Du Stadt, meine Beute…

Du Stadt, meine Beute
kaffeefarbener Steinschimmer,
Der See — ein Eimer überfließend, der Fluß — stille Ehrfurcht,
Der Platz des verblichenen Oktoberrevolutionärs,
Schiefe Wohnblöcke, einstige Hoffnung auf Tauwetter,
Das Schloß, duldsamer Wächter der Zeit.

Deine Häuser schamvoll bedachend,
Die ungnädige Zeit schlägt immer noch zu.
Der graue Weiher, dein Gegenüber, ist doch dein Ursprung.
Geflickte Mauern:
Zerbrochen warst du, im Kampf um den Frieden,
Starke sanfte Hände haben dich gewiegt, damit du lebst.

Stolze Parade edler Pferde,
Müde Täler im zaghaften Schlummer,
Sackgassen locken ihre Opfer.
Was haben dir Jahrhunderte gebracht?
Nur kalten Kummer, wilde Jahre.
Gottesgeschwister, eure Kreuze wurden einst errichtet.

Du Stadt, du befremdest die selbstsicheren Fremden,
Wie lernt man dich ergründen?
Außen strenger Klinker, innen duftet weiches Birkenholz.
Sowjetisch gestrickt —
Brauchst deutsche Luft zum Atmen,
Nackt bist du — Gerippe, zerbröckelt.

Hast zur Vielfalt dich erhoben, bunt ist deine Farbe,
Zum naiven Träumer geworden,
Angeschweißt an die russische Ferne — sagst dich nicht los.
Auferstanden aus zerbrochnem Stein,
Ganz und gar nicht blütenrein,
Strahlst Friede aus, als innerstes Bestreben.

Das Gedicht Igor Jerofeews aus dem Sammelband „Standhalten“ (2009) wurde von Olga Platonycheva ins Deutsche übertragen.

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