Von Insterburg nach Amsterdam

Fortsetzung des Reiseberichtes der Vorsitzenden der Eigentümergenossenschaft der „Bunten Reihe“, Frau Olga Iwanowna Sidorenko. Teil 4.


Am zweiten Tag der Konferenz gab es einen „runden Tisch“: die Delegierte verschiedener Länder berichteten von ihren Erfahrungen bei der Restaurierung und Sanierung des architektonischen Erbes, von der Erziehungsarbeit an der Bevölkerung, um sie zum verantwortungsvollem Handeln in Bezug auf historische Denkmäler zu erziehen. Bilder machten die Runde; ihnen gingen die traurigen Referenzzahlen: demnach habe z.B. Rußland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (1920—1950) an die 50% der Baudenkmäler verloren, weitere 14% kostete uns die Zeit von 1990 bis 2000. Dafür kann es mehrere Gründe geben, zu den wichtigsten zählt das Fehlen strenger Schutzgesetze und die Korruption. Mag es z.B. in Frankreich ein Gesetz zum Schutz des architektonischen Erbes schon seit 1840 gegeben haben, bis heute sind etliche schutzwürdige Bauten auch und gerade in zentralen Departements zerstört worden. In England gab es ein ähnliches Gesetz seit 1872, zumindest dem Papiere nach, doch erst seit den 1970ern griff es wirklich.

Angeführt wurden auch positive Beispiele für Umnutzung historischer Gebäuden den modernen Anforderungen entsprechend. So gab es im US-Bundesland North Carolina ein Denkmalschutzgesetz erst seit 1950. Hier war eine Firma damit betraut, Baudenkmäler zu erneuern. Sie kaufte sie auf, legte sie beizeiten sogar nieder, um sie dann in der ursprünglichen Form wiederaufzubauen. Heute stehen wir vor dem Ergebnis: die Stadt Savannah ist zu einem Touristenzentrum geworden, ihre Geschichtsbauten nahmen eine Synagoge, ein Kino, eine Schule und ein Mode-Zentrum auf. Ein ehemaliges Autowerk dient jetzt der Universität und aus dem ehemaligen Kaufhaus wurde eine Bibliothek.
In Warschau baut man neues in historischen Stadtvierteln unter strikter Beachtung architektonischen Besonderheiten und des Aussehens alter Gebäude. Manchmal werden sogar historische Gebäude oder deren Teile in den Neubauten kopiert.

Ein Vertreter des kleinen lateinamerikanischen Landes Surinam, seit dem 17. Jahrhundert Niederländisch Guyana und erst seit 1975 unabhängig, berichtete von den Erfahrungen, die dieses kleine 400-Tausend-Mann-Land mit dem Erhalt und Restaurierung des baulichen Erbes machte.
Die Geschichte dieses Erbes ist bereits an sich sehr interessant: es ist der Kolonisierung verschuldet. Die Hauptstadt von Suriname, der Hafen Paramaribo, liege an der Atlantikküste. Prägende Ortsmerkmale sind die Holzbauweise, die Dichtheit der Bebauung und das Fehlen irgendwelcher funktioneller Separation. Die koloniale Architekten aus so verschiedenen Ländern wie Holland, England oder den USA beuten jeder nach seinen Gusto — mit der Zeit wurde eine einzigartige Mischung daraus. Gemeinsam war ihnen allen die gekalkten Hauswände und die grünen Fenster und Türen: auch den Präsidentenpalast und die Mauern der Zeelandia-Feste sind so getüncht. So kam die Stadt Paramaribo zu ihrem Spitznamen „die weiße Stadt“. Auch Ziegel wurde eingesetzt, doch war diese Importware rar. Um Kosten zu senken, fuhr man sie auf den Schiffen als Ballast ein. Derzeit stehe Paramaribo unter UNESCO-Schutz. Durch neue Gesetze ist die Regierung von Suriname in der Lage, private Firmen einzuladen, sich am Schutz des historischen Landesrbes zu beteiligen. Ein Geschäftsmodell wurde erarbeitet, Aktien emittiert, die nicht nur die Großunternehmen, sondern auch Private erwerben können, auch die ausländischen Investoren. Die aktive Bauperiode brach 2011 ein. Man scheute nicht, auch andere Länder um Rat zu bitten, so auch „Stadherstel Amsterdam.“

