Die tausendjährige Menschheitsgeschichte verschaffte uns eine Vielzahl Denkmale vergangener Werke und Sorgen, Siege und Niederlagen, Persönlichkeiten vielerlei Größe. Ihr Fehlen wird mitunter zum Zeichen im eigenen Recht, nicht weniger stark als ein „Positiv“-Monument. Dabei hat Rußland auffällig wenige Denkmale vorzuweisen. Selten wird ein Haus über sich selbst etwas zu erzählen wissen, selbst wenn es geschütztes Baudenkmal sei, von dem eine Haus-Historie vorliegen muß oder von dem die Lokalgeschichtler ganze Bänder geschrieben haben. Gelebte Geschichte auf der Straße und die geschriebene im Buch sind voneinander losgelöst, selbst wenn früheren Namen und Wahrzeichen bekannt sind, helfen sie dem Bürger nicht als „Fixpunkte“ auf seiner mentalen Landkarte. Statt Geschichte herrschen Mythen, teilweise bösartige: zu bald jedem Haus weiß man eine Anekdote zu erzählen, eine Horror-Story oder ein Grusel. Als ob es nichts anderes gegeben hätte!
Liegen vor jedem Haus „Stolpersteine“, was bekommt man für ein Bild im Kopfe? …
Verkennung von Bedeutungen, von Sprachen, das Vergessen überhaupt führen zur Vernachlässigung bis hin zur Entfremdung, der Bewohner kann sich im Hause nicht verwurzeln. Heimatgefühl kommt nicht auf. Wie nur soll hier ein Stadtbürger aufwachsen, ein Staatsbürger gar? Woran soll man sich orientieren, wo Wurzeln schlagen? Selbst die allerjüngste Vergangenheit ist neuerdings wie im Nebel: die Wegemarken sind nicht mehr dieselben, die Industrien die einst eherne Grundlagen waren, die Straßen und sogar Städte sind umbenannt. Man findet keinen Zugang mehr. Dabei waren Menschen dort, Heimat war es für Menschen wie uns…
Dieses Projekt, vom „insterJAHR“ erstmals im Jahr 2010 angesprochen, gibt den Häusern ihre Namen zurück und den einstigen Bewohnern ihre Adressen. Weist aus, wer und wo gelebt hat, woran gearbeitet, welche Luft geatmet, womit bemerkenswert war, als aus diesem Tun die Stadt entstand, die wir nun geerbt haben. Nehmen wir die Stadt Tschernjachowsk in der Provinz Kaliningrad als Beispiel: in die jahrhundertealte Häuser Insterburgs zogen seit 1947 neue Bewohner ein, denen jedoch die Bedeutung der Häuser, der Straßen und Parks mit dem Bevölkerungswechsel und dem Verlust der Archive völlig unklar war. Mit der Wende war der Verlust und die Verunklärung nicht minder gravierend.
Vergessen und Sprachunwissen öffneten der Mythenbildung und der Angstmacherei Tür und Tor, die ihrerseits die bewußte Vernachlässigung des „fremden Erbes“ zur Folge hatten — bis hin zum Totalabriß! Wessen Erbe soll es denn sonst sein?! Durch Forschung kann altes Gemäuer deuten, um es zu einer Quelle städtischer Entwicklung zu machen, muß für in den Alltag des normalen Stadtbewohners ein „Geschichtsfenster“ geschlagen werden.
точки на карте найдут ответственных собственников или неравнодушных кураторов, побудят и других обратиться к домам своим — и хотя бы их починить.
Erinnert wird normalerweise an herausragende Ereignisse, an Helden und Anführer. Dies ist auch richtig so. Den Bürgersinn direkt zu schulen maßen wir uns nicht an. Wir, die Mannschaft von „Menschen machen die Stadt“, bringen andere Kategorie Menschen zurück auf den Stadtplan von Tschernjachowsk: jene, die diese Stadt einst ihre Heimat nannten, jene, die mit ihrem Tun und ihrem Leben diese Stadt dereinst erfüllten — wann auch immer. Menschen wie wir — und zwar in Paaren. Von allen Städten der Provinz Kaliningrad zeichnet sich gerade Tschernjachowsk durch den hohen Erhaltungsgrad alter Bauten aus, bei gleichzeitig bis zuletzt geringem Neubauvolumen; man darf davon ausgehen, daß in einem Haus des beachtenswerten Vor-1944-Bewohners auch ein Nach-1947-Bürger einzog. Man muss ihn oder sie nur finden, sie beide als Nachbarn herausstellen.
Fassaden gewinnen dadurch an persönlicher Tiefe und werden zu ihren heutigen Nachbarn „sprechen“ können, ob Deutsche oder Russen – gleicherlei. Sie verbinden die losen Geschichtsseiten und machen zeitgenössische Ergänzungen des neu entstehenden Hausbuches erst möglich. Häuser werden so zu eigenen Heimen, anonyme Marken auf dem Stadtplan finden verantwortliche Eigner oder Fürsorger, sie ermutigen, sich eigenen Häusern zuzuwenden. Und sei es nur im Sinne einer Pinselsanierung.
Statut des Stadtinformationssystems „Menschen machen die Stadt“.
Bei dem Projekt handelt es sich um ein Test vor der Ausweitung auf andere Städte und Dörfer. Sie finden es auf Boomstarter-Crowdfunding.