«Bringen wir den ostpreußischen Wiederaufbau nach Kaliningrad heim!»

Archi.ru veröffentlicht ein Grundsatz-Interview mit dem insterJAHR-Beauftragten Dimitri Suchin zu den Themen der Bunten Reihe: diese 1920er-Häuser haben die Erhaltung und die Kraft, nicht nur die Stadt Insterburg-Tschernjachowsk umzukrempeln, sondern auch für die gesamte Provinz Kaliningrad ein Quell der Entwicklung zu sein. Vielleicht sogar fürs ganze Land. Oder gar zwei davon?

Archi.ru: – Was ist die Geschichte der Bunten Reihe? Wie kam Hans Scharoun in die ostpreußische Provinz?

Dimitri Suchin: – Scharoun war seit April 1917 in Intersburg zu Werke, vertrat den verhinderten Bezirksarchitekten Paul Kruchen, der sich vorrangig seinen Kriegsgefangenen-Baukommandos widmete. Selbst in der ihm unterstellten Bauberatung arbeiteten kriegsgefangene Architekten. Er schulte sie im Bauhandwerk, damit das Erschaffene zum Orte paßt, aber auch zur modernen Zeit. Dasselbe war auch für die deutschen Architekten nötig, die 1915 in die kriegszerstörte Provinz stömten, um sie wiederaufzubauen. Ihre Häuser mit hohen Satteldächern und sparsamen Dekor wurden bald „Wiederaufbaustil“ genannt, stilistisch irgendwo zwischen verhaltenem Expressionismus und modernisierter Tradition angesiedelt. Solcher Bauten hatte Scharoun bis zum Kriegsende viele, ob als eigener Entwurf oder als Bauüberwachung, Kostenkontrolle oder Baustellenorganisation für Kollegen. Für seine Charlottenburger Hochschule waren sie allerdings nichts, dort bestand man auf dem überlieferten festgelegten Studienplan. So kehrte er nach Insterburg heim, zum 1. April 1919 wurde Kruchens Bezirksarchitekten-Büro zum Privatbüro Scharouns. Er heiratet und arbeitet an Wettbewerben, von denen er einige auch gewinnt. Aus Berlin erreicht ihn die Einladung von Bruno Taut, den „Aufruf zum farbigen Bauen“ mit zu unterzeichnen – er folgt, und nicht alleine: neben Scharouns Namen steht Seite an Seite mit solchen Größen wie Walter Gropius, Bruno Möhring, Hans Poelzig, Paul Schmitthenner, Fritz Schumacher oder Carl Osthaus der Insterburger Bürgermeister Rosencrantz.

Kein Wunder, daß nicht jene Hauptstädter, sondern diese Provinzler die ersten Erfüller des Aufrufes waren: sie litten stärkste Not, hatten die Soldaten in sinnvolle Tätigkeiten zu überführen, den Flüchtlingen ein Dach über den Kopf zu geben, und besaßen zugleich die „harte Währung“ jener Zeit, Milch oder Speck. So kam man zur Bunten Reihe, dem frühesten erhaltenen eigenen Werk Scharouns, dem zweiten Bunten Bau überhaupt. Das erste bunte Bauwerk ist die Tuschkastensiedlung in Berlin-Grünau, eingetragen in die Welterbeliste von UNESCO. Vom zweiten sagt die Liste nichts.

– Wer war der Bauherr und wer die Bewohner?

– Es gab 4 Bauabschnitte und 3 Bauherren. Den Anfang machte 1920 die Beamten-Wohnungsbaugesellschaft an der Westseite der noch namenslosen Straße. 1922 fertig, wechselte die Baustelle im Jahr darauf die Straßenseite. 1923 folgte die Reichsbahn an der Kamswyker Allee, 1924 stellte sich das Haus der städtischen Kleinsiedlungsgesellschaft in das Kielwasser des Reichsbahn-Hauses. Unmittelbar danach wurde die Gegend eingemeindet.