Ein Vertreter Aserbaidschans berichtete vom Nationalprojekt „Altstadt“, dem Wiederaufbau und Erneuerung des historischen Zentrums von Baku. Dieses fruchtete im neugegründeten Geschichtsreservat, welches seit 2008 in die UNESCO-Liste gesetzt wurde. Auch ein Generalbebauungsplan der Entwicklung des Stadtzentrums von Baku wurde erarbeitet. Als einen der Hauptverdienste rechnet sich die Firma das Zusammenbringen der Stadtstellen mit der Öffentlichkeit. Umgesetzt und inzwischen in Betrief sind die „Garten der Künste“, die offenen Werkstätten traditioneller Handwerke, z.B. des Webens, Prägens, usw.; der „Barama“ („Kokon“), eine Ausstellung für zeitgenössische Kunst; das nationale „Marionettentheater“. Die Einführung der Maut für die Einfahrt in die historische Innenstadt Bakus hat dem Touristensrom in keinster Weise geschadet, im Gegenteil: erst darnach kamen solche Reisende wie Putin und Alijew. Derzeit sei man auf der Suche nach weiteren Partnern und knüpfe internationale Verbindungen mit gleichartigen Projekten, um Erfahrungen auszutauschen. Die Kosten für die Umsetzung von Projekten, und das ist der Unterschied zu dem „Stadherstel“-Schema, werden von der Regierung des Landes getragen: die einen initiiert ihre Projekte von oben herab, von der Regierung; die anderen arbeiten „vom unten herauf“ und seien von den Regierungen fern.

Die Erfahrungen von Architekten und Restauratoren vieler Länder zeige, daß die Arbeit am historischen Stadtteilen mitnichten durchs Konservieren und Museefizieren vollbracht sei — die Viertel sollten voller Leben sei, erst dann ist der Erfolg unser! Bewohner mit ständigem Wohnsitz in diesen Mauern seien gefragt, und nicht nur die Tagespendler von Handwerker eventueller Schauwerkstätten, den Mitarbeiter irgendwelcher Museen oder Freunde dem Mittelaltertums. Mit ihrem ganzen Einsatz zeige „Stadherstel Amsterdam“ besser als alles andere, daß Wohnen in historischen Mauern auch hoch gefragt sei — vorausgesetzt es komme mit den üblichen Annehmlichkeiten wie dem fließend heißem Wasser und ohne dem permanent lecken Dach.
Auch hier möchte man den Vergleich zu der Elevatorenstraße ziehen, auch sie sei historisch, auch dort leben Menschen — auch hort lebe und atme ein historisches Denkmal! Heiße dies etwa, die Hälfte des „Amsterdamer Weges“ haben wir bereits hinter uns? Und wenn, könne die Stadt es sich leisten, dies zu übersehen? Wo ein Teil dessen, wofür die andereren soviel kämpfen müßten, bei uns schon da sei, müsse nur bei den Anstrengungen fü die Erneuerung der „Bunten Reihe“ nachgelegt werden, schon sei das Ziel in greifbarer Nähe. Eine Subvention aus dem provinziellen oder dem Bundesetat — schon hätten wir ein „Juwel“ auf der Stadtkarte, ein Besuchermagnet und ein Stolz seiner Bewohner, von den verbesserten Lebensbedingungen ganz zu schweigen.

