Galina Kaschtanowa-Erofeewa schreibt im Lokalblatt „Polüs+TV“:
Eine neue Etappe des «insterJAHRes» („Kulturerbe Insterburgs als Entwicklungsquelle Tschernjachowsks“) gewinne am Schwung: kamen im Frühsommer Studenten der Kasaner Architektur- und Bau-Universität nach der Stadt, nach ihnen die Geographie-Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität, gesellten sich später die 8-Semestler der Moskauer Landbau-Universität dazu, die Wasserbau-Ingenieure in spe.
In der soeben vergangenen Juli-Dekade hielten die Landschaftsarchitekten aus St.Petersburg, Berlin, München und Dorpat ihre Entwurfsklausur in der Stadt ab: die Grünzonen Insterburgs wurden den Professoren und Studenten gleichermaßen zur Aufgabe. Als Hauptexperte und Berater trat Professor J.Wenzel auf, der überaus erfahrene erfolgreiche Meister, Forscher und Projektleiter, der bereits eine ganze Reihe kenntnisreicher begeisterter Fachleute seine Schüler nennt. Geborener Insterburger, kann er nicht gleichgültig zur Stadt seiner Kindheit sein, und komme immer und immer wieder. Im letzten Jahr trat er beim Landschaftsseminar mit einem Vortrag über den Begründer der Insterburger Parkkette Hugo Kaufmann auf (unser Blatt drückte diesen Text ab).
Der erste Insterburg-Tag der Praktikumsstudenten und ihrer Leiter galt dem Kennenlernen der Stadt, ihrer erneuerungsbedürftigen Grünanlagen. Gleich darauf begannen sie mit dem Aufmaß. Am 4. Juli wurde eine gemeinsame Sitzung der Stadt- und Kreisverwaltungen mit dem Denkmalrat des Kreises, den «insterJAHR»-Projektbeauftragten und den Lehrkräften abgehalten. Der Kreisleiter Ju.Kowylkin unterstrich, wie wichtig es sei, die Meinung kompetenter Fachleute bei der Arbeit am historischen Stadtzentrum einzuholen, und sprach davon, daß Projekte vonnöten seien, die die Einmaligkeit der Stadt hervorheben. Münchner TU-Professor S.Schöbel merkte an, daß die unverwechselbarkeit der Stadtgestalt in erster Linie auf ihrer besonderen Landschaft herruhe. Diesen «Diamanten, den uns die Natur gab, müsse man nur passend schleifen» — mit aller Sorgfalt und Liebe, bei Beachtung des Reliefs, der Wasserläufe, des Bewuchses, der Geschichte usw. Kaufmann machte es uns seinerzeit vor.
In erster Linie ging es um den Stadtpark. In 2008 machte man einen Entwurf seiner Sanierung — vielmehr, einer Teilsanierung. Der letztjährige Archivfund der Planunterlagen aus den 1920er Jahren ließ zusammen mit einigen weiteren Gründen die «insterJAHR»-Beauftragte und die Bürgerschaft die Empfehlung aussprechen, die Umsetzung des 2008-Entwurfes zu vertagen, gegebenfalls zu überarbeiten oder gar einen neuen Entwurf zu erstellen. Mit der letzteren Eingabe wandte sich der Denkmalrat im April des Jahres an die Stadt.
Die Runde kam zum Schluß, daß ein neues Konzept der Parkerneuerung vonnöten sei, welches mehr dem Funktionsinhalt und dem Landschaftscharakter des Parks entspreche. Zu bestimmen wären jene Bestandteile, die es unbedingt zu erhalten gelte, und andere Bereiche, die nach einer Erneuerung warten — zugleich dürfe der Park nicht entzwei gerissen werden, alle seine Teile sollten eine harmonische Verbindung eingehen. Dies ist umsomehr wichtig, daß die Anreinerflächen bereits zu Baufeldern geworden sind: die Brücke an der Königsberger Straße werde ersetzt, an der Ecke Obermühlenstraße werde ein «Raduga»-Restaurant mit neuen Funktionen angereichert (besser, ersetzt), die Ludendorffstraße unterziehe sich einer Grunderneuerung. Ohne jeden Zweifel sind abgestimmte Schritte aller beteiligten vonnöten, der Bauherrschaft, der Unternehmer, der Amtsmänner, der Landschaftsarchitekten, die alle am Entwurf mitarbeiten. Andernfalls laufe der Park, an und für sich durch und durch geschichtlich, sich zu einem Konglomerat der zusammenhangloser Konfliktbereiche zu verwandeln, ein jedes die Tischdecke nach sich ziehend.