– Kann man unter diesen Umständen vom sozialen Wohnungsbau hier sprechen?

– Der Begriff kam erst 1940, eine gezielte Ansiedlung sozial schwacher Schichten gab es nicht: damals waren alle so! Doch die Bewohner bescheinigten der Straße tatsächlich eine gewisse soziale Note. Nach damaligen Recht waren es „Kleinstwohnungen“: etwa 63 m2 Gesamtfläche, 2 Kammern mit Wohnküche, Abstellraum, Vorraum und das Bad. Kein Flur, diese galten als verschwenderisch.

– Wer zog in die Bunte Reihe ein?

– Menschen wie du und ich: Verkäufer und Postler, Eisenbahn-Techniker, Zimmerer und Maurer, Kutscher und Kraftfahrer, Schneider und Schuster, Schlosser und Mechaniker, (Elektro-)Monteure, dazu ein Paar Militärs. Die Namenszahl übersteigt die Wohnungszahl, es wird untervermietet worden sein.

– Was sind die architektonischen Besonderheiten, das Einmalige dieser Häuser?

– Bereits in diesem Frühwerk wandelt Scharoun meisterhaft die Engstellen in Vorzüge um: die Stadtrandlage, die engen Blickfelder, die Geldknappheit… In den Vorkriegs-Arbeiten sieht man bei ihm so etwas noch nicht.
Die Siedlung besteht aus zwei ungleichen Teilen: der eher großstädtischen Bebauung wo die Kamswyker Allee (Gagarinstraße) die Tilsiter Eisenbahn kreuzt, die hier im Einschnitt verläuft – und der kleinstädtischen Straße Bunte Reihe (Elevatorenstraße) mit zwei Stadtvillen und den Reihenhäusern. Ihr Aussehen ist wohl bedacht: die Fassaden zur Kamswyker Allee sind frei vom Dekor und nur durch Treppenhausnischen unterbrochen, die Stirnseiten gen West und Ost dagegen fast vollständig in buntgerahmte Loggien aufgelöst – man kann nur ahnen, was für ein Licht-und-Schatten-Spiel da sich einem bot. Die Umgangssprache liefert uns ein Hinweis: im Grundriß sind jene Kurzseiten nur geringfügig vorgeknickt, die Bewohner aber, Deutsche wie Russen, sprechen vom „spitzen Bug“, vom „Schiff“ usw. Auf den Südseiten wechseln sich glatte Wandpartien mit Halbloggien ab, Freisitzen für Eßtische mit Küchen dahinter und einem mindestens 200 m tiefen Panorama der Nutzgärten davor. Der zu Ende gegangene Krieg lehrte einen, die Versorgungsfrage nicht zu vernachlässigen; die Architektur leistete das ihrige dazu mit Gartenland frei vor straßenseitigem Einblick und vor fremder Baulust.
Die Bunte Reihe läuft vom Nord nach Süd, jeder auch noch so kleine Vor- oder Rücksprung spielt also vollplastisch in der Sonne. Die Wände, Türen und Giebeln sind mit vier- und achtstrahligen Sternen übersät, die Mauern im satten Rot, Blau und Gelb gestrichen, die Fensternischen nochmals abgesetzt. So wirkt selbst ein Typenbau variabel und einmalig.

– Blieb denn alles erhalten?

