Morgen, am 15. Mai 2015, findet in der Moskauer Architekturschule MARCH ein Vortrag aus der Serie „Zwangsschule“ statt:
Schaut man sich die Geschichte der Architektur und des Städtebaus an, kommt fast zwangsläufig der Gedanke auf, man befände sich in irgendeiner Riesenschule. Als würde ein strenger Lehrer einem den Lernstoff austeilen und nicht eher aus der Klasse austreten lassen, als man auch wirklich alles gelernt hat. Erst Jahre, auch Jahrzehnte später wird es einem klar: wie konnte es kommen, daß etwa die Ägypter, Meister der Geometrie, nicht über die Stützen-Balken-Konstruktion hinausgekommen sind, nur bis zum „falschen Gewölbe“? Und die Griechen erst? Wieso dürfte erst Rom jenes Gewölbe ausarbeiten, und wie verhält sich dies mit seinem baldigen Abtreten danach?..
Diese Fragen stellte sich Hugo Haering. Ihm verdanken wir auch die Begriffe wie „Gestaltfindung“, der hypormodernen „Parametrik“ nicht unähnlich — er aber war schon in den 1910er Jahren dran! Damals fand er sich in der entlegensten deutschen Provinz wieder, in Ostpreußen. Gemeinhin als „Preußens Sibirien“ verschriehen, als ein Land ohne Kultur. Tatsächlich eher eine Architektur-Kältekammer. Die dort frischgehaltenen Schätze dienten Haerings Architekturtheorie wie dem Darwin die Galapagosinseln: er konnte eine Abfolge von Unterrichtthemen und Hausaufgaben ausarbeiten.
Oder nehmen wir uns Rußland vor: wie ist sein Blick auf Deutschland? „Deutsche Ordnung“, „deutsches Gleichmaß“, „deutsches Bier“ kommen als Begriffe — hätten es bloß die Deutschen der vorigen Jahrhunderte nur gehört! Wäre das ein Brüller! Ein Flecken nur entspricht dem Vorurteil vollumfänglich, bis hin zum „des Bauern Traumland“, bis Thomas Morus — jenes Land was wir Ostpreußen nennen. Mit Rußland rieb man sich hier wiederholt: man denke nur an die Kaiserin Elisabeth, der selbst Kant huldigte, an den Fernhandelsweg vorbei an den polnischen Wirren, an die erste grenzüberschreitende Bahnlinie mit den Glaspalästen an ihr… Dieses „wahre“ Deutschland ist jetzt russisch. Es war auch ausgerechnet Rußland, welches zuletzt jenes Mythos entstehen und gedeihen, zum“Ursprung eines neuen Deutschlands“ werden ließ — nun aber ließ die Geschichte jene treibende Insel an russischen Ufern stranden. Die Mannschaft ging fort und vergaß ihrer. Und die Architekturentwicklung blieb sonderbar stecken. Wir erfanden die Parametrik wieder, wir sprechen von „Moderne“ als wären die 100 Jahre nicht vergangen… Wir sitzen fest und werden nicht versetzt. Des nicht bestandenen Tests vielleicht wegen? Kann es sein, daß jenes Kaliningrader Gebiet hier eine Antwort weiß? Man kann sich darüber streiten, ob die deutschen Architekten ihre Lektion gelernt, die russichen haben sie eindeutig nicht! Beide finden sich nun in der Sackgasse wieder: wäre es nicht an der Zeit, die „Mary Celeste“ endlich zu bemannen?