Um dies zu verhindern, schlagen die Fachleute vor, den Stadtraum statt in mehreren losen Einzelstücken oder gar Einzelbauten zu beplanen, ein ganzes System der Freiräume und der die Stadt ungebenden Landschaft einzurichten: dies war der Kernpunkt der Beratungen. Man beschloß, ein übergreifendes optimiertes Einheitssystem aufzubauen, von dem ausgehend die aufeinander abgestimmten Entwürfe entstehen und stufenweise umgesetzt werden können. Wenige Tage später soll ein weiteres Treffen folgen, nunmehr mit studentischer Beteiligung, bei dem die ersten Entwurfsskizzen gezeigt werden.
Die ausländischen Landschaftler leisteten eine Stoßarbeit. Die Fachleute-im-Werden bildeten Fachschaft-übergreifende Entwurfsgruppen, jedes einem eigenen Thema gewidmet. Bereits am Abend darauf saßen auf der Burg Insterburg, dem Dreh- und Angelpunkt des «insterJAHRes» die Gruppen über die auskundschafteten Probleme und ihre Lösungswege zu Rate, unter Einbeziehung der Projektbeauftragten, der Heimatkundler und der Öffentlichkeit. Frau Professor S.Heinecke aus München leitete das Seminar. Nach einem anstrengenden «brain storm» erforschte und vermaß die Fachjugend alles, was ihr thematisch von Belang und was innert kurzer Frist zu erledigen war: Photo- und Kartenaufnahmen, Stadt- und Vorstadt-Begehungen, Gespräche mit den Lokalbewohnern, Skizzen und Risse — gefolgt von weiteren Besprechungen. Nach Natalia Kunitzkaja, Architektin und Dozentin aus St.Petersburg, schlief man kaum noch drei Stunden am Stück, getrieben vom Willen, der Stadt eine wirkliche Hilfe zu leisten.
Ein weiteres Treffen mit den Vertretern der Kreis- und Stadtverwaltungen, des Denkmalrates und der «insterJAHR»-Mannschaft fand in der Aula der Stadtbibliothek statt: man zeigte die Vorentwürfe, in die sowohl die Stadttopographie, als auch die Stadtgeschichte und die jetzige Nutzung der Stadtlandschaft mit einfloßen. Im Grüngürtel der Stadt machten die Teilnehmer drei Hauptzonen aus, den Stadt- und den Sportpark, sowie die Bleiche. Nach allen Seiten sollte nach ihnen die Grünzone offen sein, die Stadtteile und -Straßen miteinander verbinden, und die Geschichte mit der Gegenwart ebenso.
Die Projektgruppe Kaufmannpark schlug vor, ihn nach heutigen Nutzungsbelangen auszustatten, mit einem offenen Rastplatz, dem Kinderspielplatz, dem Tanzplatz samt Café, den Promenaden und kleinen Angler-Balkons. Die abgängigen Brücken und Freitreppen sollten wiederhergestellt werden und wie einst für Durchwegung sorgen. Die Neubauten sollten über Wege und Aussischtsplätze ihren den Parkzugang haben, so das im Bau begriffene Vergnügungszentrum; Treppen sollten als Elemente der Parkstruktur hervorgehoben werden und die Bäume entsprechend beschnitten.
Die Projektgruppe Alter Markt und Umgebung markierte eine Reihe vielversprechender Aussichtsplätze: für die Burg sind es die Teichufern hinterm Lenindenkmal, für die Fabriken — die ihnen gegenüberliegenden Teichseiten, der Eingangsbogen in den Bleiche-Park, die Promenade um den Schloßteich, die Grünanlage hinter dem Barclay de Tolly-Denkmal — geeigneter Ort für die stille Erholung nahe dem quirligen Stadtplatz, usw. Ansprechende Sichten brauchen nicht aufwendig und teuer sein — Baumschnitt und Aststützen helfen. Ferner wurde vorgeschlagen, alte Fabriken zum Kultur- und/oder Kinozentrum mit Freiterrasse umzurüsten und den Bereich von der Königsberger Brücke bis zum Eingang in den Bleiche-Park zusätzlich zu begrünen.
Die Analysegruppe Bleiche-Park faßte zusammen: Eingänge sollte es mehrere geben, bei entsprechender Zahl von zusätzlichen Pfaden; ein Teil der Bäume sollte weichen, um den Park zu entlasten und ansprechende Suchten zu ermöglichen. Baumgruppen und offene Rasenflächen sollten den Park gliedern. Ungleichmäßiges Rasenmähen kann das Malerische weiter verstärken, wenn man die Baum-Zwischenzonen nur einmal jährlich begeht. Für die Bewohner von jenseits des Flüsses ist eine weitere Brücke vonnöten, denn die Bahnbrücke ist nicht sicher zu begehen.