– Die zweigeschossige Platzumfassung an der Bahnbrücke fehlt seit dem Krieg und auch das erstere „Schiffshaus“. Die Halbschuppen, von denen es hinter den Häusern je 7 gab, verschwanden nach dem Krieg. Geblieben sind eines der Großstadthäuser, zwei zweigeschossige Stadtvillen und 16 ebenso hohen Reihenhäuser. Geblieben im Originalputz und -Anstrich: eine Seltenheit für Vergleichsbauten in Dessau oder Berlin. Geblieben sind die Trennwände im Prüßverband, die Ziegeldecken und die preußischen Kappen, sowie die Holzbalken. Hier ist die Lage weniger erfreulich: verrostete Armierung restauriert sich nicht, man kann sie nur ersetzen. Die Dächer sind noch mit bauzeitiger Ziegeldeckung, die Reparaturen aus Wellasbest; darunter der Dachstuhl – alles im redlichen Zustand. Die Treppen mit expressionistischem Geländer sind aus Holz, von denen – aber nur von denen – haben wir sogar Entwurfsblätter. Für die darauf zu sehende Wandverkleidung oder -Bemalung im Fischgratmuster fand sich in der Natur bisher kein Beleg. Besonders gestaltete Räume dagegen Fehlanzeige. Die Fensterrahmen sind bereits in einer Großzahl ausgewechselt worden, die Türen blieben.

– Wem gehört die Bunte Reihe?

– Seit der Wende sind es alles Eigentumswohnungen. Eine Eigentümergenossenschaft ist gegründet und kümmert sich um die Häuser – doch ihre Mittel sind gering.

– Wie umfänglich sollte restauriert werden? Was mit den Bewohnern geschehen?

– Geschützt sind nur die Fassaden und die Dächer, das hält die reine Restaurierung gering. Hier müßten die Fensterkreuze wiederhergestellt werden und die Dachgauben, die Putzfehler ausgebessert und angestrichen. Für den Rest gelten geringere Auflagen. Man wird die Dämmung anbringen können – natürlich nur innen –, die Leitungen erneuern usw. Solche Arbeiten können nach und nach erfolgen und sich an den Bewohnern ausrichten. Genauso verfuhr man in Berlin mit der Onkel-Tom-Siedlung und dem Falkenberg.

– Gibt es schon einen Entwurf und einen Kostenanschlag?

– Einen Vorentwurf nur, von den Studenten gemacht. Eine Kalkulation dagegen nicht, und das ist so gewollt, denn geplant war eine mehrstufige Lehrbaustelle. Erst der Aufmaß – den besorgten die Sommerklassen von 2010-2011. Dann der Entwurf, gemeinsam mit den deutschen Fachberatern (Brenne, Wasmuth, Wolff u.a.). Darauf werden die besten Lösungen kalkuliert und zur Umsetzung den Lehrlingen der Handwerksklassen übergeben. Es sind nunmal keine normgerechten Häuser, für manche hier verwendete Konstruktion fehlt es im Russischen gar am Fachbegriff – und dabei stehen sie und ihre Artgenossen zu Hunderten hier in der Provinz! Warten, bis man so weit ist, sie angehen zu wissen. An unseren Serienhäusern könnten wir verschiedene Ansätze austesten, um so die praktikabelte Lösung zu ermitteln. Im Idealfall sollte da ein Heranwachsender aus der Bunten Reihe ein Haus seiner Oma in der Bunten Reihe reparieren lernen, um danach sein Können dem weiteren Kundenkreis anbieten zu können. Auf daß wir mitdenkende Ausführer bekommen und die Bauherren sowieso. Heute mangelt es an den einen wie den anderen.

– Was sollte aus der Bunten Reihe werden – eine Schausiedlung?

– Mit einer Baustelle ist die Siedlung noch keineswegs wiederhergestellt. Die Häuserertüchtigung, -Dämmung und -Auffrischung bewahrt uns nicht davon, daß einer sein Haus als ein Verbrauchsgut ansieht und entsprechend handelt: man muß die Leute an ihre Häuser erst „heranführen“! Darum die ganzen stufenweise ausgelegten Arbeiten, darum die Vorführung, ob auf der Baustelle oder im Handwerkszentrum, im Baubüro oder im Nachbarschaftstreff samt musealer Ausstellung. Eine Künstler-Residenz ist mit angedacht, die die Vorgärten, die Straße und den Frieda-Jung-Park „bespielt“. Die Bewohner werden zum Mitmachen ermuntert, werden gebildet und aktiviert, vielleicht sogar über die Stadt hinaus. Die Bunte Reihe sollte ein nachhaltiger Entwicklungsmotor werden und dabei eine Wohnstraße bleiben. Jegliche Vertreibung ist uns fern.

