Im Jungendbildungszentrum der Staatlichen Eremitage St.Petersburg im ehemaligen Generalstabsgebäude fand am 22. August 2014 ein Vortrag von Dimitri Suchin statt: „1914, 1915, 2014. Vom Kriege gelernt. Eine Nachprüfung“.

Einmalige Tage stehen an: vor genau 100 Jahren brach der Weltkrieg aus. Wie wurde der nicht alles tituliert: „imperialistisch“ soll es gewesen sein, heute gerne als „der vergessene“ bezeichnet. Gerade wurde in Moskau den Helden des Ersten Weltkriegs ein zentrales Denkmal eingeweiht, in der Kriegerkammer im Zarskoje Selo, ein Zentralmuseum. In zwei Tagen wird die Schlacht bei Gumbinnen nachgestellt, und wieder mit dem Anspruch, etwas zentrales vor sich zu haben. Es mangelt nicht an Denkmälern und Konferenz und sonstigerlei, als ob zum Beweis: wir erinnern uns, wir ehren wieder! Doch in der Luft schwebt dieselbe Stimmung wie damals am Ender der Saison 1913-1914. Niemand wollte damals den großen Krieg, alles war voller Pläne für die nächste Theater- und Ausstellungszeit – die alte Welt ging dennoch unabwendbar unter. Sind wir, die heutigen davor gefeit? Wurden wir besser und schlauer daraus? Und die Gegenseite auch? Die Welt als ganzes?
Ein Test wäre leicht vollbracht, gerade in diesen Tagen. Vom 26. bis zum 30. August jährt sich zum 100. Mal die Schlacht bei Tannenberg, die „Samsonoff-Katastrophe“. Ihr folgt die Herbstschlacht an den Masurischen Seen vom 6. bis 14. September, danach die Winterschlacht vom 7. bis 22. Februar. In allen drei wurde Rußland geschlagen: wird bei allem Gedenken an die Helden und ihre Siege, bei allem Enthüllen von Statuen und Gedenkkreuzen an Gumbinnen auch für diese Namen ein Plätzchen geben? Schließlich waren es dieselben Personen. Was wurde aus ihnen? Was wurde aus dem von ihnen eroberten und zurückgelassenen Land? Kommen die in unserer neuen Geschichtssicht überhaupt vor?…
Hugo Haering, Allenburg-Biberach, bereicherte die Architekturtheorie mit dem Begriff des „Epochenpensums“, einer Aufgabe, die man zu meistern habe, um in die neue Epoche „versetzt“ zu werden. Wir aber in der Architektur sind auffälligerweise auch nach 100 Jahren noch mit denselben Sätzen beschäftigt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesagt wurden, wiederholen sie Jahr für Jahr – wäre das nicht Hinweis genug, daß wir in unserem Pensum noch den einen oder anderen unerledigten Test zu liegen haben? Den „Geheimen Lehrplan“, im Haerings Diktus, kann man nur erahnen, doch an Zeichen mangelt es nicht. So heißt die Stadt Allenburg, wo Haering im Ersten Weltkrieg sein Büro hatte, heute „Freundschaft“, „Druschba“. Der Name verpflichtet, und auch der Übergang Ostpreußens zu Rußland passt perfekt, um die Völker aneinander zu schulen, zu kultivieren. Das beste Denkmal der Kriegswirren und ein Zeichen unserer Lernfähigkeit wären deutsch-russische Studien, gemeinsamer Unterricht, Lehrbaustellen und Gärten wie es sie nach 1915 gab – auf daß im russischen Preußen ein neuer Tag anbricht, in Kunst, auf dem Bau, in der Gesellschaft überhaupt. Zum Strahlen gen West wie Ost.