Luther-Spitze

Das alte Insterburg hatte eine Besonderheit: seinen Hauptplatz. Andere mögen größer gewesen sein, hatten Blumenbeete, üppige Umbauung oder reicheren Handel – der Stadt stritt sich mit ihnen nicht. Warum auch? Die Insterburger wußten sich anderswo spitze, sie – hatten ihren eigenen „Gipfel der Welt“. Das einzige andere gebaute Beispiel einer solchen Platzanlage wäre im Moskau am Roten Platz.
Der Reisende dort, die Twerskaja-Straße heruntergeschlängelt, den Bogen des Iwerski-Tores hindurchgeschlüpft, stand da überwältigt von der Weite, der Tiefe, der himmelstürmenden Höhe der Basilius-Kathedrale und des Erlöser-Turmes. Denn hinter ihnen war nur der Himmel.

Nicht anders in Insterburg. Der Gast kam über die Königsberger Straße heren, die „Tausendfüßer-Brücke“ am noch ungeteilten Schloßteich entlang, das Gedränge der Händler hindurch – bis die Häuser plötzlich zurückwichen und der strenge, schlanke, entrückte, als ob gezeichnete Glockenturm der Stadtkirche einem entgegentrat. Das Straßengewusen kam auf ihn zu, ohne zu berühren: wenige Meter vor dem Portal wichen die Fluten nach links und nach rechts, zur Brücke nach Ragnit und in die „Preußische Wildnis“. Nah und doch so fern hinter der Altarwand leuchtete der Himmel. Wer nur hat sich das alles ausgedacht? – wir kennen keine Namen. Kalkül oder Intuition – auch das wissen wir nicht.

 

In den 1640er Jahren wurde die erste Stadtuhr auf dem Turm der Lutherkirche gesetzt. 1727 bekam er ein modisch-barockes Turmhaupt. Ab 1776 saß ein preußischer Adler auf dem metergroßen goldenen Apfel. 1832 wurde der Turmprofil neugotisch vereinfacht, 1912 wieder barockisiert, und in 1920ern nochmals: im Ersten Weltkrieg spendete die Gemeinde ihr Kupferdach, es blieb ein Bretterdach, und der sog sich voll. Zeitgleich wurde der Hang der Angerapp begrünt, die Freitreppe und die Bogenbrücke erbaut, und der Durchgang mit einer Mauer abgedeckt. Der Eindruck blieb.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kirche redlich, samt Turm, Uhr und allen Wetterfahnen. Erst später wurde sie nach und nach beschnitten, die Halle erst als eine Holzwerkstatt umgenutzt und dann als ein Lager, bis sie dann 1976 gänzlich dem Boden gleich gemacht wurde. Zwei Wochen haben die Panzer und Bulldozer benötigt, um den Platz zu beräumen: unter dem heutigen Rasen könnten sich durchaus noch Reste der Altäre sein, der Epitaphien, sogar der Glocken.
Der Generalbebauungsplan von 1975 sah hier drei Hochhäuser vor, und dazu ein Fischerei-Fachgeschäft. Gebaut wurde nur ein neunstöckiges Wohnhochhaus. Woanders war es nicht besser: seit 2005 hat auch der Moskauer Rote Platz keine „Gipfel der Welt“-Qualität. Kilometerweit aber dennoch sichtbar prangt da in der ikonischen Flucht ein Swissotel-Turm. Man gab ihm die gefällige Form eines Schnell-Kochtopfes.

Zeitens des Russisch-Deutschen Forums zu Insterburg kam die lutherische Gemeinde auf uns zu: sie suchte nach geeigneten Räumlichkeiten für Gottesdienste. Wäre in der Lutherkirche noch da, hätte sie keinen besseren Fleck, doch nun ist sie weg und einen Neubau kann sich die Gemeinde niemals leisten. Auch der Stadt wäre es mit der Lutherkirche besser, doch ihr Standort ist heute „Nichtbauland“. Vermutlich lagern da in der Erde noch Mauerreste und Fresken – auch ihnen wäre es getan, sie für die Stadt freizulegen, nicht nur für die Wissenschaft alleine.
Unser Vorschlag: die Spitze der Lutherkirche wird am alten Ort, jedoch im neuen Maßstab und Material neu erbaut. Als Zeichen der Kontinuität, als Ort für Feierlichkeiten und zum Vergnügen der Stadtbürger.

Die Kirche ist weg – wir holen sie buchstäblich von unter der Ende hervor.
Bauen darf man auf Bodendenkmälern nicht – gestattet ist es hingegen, Ausgrabungen vorzunehmen und mit Diensträumen zu ergänzen.
Die Gemeinde ist zahlenmäßig schwach, hat aber Sympathisanten. Wagt sie etwas noch nie Dagewesenes, kann sie sogar kostenneutral werden!

Es kommt ein Festtag, und auf dem Alten Markt erhebt sich – keine Kirche, nur eine Spitze von ihr. 12 Meter hoch auf einem Drei-Meter-Prisma, so als ob der Rest noch unter der Erde wartet. Dahinter ein Satteldach des ehemaligen Kirchenschiffs, 5 Meter hoch – auch dessen Mauern sind scheinbar unter der Erde verborgen. Unter dem Turm ein quadratischer Raum, etwa 25 m² groß; drei Eingänge mit Vorhangtüren und ein Durchgang ins „Kirchenschiff“. Sonntags dient er als eine Kapelle und Eingang für Grabungsbesucher, an hohen Feiertagen als ein Altar, beim Stadtfest als ein Ort für Empfänge. Hochzeiten könnten hier gefeiert werden. Man könnte das Ganze aber auch nach Georgenburg oder an die Königsberger Tourismus-Messe tragen, als ein Informationsstand: unser Pavillon ist weder aus Stein noch aus Stahl oder Holz. Es ist ein Bau aus nichts als Preßluft.

Die Moskauer Firma Rusbal wäre bereit, binnen eines Monats den endgültigen Entwurf eines solchen „Geostats“ zu erstellen und in zwei weiteren Monaten zu bauen. Brand- und Vandalismusfrei mit Garantie. Die Kosten werden auf 545.000 Rubel (ca. 6000 €) geschätzt. Nicht inbegriffen ist die Fundierung, die auch nicht erforderlich ist: das Ganze wird über vier Laternenpfähle mit Seilen abgespannt. Deren Masten stehen auf einem Stahlrahmen, der den Kirchenplatz umfaßt; die Lasten werden linear in den Boden abgeleitet, was die Erdarbeiten eliminiert. Darüber ein Plankenbelag, teilweise zu öffnen um das „Kirchenschiff-Dach“ aufstellen zu können. Seine Kunststoff-bespannte Metallkonstruktion ähnelt einem Gewächshaus. Irgendwo in einer Ecke steht ein Luftgebläse für sie beiden, benzin- oder stromgetrieben. Auch im abgelassenen Zustand wird nur wenig Platz für ihn benötigt, genau wie für die Hülle und die Seile.

Eine solche Abdeckung einer Grabung mitsamt temporären Pavillon widersprechen weder dem Denkmalschutz noch der Bauordnung. Die Forschung wird durch die in keinster Weise gehindert, ja sie wird gefördert (bisher verschob man die Grabungen stets von Jahr zu Jahr). Auch die 1:1-Rekonstruktion der Kirche darf mit diesem Pavillon weiter überlegt werden. Der orthodoxe Bischof Nicholas als Grundeigentümer zeigte sich im Voraus bereit, die Platznutzung für lutherische Gottesdienste zu genehmigen.

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