Offener Brief und Nachbarschaftsappell der Bewohner von „Frida“ an alle Mitbürger
Seit längerem schon engagiert sich die Schüler- und die Lehreschaft der ehemaligen Pestalozzi-Schule (heute Pan-Schule) für unseren Stadtrandpark. Mit allerlei Handwerkszeug ausgerüstet rücken sie mehrmals im Jahr zur Parkreinigung aus. So auch die Neuntklässler mit ihrer Lehrerin Irina Efimenko letzte Woche: von ihr sorgsam mit Zeckenschutz versehen und in Arbeitsgruppen eingeteilt, machte sich ein jeder an das zugewiese Arbeitsfeld. Die schwersten Arbeiten fiel den Jungs zu: Feuerstellen freischaufeln, Müllsäcke und große Äste wegtragen. Es gab viel zu tun, an einem Tag schaffte man es nur, einen kleinen Teil zu reinigen. Wir danken den Schülern und Lehrern für ihre andauernde Unterstützung.
Um etwas so großes wie den Poesiepark angemessen sauber zu halten, ist städtische Unterstützung unabdingbar und auch zu erwarten. Zuvor nur als „Gemeingrün“ geführt, erhielt unser Grünbereich 2020 den Status eines Stadtparkes. Der Poesiepark ist wahrlich eine grüne Perle der Stadt und zu jeder Jahreszeit schön, besonders im Frühling, wenn die ersten Blüten auf den Wiesen sprießen. Klein mögen sie sein, diese weiße, gelbe und violette Flecken, doch wie erfreulich nach dem Grau des Winters! Die Kinder sind sofort darauf, Frühlingssträuße zu pflücken, den Erwachsenen wird es zu einer Naturkunde-Stunde: hier die Schneeglöckchen, dort die Anemonen, die Glockenblumen, die Veilchen, das Immergrün, der Huflattich…
Leider ist im Park nicht alles eitel Sonnenschein. Jedes Jahr, vom Frühling bis zum Winteranbruch fällt hier eine riesige Menge Müll an. Eben hatte man erst entmüllt, ein Blumenbeet am Frida-Jung-Grabplatz angelegt und neue „Dichter-Bänke“ aufgestellt, danach mit den Kindern der ganzen Nachbarschaft Sylvester gefeiert und Kinderturniere, Malwettbewerbe veranstaltet — und nun? Der Anblick von diesem Frühjahr war schockierend: riesige Feuerstellen, darin zersprungene Granit-Findlinge, die davor noch Friedas Blumenbeet umrahmten, verkohlte Äste, Müll überall. Selbst die „Dichter-Bänken“, die wir so voller Stolz präsentierten, blieben nicht verschont. Angeschlagen und teils verkohlt stehen sie heute, mit Farbe bespritzt, als wollte wer an die Macher, die Dichter ran, deren Namen und Zeilen die Planken zieren. Dabei waren es die Frontsoldaten und die ersten Umsiedler, und unsren Nachbars Hand, die sie zusammengefügt: Anatol Fesenko, einst selbst (Pestalozzi-)Schüler, ein Arzt und Heimatkundler und nun ein Rentner schnitzt sie aus echter Eiche. Allein drei Bänke widmete er Anatol Lunin, dem Dichter und Schriftsteller, dessen Familie seit 1946 in unserer Elewatornaja-Straße lebte. Zu seinem Geburtstag am 21. April kam seine Witwe Maria Andrejewna mit einem großen literarischen Kreis aus Königsberg zu Besuch — und mußte zu den angekokelten „Lunin-Bänken“ über Müllhaufen steigen. Man konnte den Stadtgästen vor Scham kaum in die Augen schauen.