…Vor siebeneinhalb Jahrzehnten bekam die alte Stadt Insterburg den Namen des jüngsten sowjetischen Feldherren des Großen Vaterländischen Krieges, Iwan Danilowitsch Tschernjachowski. Es begann eine neue Geschichte, klar und gradlinig, ohne Romantik-Nebel der Vorgänger-Stadt, ohne Geheimnis und Legende — und dennoch mit einem ihr eigenen Ruhm. Mit Recht rühmte man sich der Arbeitsleistungen, des Wiederaufbaus, der Industrie-Entwicklung, des Maschinenbaus und des Baus ganzer Häuserblocks für die Neuzuzügler.
…Es scheint, als hätten die Ausrichter an all dem keine rechte Erinnerung mehr. So wandten sie sich der nachsowjetischen Geschichte Tschernjachowsks zu, fanden sie wenig ergiebig, und hatten nun keine andere Wahl, als sich wiedermal der Geschichte Insterburgs zuzuwenden […]. Nur darum haben uns nun mit diesen Ergebnissen auseinanderzusetzen, den beiden Erstplazierten in den Kategorien „Unter 18“ und „Über 18“. Uns ist die Jury-Entscheidung sonderbar und unklar. Die beiden Mädchen gaben sich gewiß Mühe und haben die Wettbewerbsbedingungen voll erfüllt — doch eignen sich ihre Arbeiten für den angedachten Zweck, als Logo der Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag von Tschernjachowsk, für Souvenirs und für die Stadtwerbung? Nehmen wir als Beispiel die Arbeit der Über-18-Teilnehmerin vor:
Eine durchaus interessante Arbeit. Man kann sie sich anschauen, sich darunter etwas vorstellen, nach Details suchen. Dem Autor dieser Zeilen war es ein Deutschordensritter mit umgeworfenen Leopardenfell, vielleicht auch Giraffenfell. Seinen Kollegen zeigte das Logo ein krummes Scheinfüßchen; einig waren wir nur darin, alte Häuser im Hintergrund zu sehen. Dann die Aufklärung: weder ein Ritter noch ein Scheinfüßchen — eine Altstadtstraße soll das sein, mit (tatsächlich!) alten Häusern und… einem Schwanenhals, der sie umschlingt. Was hat all´ diese Schönheit mit dem 75. Stadtjubiläum zu tun? Tschernjachowsk — findet sich einzig im Schriftzug wieder. Hier hätte man mit Recht „Insterburg 438“ titeln können, statt „Tschernjachowsk 75“. Was sagen Sie dazu?
Hier das zweite Sieger-Logo, anders als das erste klar und verständlich: man beginnt mit den Silhouetten des alten Insterburg und endet, warum auch immer, in einem grünen Kastanienblatt. Warum die? Warum kein Ahorn oder sonstein Baum? Hat es was mit der bekannten Heimatkundlerin Frau Kaschtanowa-Jerofejewa zu tun („Kaschtan“ — Ahorn, rus.)? Sie hat es redlich verdient, verewigt zu werden, gerne auch auf einem Logo — doch an einem zum 75. Jahrestag muß es nicht sein. Sind es wieder die Buchstaben, die die ganze Last der Deutung tragen?
Dem kann man wenig hinzufügen. Erinnert sei an die Bestimmungen des Wettbewerbs:
Die Wettbewerbsarbeiten werden von den Jurymitgliedern folgend bewertet: nach ihrer Übereinstimmung mit dem Thema des Wettbewerbs; nach ihrer Kunstfertigkeit, der Qualität, der Ästhetik, der Originalität des Konzepts und seiner Umsetzung, seiner Abgeschlossenheit. Die Jury-Entscheidung ist endgültig und nicht revidierbar.