Zum Siedlungsjubiläum

Pünktlich zum 100. Jubiläum des Bundesdenkmals Bunte Reihe bekamen die Bewohner ein Geschenk. Es waren die frisch gepflasterten Gehwege in der heutigen Elewatorenstraße.

Lange mußte die Straße auf diese Neuheit warten. Die einst farbenfrohen Häuser, Rußlands einziges Beispiel des Scharoun´schen Bunten Bauens, verblaßten fast. Die Gehwege waren dahin, und auch die Fahrbahnen, von schweren LKWs der Wehrsportschule malträtiert…

Nur noch die ältesten erinnern sich der ersten Nachkriegsjahre und eines Litauers der hier alleine die Kopfsteinpflasterung besorgte. Das Lokalblatt „Der Kommunist“ meldete am 15. Juli 1948: „Die Stadtreinigung begann mit der Pflasterung der Elewatornaja-Straße.“ Und dann, am 17. Juli 1949, schrieb derselbe „Kommunist“, „abgeschlossen ist die Pflasterung der Fahrbahn und des Gehwegs in der Elewatornaja-Straße.“ Anzumerken wäre, daß es im Bereich der eigentlichen Bunten Reihe, vor den Häusern 1-18 sehr wohl gut erhaltene deutsche Gehwege gab. Wir Kinder spielten „Himmel und Hölle“ darauf. Hinter dem Haus 18 mußten dagegen schon neu angelegt werden.

Wir Kinder der 50er-60er Jahre erinnern uns noch gut an die Panzer wie T34, die regelmäßig über unseren Kopfsteinpflaster zum Übungsplatz rollten. Ihnen hinterher die Versorgungswagen mit Treibstoff, mit ihren klirrenden Ketten. Einige Tage später kehrte das Ganze vom Übungsplatz wieder heim in die Stadt, die Panzerketten schlugen Funken aus dem Granit, die Hauswände erzitterten, das Glas in den Fenstern klirrte. Die Plasterung hielt alles aus, und war irgendwo ein Schlagloch, besserte man diesen sofort aus. Nie war die Straße dauerhaft in einem so deprimierenden Zustand wie heute.

Die Arbeiten an den Gehwegen der Elewatornaja-Str. begannen auf Anordnung des Stadtdirektors S.W. Bulytschew, der sie ins „Sofortprogramm konreter Maßnahmen“ nahm. Die Umsetzung war zügig und von hoher Qualität; die im städtischen Auftrag tätigen Arbeiter begeisterten alle. Tagaus-tagein waren die Jungs von 8 Uhr am Werk, der letzte machte erst um 20 Uhr Schluß. Feiertag oder Wochenende — gleicherlei. Die Anfahrt aus Schillen bei Ragnit nicht eingerechnet. Ihr Polier Denis Skakun war ein gebildeter und höflicher Mann, und so war auch seine Baustelle: sachlich und ruhig. Besonders einnehmend war der respektvolle, aufmerksame und freundliche Umgang der Bautruppe mit uns Bewohnern. Bald schon wurde man vertraulich, gerade die Älteren wanden sich mit verschiedenerlei Anliegen an die Jungs: der eine wollte einen schweren Teppich ausklopfen trafen und schaffte es nicht alleine, der andere hatte irgendwelche Fässer zu versetzen, der dritte einen Zaun auszubessern.

Was die Skakun-Mannschaft tat, stand in keinem Vertrag und auf keiner Kostenrechnung. Auf Bitte der Bewohner des Hauses 17 besserten sie etwa die regissenen Eingangsstufen aus, vergaßen sogar das Kratzeisen nicht! Hinter dem Haus 18 legten sie eine Hofauffahrt an. Herr Skakun selbst brachte Rasenerde für die Vorgärten mit.

Viel lobendes Wort wird heute über das Skakun-Team verloren, wenn unsere Rentner abends auf den neuen Gehwegen spazieren gehen. Richtig beispielgebend waren sie für die Bewohner: man sieht sie neue Rasenflächen ansäen, Blumen pflanzen, Büsche schneiden, Zäune erneuern.

Neue Bürgersteige sind nur erste Schritt. Eine Fortsetzung ist überfällig, mit Generalsanierung unserer „kulturhistorisch wertvoller“ Häuser, auf daß die Straße bunt strahlt wie einst, von selbst und von schönen Laternen angeleuchtet (einst gab es hier Gaslaternen). Auf daß die Fahrbahn repariert wird und schadensfrei bleibt, von keinem Wehrsport-LKW zerstoßen. Auf daß unsere Bunte Reihe zu denselben Ehren kommt wie ihr bunter Artgenosse in Berlin, die Tuschkastensiedlung: wären nicht auch wir eines UNESCO-Titels würdig?!

Olga Sidorenko

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