– Was ist bereits für die Rettung der Anlage getan worden?

– Seit März 2010 sind wir ein vorläufiges Baudenkmal. Für eine endgültige Klassierung werden vom Kamswyker Kreis gerade die Mittel gesammelt. Bei den Studenten-Praktika sind die Aufmaße erstellt worden und das ursprüngliche Aussehen der Häuser ermittelt. Die Forschung geht weiter und auch die Publikationen. EuropaNostra setzte uns auf die Liste der 7 meistbedrohten Kulturdenkmäler Europas – eine Rote Liste, von der wir vorerst nicht loskommen.

– Woran hapert es?

– Im Juli 2012 war uns der Erfolg zum Greifen nahe. Man sprach bereits in weitesten Kreisen von erfolgreicher „Insterburger Methode“ der Zusammenarbeit, Mittel aus dem Sonderetat des Gouverneurs standen für die ersten Umsetzungen in Aussicht… Wir arbeiteten damals ohne Vertrag, und das wurde uns zum Verhängnis. Man empfahl uns eine Planergruppe aus Moskau, die sich „Progressoren“ nannte, wir luden sie ein – doch dieser Kartajewa, Saborskij und der Mannschaft lag es mitnichten an der Stärkung der einzelnen Projekte: statt durch Kraftwerker-Arbeit sollte die Stadt demnach durch Touristen-Feste wachsen. Die angereisten Praktikanten dürften nichteinmal die angefangenen Entwürfe fertigstellen, als sie angeordnet wurden, Carneval-Kostüme zu zeichen und Straßentänze vorzuführen. Die bereitstehenden Fachjuroren schickte man in die Wüste, statt der neuer Innenstadtquartiere schlug man Disneyhafte Bärenhöhlen vor, garniert mit falschen Mühlenrädern und Marktständen. Die Bunte Reihe sollte demnach von den Denkmallisten verschwinden: „sollte sie den Deutschen so wertvoll sein, sollten sie doch selbst sich um die kümmern“. Man feierte bis die Kassen leer waren, der Tourist aber, der kam nicht.

– Was wird heute am ehesten benötigt?

– Bereits im Herbst 2013 gründeten einige insterJAHR-Aktive den Kamswyker Kreis als einen eingetragenen Verein und Projektträger. Die Arbeiten gehen weiter: die Aufmaße sind da, die Entwürfe sind unterwegs, und auch die Anfragen nach weiteren Praktika – aus Samara, Kasan, zuletzt aus Moskau. Die Denkmalakademie Görlitz ist weiterhin bereit, uns in altem Bauhandwerk auszubilden – die hiesigen Fachschulen, sich aufzuschließen. Die BTU Cottbus will das Ganze wissenschaftlich begleiten, und auch die Firma Keimfarben ist mit ihren Interesse keineswegs allein. Es scheint uns zu gelingen, die Menschen anzuwerben – auf der Einlage-Seite dagegen hapert es. Keiner will den ersten Schritt wagen, jeder läßt dem anderen den Vortritt. Dabei wäre gerade hier Gleichzeitigkeit und Parität sehr vonnöten, auf daß die Ergebnisse gemeinsame, deutsch-russische wären. Die einen stellen die Lehrer, die anderen die Klassen; die einen die Methoden, die anderen die Teststrecken… Die allervorderste Aufgabe für den Kamswyker Kreis wäre die Lösung der Raumfrage. Es stehen derzeit 4 Wohnungen in der Straße zum Verkauf, sowie ein ganzes Haus, für seine 144 m2 werden 40.000 € benötigt – wir haben bloß 10.000 €. Hätten wir auch den Rest, konnten die Handwerker schon in den nächsten Tagen anrücken, Hand anlegen, besser machen…

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