Alt-Königsberg

Bereits vor den zerstörerischen Bombardements und der Erstürmung durch die Rote Armee war es um die alte Stadt schon vorbei, und nur die wenigen Reste kündeten noch vom Wesen der vergangenen Jahrhunderte. Dann kamen die Bomben — und fegten auch dasjenige davon, was die dem 20. Jahrhundert zu trotzen wagte.

Was machte davor noch den Ruhm Königsbergs aus, in einem gedachten Goldenen Zeitalter seines Stadtwesens?

Als erste wären die Speicher zu nennen. Höchst zeichenhaft ragten sie in den Himmel hinein, weit majestätischer, als ihre eigentliche Bauhöhe es eigentlich zuließe: sie kombinierten bewohnte Erdgeschosse von üblicher Dimension mit zahllosen Lagergeschossen von niedrigeren Abmessungen, die dem Beschauen ein ums andere Mal täuschten. Die Sinne ließen ihn denken, die Geschosse seien alle gleich hoch, und nur die Entfernung lasse die klein erscheinen, der Hirn rechnete sie schnell „richtig“ — obwohl „richtig“ hier gerade fallsch war. Zuweilen diesenten die Speicher auch als Wohnungen, zumindest bis zurВ  Aufhebung der Ferstungsmauern.

Auf den Straßen Ostpreußens herrschten die Beischläge, überdachte Eingangsverandas, zuweilen sogar mehrgeschossig, deren eigentliche Aufgabe es einst war, den Gast standesgemäß in die Belle-Etage zu führen, und gleichzeitig den unschönen und nützlichen Kellereingang aus den Augen zu halten. Bald kam es, daß man die oberste Stufe dieser Außenstiege zu einem Podest erweiterte, Stuhl und Tisch darauf stellte, und Gäste traktierte —Königsberger, Danziger und viele andere Straßen glichen bald größeren Empfangszimmern. Pariser Cafés verliehen den Boulevards ihren berühmten Charakter — doch die ostpreußischen Terrassen kamen denen um einige Jahrhunderte zuvor!

Da die eigentlichen Häuser stets auf der Grundstücksgrenze standen, waren jene Beischläge, wiewohl seit dem Mittelalter geduldet, stets Schwarzbauten. So kam es auch, daß sie bis auf wenige Ausnahmen verschwanden, als die gründerzeitliche Stadt Platz benötigte für Wasser- und Abwasserleitungen, für neue Fahrbahnen und dergleichen…

Auch Insterburg hatte ähnliches aufzuweisen, z.B. am Alten Markt neben der Roten Apotheke. Heute breitet sich hier die Rasenfläche des Barclay-de-Tolly-Denkmals.

Die verschwundene Apotheke ist auch aus dem anderen Grunde bemerkenswert: die Apothekerwohnung ein Geschoß höher war von niemandem anderen als Erich Mendelsohn ausgestattet worden. Dort wird er auch die Bekanntschaft mit Hans Scharoun geschlossen haben.

Комментарии

Tsennyj 12.08.2010 в 18:12

Auf dem Schema der inneren Stadt sieht man, wie wenig innerhalb der Wallbefestigunhg vom alten Königsberg übrig blieb.

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