Ein weiterer wichtiger Fragenkomplex, zu dem die Konferenzteilnehmer ihre Erfahrungen austauschten, war die Erziehungsarbeit, insbesondere jene bei den Jugentlichen: wie bringe man denen bei, sich fürs historisches Erbe einzusetzen, stolz auf ihn zu sein? Hier ist die Arbeit der niederländischen Firma „Stadtguerilla“ interssant. Sie organisieren in der Stadt verschiedenste Aktivitäten, so auch die Feiern des 4. und 5. Mais (Befreiungstag), und nehmen auch sonst aktiv am Leben von Amsterdam teil.
In Beirut initiierten sie eine Kampagne zum Sammeln historischer Fakten zu den Denkmälern des 20. Jahrhunderts und Ausstellungen persönlicher Gegenstände der Bewohner aus dieser Zeit, ihrer Erinnerungen usw. Man gehe thematisch vor: ein Bereich sei den Kindheitserinnerungen gewidmet, ein anderes den romantischen, ein weiteres den heroischen, den ersten Begegnungen usw… vielleicht gelinge es uns, etwas ähnliches bei der Geschichtsschau auf unserer Elevatorenstraße zu wiederholen.
Zum Schluß des Tages präsentierten sie drei Projekte von Amsterdamer Gymnasiasten: den jungen Baumeistern war der Auftrag, neue Nutzungen in ein ehemaliges Straßenbahndepot, ein Umspannwerk und eine Schiffbauhalle hineinzudenken — uns als Konferenzteilnehmern oblag es, den Bestehn unter ihnen zu küren. Man zeigte uns die Frucht jugendlicher Phantasien: die Wintergärten mit Fontänen, die Handelsgalerien mit Cafés usw. Es gewann ein Projekt dreier Mädchen, die sich in orientale Schals hüllten — gefragt, wie sie zu so gutem Englisch kamen (die gesamte Konferenz lief auf Englisch ab), hielten sie kühn entgegen, sie seien bereisterte Fans der Zeichentrickfilme, und lernten die Sprache auf diese Manier. Den Pubmilum nahmen sie in Sturrn und erhielten die wohlverdienten Preise. Dies lasse einen nachdenken: ist das nicht ein Weg, der von uns kopiert und in den Stadtschulen angewandt werden könne, um bei der jüngeren Generation Liebe und Achtung für das architektonische Erbe zu erziehen?


Teil 5.

Der dritte und letzte Tag war weniger voll als die beiden vorangegangenen. Nach einem freundlich-warmen Abschied von den anderen Teilnehmern beschlossen wir, die Zeit vor dem Abflug für Exkursionen zu nutzen.
Zunächst ging es per Bus zum weltberühmten «Keukenhof»-Blumengarten. Nur drei Monate im Jahr sei er für die Öffentlichkeit zugänglich. Es verschlingt einem die Sprach, von diesem Paradies auf Erden zu berichten — Freude pur! Gesehen muß man es haben, umsomehr, als wir bei der Abfahrt von zuhause kaum noch grünes Gras von unter dem Schnee hervorsprießen sahen, hier aber ganze Plantagen duftender Blumen, Sträucher, Kirschbäumen in voller Blüte begegneten!

Hie ein japanisch Garten, da ein chinesisches, mit künstlichen Wasserfällen, Bächen und Seen; mit geschnitzten Holzfiguren an den Gartenwegen, mit witzigen Flechthütten und vielem mehr… Für die Kinder gebe es einen Streichelzoo mit Lämmern, Ferkeln, Kaninchen, Hühnern und Ponys: Betreten Jedermann frei. Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und streichelte die niedlichen Lämmchen.

In den schier endlosen Hallen breiteten sich die unzähligen Rhododendren-Plantagen aus, die Hyazinthen, die Tulpen in der Unzahl der Sorten. Im Orchideen-Pavillon kam ich nicht umhin, diese von mir so geliebten Blumen aufzunehmen.

Einem Volksfest mit Handwerkermarkt begegnetem wir im Garten auch: eine Kolonne Frauen und Männer in traditioneller Tracht zog an uns vorbei zu den große Windmühle am Ende des Gartens; wir folgten ihnen.

