so überschrieb die Preußische Allgemeine ihr Bericht vom 8. Deutsch-russischen Forum, der vom 21. bis zum 23. Oktober 2016 in Berlin statfand. Und dann, in einer Seitenspalte:
Dmitri Suchin – In seinem Rückblick auf das Projekt „Insterjahr“ kritisierte der in Berlin lebende Architekt die versäumten Chancen, Bauwerke in Insterburg zu erhalten und gab Erklärungsansätze. Zugleich stellte er neue Ideen vor.
Der Vortrag hieß „[fɛɐ’|bin|dn]: ein Trauerspiel mit Aussicht“. Hier in Auszügen:
…Ihr konntet mich hier an diesem Rednerpult schon mehrmals sprechen sehen, als Beauftragten des InsterJAHRes. Sein Ansatz: wir seien viele kleine Aktive, die in der Tiefe Ostpreußens sich ums Kulturerbe bemühen, von alleine schafft keiner von uns, die gestellten Ziele zu erreichen, also statt sich gegenseitig die „Kunden“ (Besucher, Töpfe usw.) streitig zu machen, verbünden wir uns lieber und konzertieren – nicht “konzentrieren”! – die Kräfte. Niemand hat etwas aufzugeben, aber koordiniert komme man weiter als durcheinander laufend. Der eine reiche dem anderen die Hand, gemeinsame Arbeitsergebnisse stützen den Dritten oder werden einem Vierten zur Grundlage, was wiederum dem Ersten nützt. Frei nach Schulze-Delitzsch, den in Insterburg ein Denkmal ehrt. Daß der eine oder andere größeres Stück Lorbeer sich herausnimmt, als ihm eigentlich zusteht, war vorauszusehen und eigentlich egal. Daß der eine oder andere Folgeauftrag sich ergeben kann – auch. Aber das Prinzip sollte bleiben!


Doch es kam anders. „Über dieses Kleinklein sind wir hinausgewachsen“, verkündete z.B. Frau Smirnowa von der Burgstiftung, wenige Tage nachdem wir mit ihr noch im vollsten Einvernehmen den taggenauen weiteren InsterJAHR-Ablauf besprachen. [Über das] Teeren und Federn, was dem InsterJAHR-Gedanken und mir hiernach widerfuhr […] könnte hinwegsehen – wenn die Wildwüchse danach nicht so schreiend wären…
Die Handwerkerausbildung – die verlor Insterburg ans Gumbinner Polytechnikum […] zur Schließung des Denkmalzentrums Görlitz durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz [führend]: Studenten blieben aus. Weil sie ihre Praktika nicht haben abschließen dürfen, weil die Entwürfe nicht zur Prüfung gelangten, weil sie nicht Vorlage wurden für Handwerker-Gesellen… [Die] Erprobung verschiedener Herangehensweisen bei Gebäudesanierung,.. ein Austauschprojekt mit dem Berliner LDA [kam] ins Stocken...


Dem ähnlichen Alleingang Herrn Wolffs, seines Zeichens immerhin Ausschußleiter Denkmalschutz der Berliner Baukammer, verdanken wir den traurigen Zustand des Bismarckturmes… Von InsterJAHR-Studenten aufgemessen, hätte er – gemeinsam – für die damals anstehende 100-Jahr-Feier vorbereitet werden können… Wenn der Kollege nicht vorpreschte mit dem Vorschlag, den Turm einzupacken in eine Wetterhülle, dann – ihn gar aufgrund der akuten Einsturzgefahr abzutragen… Erst jüngst gelang es in vielen Einzelgesprächen mit den Verantwortlichen, zu ursprünglichen Idee der behutsamen Konservierung zurückzukehren. Man könnte meinen, es bliebe alles beim Alten – ja, aber mit welchem Aufwand!
Der Nebenverlust waren hier die Schwedlerischen Rundlokschuppen, das eigentliche Thema Wolffs, für das er nun keine Zeit mehr hatte… Die Abrisse erfolgten in Bromberg und stehen in Berlin an; gemeinsam hätten wir sie verhindern können…


[In der] Bahnhofsstraße… war eine Projektwerkstatt… mit Professor Wenzel [tätig]. Im Anschluß erhielt er den Auftrag, sie zu beplanen. Dann ein Folgeauftrag, das Geplante nach russischem Recht umzuplanen. Dann kam ein Sich-aus-der-Schlinge-Retten-Auftrag, nicht mehr an ihn, denn das, was der Professor gezeichnet hat, erwies sich als nicht budgetierbar und auch nicht umsetzbar – die verunmöglichte Handwerkerschulung läßt grüßen. Die Stadtverwaltung hoffte auf ein Durchbruch, bekam aber eine heftige Schelte seitens des Provinzial-Rechnungsamtes, darauf eine zweite, seitens Professor – wegen seiner Urheberrechte.
Ob die Disneyeske Quasi-Altstadt mit Windmühlen-Atrappe und Bärenhöhlen, mit denen man Touristen ködern wollte und der „trägen Forscherei“ des InsterJAHRes ein Strich durch die Rechnung zog, denn auch vorüber sei?