Als Präsentator seiner jungeren Kollegen bemerkte Professor F.Kuhlmann aus Dorpat, die allermeisten Entwürfe könnten binnen kürzester Frist und zu geringen Kosten umgesetzt werden.
Professor J.Wenzel (Berlin) sprach vom Leninplatz und seiner Umgebung. So wäre die Seite am Lenin-Denkmal die Grün- von der Verkehrszone durch eine „Wand“ aus Bäumen und Sträuchern abzuteilen. Auch der platzseitige Verkehrsstrom wäre mit einfachsten Mitteln zu ordnen, um dem Chaos vorzukommen. Angedenk fehlender Mittel um ein Neubau am Standort der Lutherkirche zu verwirklichen, können die Grabungen am selben Ort zum Anziehungspunkt von eigenem Wert und Güte werden. Am 2008-er Entwurf für die Grünanlage am Barclay-de-Tolly-Denkmal hielt Professor Wenzel es für einen Fehler, die kleine Fläche in vier Bereiche zu teilen, von denen der eine geteert werde für sommerlichen Skateboard- und winterliche Schlittschuhbahn, der andere steingepflastert für eine Bühne usw. Nach seiner Meinung sollte hinter der Reiterfigur des herausragenden russischen Feldherren der Platz frei bleiben, denn die massigen Baumkronen sind heute bereits der passende Rahmen fürs Monument. Alle andere Zufügungen, ob Kolonnade, ob überdachte Bühne usw. wären überflüssig und störten die harmonische Schlichtheit des Grüns. Pfade in ihm wären auszubessern und die Rasen zu pflegen
Ein interessanter Beitrag kam von der Absolventin der Kunstfakultät der Universität St.Petersburg, die Raumgestalterin W.Stjaschkina. Die letztjährige Idee Professor Wenzels aufgreifend — er schlug vor, die Brandmauer gegenüber dem «Wester»-Einkaufszentrum für eine großmastäbliche Zeichnung des Flächennutzungsplanes der Stadt zu nutzen — stellte sie in ihrem Vorschlag hier und andernorts sogenannte «Zeitfenster» auf: — Präsentatioinstafeln mkit den Ansichten der alten und der kommenden Stadt von jeweiligem Ort. Auf transparenten Trägermaterial gedruckt, wären sie auf metallische Rahmen zu spannen. Eine Web-Kamera am Leitungsmast in der Mitte des Platzes sollte zudem die Veranstaltungen dortselbst jedermann und überall zugänglich machen.
Die Sitzung abschließend, dankte der komissarische Stadtverwaltungsamtsleiter A.G.Masalow allen Beteiligten und stellte fest, daß die Aussichten des «insterJAHRes» vielversprechend seien, die Arbeiten dieses Jahres nicht nur die Beachtung aller verdienen, sondern auch der Grund sein können, dem Projekt im Folgejahr mehr Mittel zuzuweisen.
Neben vielem Arbeiten wurde den Teilnehmern beim Dorftag in Jänichen der wärmste Empfang bereitet, wie auch im Geschichtsmuseum und anderen Sehenswürdigkeiten.
Das Seminar-vor-Ort endete mit dem Runden Tisch auf der Burg Insterburg — man besprach die Umsetzungsmethoden der vielversprechenden Vorschläge — und dem Treffen in der Stadt- und Kreisverwaltung zwischen den Kuratoren der Landschaftsprojekte J.Wenzel und N.Kunitzkaja und dem stellvertretenden Kreisamtsleiter A.Demin, Stadtleiter A.Naumow und dem komissarischen Stadtamtsleiter A.Masalow. Die «insterJAHR»-Teilnehmer dankten für die Unsterstützung des Projektes und versprachen, die nach der Abreise aus Insterburg vertiggestellten Arbeiten diesen Herbstes dem Urteil der Bürgerschaft vorzulegen.
Vor der Abreise dankten die Seminarleiter den Beauftragten des «insterJAHRes» Frau A.Mamajewa und Herrn A.Oglesnew für ihre tatkräftige Unterstützung, und die Burgstiftung für die hervorragende Arbeitsatmosphäre zu jeder Tagzeit. Der Heimatkunde-Abteilung der Stadtbibliothek galt ihr Dank für die bereitgestellte Daten und dem Denkmalbeirat des Kreisamtes für die organisatorische Hilfen.
Alle Photos vom Autor.
Wertvoll wie die Arbeit Anna Mamajewas für den Erfolg des „insterJAHRes“-2011 sei, ist sie jedoch keine Projektbeauftragte.