Von der dort aufgestellten provisorischen Bühne gaben die Laienkünstler ihr Bestes in Lied und Tanz; nachher wurden dort Holz- und Keramikarbeiten dargeboten.

Kein Blumengarten ohne Blumenkauf: leider war es nicht die Zeit, meinen Traum von schwarzen Tulpen zu verwirklichen, es sei, so die Verkäuferin, nicht die Saison dafür. Die Tulpenzwiebeln werden in September oder Oktober aus der Erde geholt. Wer wolle, könne eine Bestellung hinterlassen und bekomme seine Ware im Winter per Post. Die Mindetsbestellmenge liege bei 30 Euro. So müßte ich mit Gladiolen-Zwiebeln vorlieb nehmen — diese Blumen liebe ich auch sehr.

Unser weiterer Weg führte uns in ein Vorort von Amsterdam, die Stadt Zaandam. Ihrem Ruf verdankt die Stadt der Tatsache, daß sie im Jahre 1697 Peter den Ersten beherbergte, als er unter dem Decknamen Peter Michailow sich mit der Kultur und der Industrie Westeuropas vertraut machen wollte. Schiffsbau stand auf seiner Prioritätenliste ganz oben, und Zaandam war zu dem Zeitpunkt ein Zentrum davon. Drei Mal war der russische Zar in dieser Stadt und sieg stets im bescheidenen Holzhaus von Gerrit Kist ab, einem Holländer, der früher Mal in seinen Diensten stand. Im Herzen der Stadt, am Damplein, stehe dem Peter dem Großen ein Bronzedenkmal gewidmet. Schlagend die Bescheidenheit des Museumshauses und die kleine Wandnische, in der der Zar schlief: der über 2 Meter große Mann konnte sich einzig in Sitzhaltung in so eine Ecke hineinzwingen… aber das war sowieso der Brauch der Zeit, sitzend zu schlafen. Napoleon, als er einmal das Haus besuchte, meinte, dem wahrlich Großem sei nichts zu klein.
Im Auftrag von Nikolaus II. bekam das Haus eine steinerne Schutzhülle verpaßt.

Hinter dem petrinischen Haus eine kleiner Ziergarten mit den Büsten von Peter und seiner Ur-Ur-Enkelin Anna Pawlowna, der Königin der Niederlande.

Kleine Altbauhäuser machen den Großteil der Straßen dieser Stadt aus, doch man baut auch Neues, uns zwar in sehr interessanter Haltung. So eine „neue niederländische Architektur“ habe ich noch nie anderswo gesehen.


Zurück ging es mit dem Flugzeug nach Berlin, von dort mit dem Bus nach Insterburg. Der Weg ließ mich an ein lange zurückliegendes Artikel M.Deneschkinas denken, als sie nach ihrer Reise nach Deutschland schrieb, „Fahre ich einmal nach der Heimat…“ — mir war es ähnlich zumute: Bitterkeit, Verdruß für meine Stadt und mein Land, Frustration, Gefühl völliger Hilflosigkeit. Auch anderen vor mir ging es nicht anders! Mit der Zeit legten sich die Gefühle nachgelassen, die Bitterkeit ließ nach, doch was mehr zähle — die Hoffnung blieb! Die Hoffnung, daß auch wir, wenn wir bloß nicht aufgeben und nicht passiv werden, unsere Stadt auch wohnlich, sauber, gepflegt und noch mehr geliebt machen können.
Ich bin froh, daß es mir vergönnt war, so wunderbaren talentierten und motivierten Menschen aller Länder zu begegnen, wenngleich auch indirek, mit D.Suchins Übersetzung. Sie alle dienen dem großen edlen Zweck. Danken möchte ich auch unserer einladenden Seite, dem „Stadherstel Amsterdam“ und Dimitri Suchin persönlich, der diese Reise anschob.

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