Alles traurig zu Insterburg, begraben unter Buchdeckel „Eine Stadt, in der nichts los sei“. Alles? Nicht doch! Es gebe auch hier ein kleines gallisches Dorf!
Die ganze InsterJAHR-Arbeit nahm ihren Anlauf bei der Wiederentdeckung der Erstlingsbauten Hans Scharouns am östlichen Stadtrande, die erste Tat war ihre Vermessung und die Eingabe beim Landesdenkmalamt, sie unter Schutz zu stellen. Nun bekommen sie diesen Schutz, und zwar als „Denkmal von landesweiter Bedeutung“… vor wenigen Jahren [wurde auch] ein Gegenantrag eingereicht.., nämlich die Siedlung von der Liste ganz zu streichen: „Soll sie den Deutschen so bedeutsam sein, so sollen sie sich alleine um sie kümmern“ – so Frau Iwanowa, wiederum Burgstiftung. Ich weiß nicht recht, woher diese Haltung kommt: wir werden nach Statut zwar der Burg ebenbürtig, aber doch keine Konkurrenz!..


Das Wissen ob unseren Scharouns gehörte verbreitet: in vier Städten machte inzwischen die Ausstellung zum großen Baumeister Station, zuletzt in St.Petersburg. Die Akademie der Künste zu Berlin stellte die Bilder zur Verfügung, die Omas häckelten Scharounpuppen, die Finanzierung lief zum Teil durch Crowdfunding – Zusammenwirken geht!.. Natürlich ist die Ausstellung kein Selbstzweck. Die Arbeitspläne für die „Bunte Reihe“ sind weitestgehend unverändert jene des InsterJAHRes, wurden aber vertieft und von EuropaNostra / dem Institut der Europäischen Zentralbank für „sehr gut“ befunden.
Wir wollen aber nicht im stillen Kämmerlein sein: stadtweit, ja landesweit gehört der Bewohner mitgenommen, mit-aktiviert. Denn – [erst die] „Menschen machen die Stadt“ [aus]… Wir wollen an die vergessene Mehrheit… denken, die die Stadt, ob Insterburg oder eine andere, immer mit aufbauten – durch ihre Tat, durch ihr Wesen, durch die Erinnerung an sie… Zumal sie in Insterburg besonders schön verwoben ist. Wüßten Sie, daß der Doktor Biefreund, Gouverneur Insterburgs im Ersten Weltkriege und Ehrenbürger gleich danach, im selben Hause wohnte, wo in den 1950er der Bürgermeister Krylow? Oder daß die Reformierte Kirche, heute Orthodox, eines der Zentren der Bekennenden Kirche war (Martin-Luther-Haus, das Gemeindehaus der Lutherkirche, übrigens auch)? …wir wollen an denen ein Denkmal des gewesenen Denkmales setzen.


Ein drittes Projekt ist neu und [doch verganhenheitsbedingt] Wir schrieben das Jahr 2012. Zu Insterburger Strafanstalt stand die „wärmetechnische Ertüchtigung“ an… was tun, die Baugenehmigung war schon erteilt? Die Lösung [:] vom LDA kann der Bauschein „wegen neuer Fünde“ zurückgezogen werden. „Besorgen Sie ein Paar Stellungsnahmen von namhaften Verbänden“, riet man mir, „dann haben wir es“. Wie zufällig war auf dem Kulturforum hier in Berlin gerade eine große Schinkel-Ausstellung der Stiftung preußischer Kulturbesitz. In der Bleibtreustraße saß der Architekten-und-Ingenieurverein, bekannt für seine Schinkelfeste. Und in Neuruppin die Schinkel-Gesellschaft. An alle sie ergingen Bitten, kurz zur Feder zu greifen und abzuschreiben, was in jedem Werkverzeichnis des großen Meisters steht. Ihr Interesse zu melden zu erfahren, was denn mit unserem Schinkel denn gemacht werde…
Es. Meldete. Sich. Keiner.
Das Haus ging seinen Weg. Der Glaube an die eigene Fachschaft auch.


Es geht also nicht, solche Stellungsnahmen bei Bedarf einzutreiben – vielleicht geht es auf Vorrat?.. Ein Pate wählt sich eine eigene Idee, ein Bauwerk oder ganze Gattung, ein Können oder etwas anderes, was ihm liegt und was er mit den anderen teilen kann – und trägt sich ein… mit jedem Listeneintrag knüpft sich ein Geflecht, vergangenheits- wie zukunftsgewandt, dies- wie jenseits der Grenzen. Neudeutsch Wissenstransfer — besser, Patenschaft. Keine Mehrausgaben verglichen mit dem, was ihr Aktiven sonst tragen, keine Mitgliedsgebühren, kein Abweichen vom eigenen Wege – und rasend komische Retouren.
Die Bundesarchitektenkammer, die Bundesstiftung Baukultur, die Burgenvereinigung, der Bund Heimatschutz und alle Fachpresse – könnten der Idee nichts abgewinnen, daß vom ostpreußischen Heimatbau der letzten 7 Jahrhunderte heute noch was zu lernen wäre. Ehemaliger Senatsbaudirektor Stimman, Preisrichter im Schloßwettbewerb zu Königsberg, sprach gar von „politischen Implikationen“…


[Patenschaftsplakette] ging gestern an den weltbekannten Architekten Volkwin Marg, der hier in Berlin seinen 80. Geburtstag beging: in Königsberg geboren, in Danzig aufgewachsen, in Hamburg zuhause. Ihm war es naheliegend – und uns, in unserem eigenen Kreise? [Ich überreiche diese 2. Plakette an den Architekten Oleg Lee und seine Initiative „Preußisches Erbe“ – und hoffe auf rege Beteiligung aller Zuhörer.]
