diese derart fern, daß für sie der Weg aufs Baugerüst die letzte Chance sei, dem Knast zu entkommen. Die Erfolgsquote sei laut Jaap Hulscher recht hoch — wieder ein etwas, wovon wir im „insterJAHR“ lernen und beizeiten auch probieren sollten, umsomehr als in der Stadt ein Büro des „Internationalen Bundes“ die Türen öffnete, und die kennen sich mit solcher Materie aus.



Unser Dank für die Vorbereitung gilt Herrn Remco Vermeulen, der uns auch einst während der „Tage des russischen Kulturerbes“ und nachfolgend beim 2010-Kolloquium mit „Stadsherstel“ vertraut machte. Die Bilder sind freundlicherweise von Frau Olga Sidorenko und vom „Stadherstel“ bereitgestellt worden.

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