Kolloquium

„insterJAHR“ steht für alte, vielleicht schon abgegriffene, doch unveränderlich wahre Wahrheit: geistiges und materielles Erbe vergangener Generationen ist mehr als bloßes Museumskram, Arbeiten an ihm — mehr als Realitätsverweigerung. Unendliche Schütze liegen hier verborgen und könnenja sollen! —  zur Verbesserung des jetzigen Lebens, zur Quelle neuer Ideen, zum Einsatzort fleißiger Hände werden.

Kaum eine Stadt Rußlands wird sich mit den nordostpreußischen Städten in der Anzahl ihrer Generalbebauungspläne messen können: jene hatten bestenfalls eines oder ein Paar, hier besaß eine jede gleich mehrere. Wo kein Städtebauplan, da sicherlich ein Verschönerungsplan, eine Karte örtlicher Kunstdenkmäler, ein Fluchtlinienplan oder dergleichen mehr; sowjetzeitig, kaiserzeitig, welche auch immer. Verwirklicht wurden nur die wenigsten, und dann auch fast nie komplett —schönen Theorien fehle es an Praxis!.. an Bodenhaftung auch.

Für nachhaltige Entwicklung aus eigener (künftig) Kraft heraus lasset die Architekten, Theoretiker und Baupraktiker über einige Grundsätze zusammenkommen —

  1. Jedes Erbe, ob jahrhundertealt oder erst aus jüngster Vergangenheit, überhaupt jede Geschichtsschicht sei wichtige Hinterlassenschaft und wertvolles Gut
  2. Jede Konstruktion sei zu pflegen; jede Wand, Strebe und Fenster haben allein schon durch ihren langen Dienst ihre Daseinsberechtigung erwiesen
  3. Kein „Neuaufbau nach altem Muster“ ersetze den Original, durchs Fälschen komme weder die Architektur, noch die ganze Provinz voran
  4. Altes solle durchdacht, bevor mit dem Neuen angefangen wird: ganzheitliche Lösungen unserer Vorgänger, die Jedermann vertrauten Schaubilder sind nur dadurch so charakteristisch und passend, weil aus diesem Boden und unter diesem Himmel gewachsen, und nicht ins Bild manipuliert

Bauen in geschichtlicher Umgebung, mehr noch, in gestörter geschichtlicher Umgebung gehöre nicht zu den Stärken russischer Baumeister. Bewußter Umgang der Hausbewohner und -Besitzer mit ihren Bauwerken findet erst jetzt seine Thematisierung. Behutsames Erneuern bei Schonung alter Konstruktionen findet so gut wie nie statt. Dabei sind wir nicht allein auf der Welt!

Gleich am Anfang des ersten „insterJAHRes“ wird ein Kolloquium jene Architekten und Planer zusammenrufen, die bereits ßber bewährte praktische Erfahrungen beim Bau in und an altehrwürdigen Häusern verfügen. Zusammenkommen soll eine Darstellung des gesamten Spektrums anwendbarer Lösungen des behutsamen Erneuerns und Erweiterns, der Neubelebung Ähnlich heruntergekommener Quartiere, wie Insterburg sie aufweise: was im ähnlichen Fall andernorts gelang, kann auch hier geschultert werden? Schreckbegriffe wie „Schutzverpflichtung“ und „Pflegeplan“, ferner „Museisierung“ und „Bespielung“ verlieren hiernach ihren Beigeschmack und zeigen sich von ihrer solidarischen Seite, wie eine Erneuerungsmaßnahme, die einem Einzelnen überförderem gemeinsam gemeistert werden kann. Erläuterungen zu typischen Bauweisen bringen die Konstruktionslogik alter Tage wieder zum Vorschein — und machen einfacher, eigene Herangehensweisen zu entwickeln, auch und gerade dann, wenn bestehenden Strukturen und Materialien mit gehörigem Respekt und Achtung begegnet werde. Am Ende werden sie alle vom fremden Erbe zum ureigensten Werk — weiterer pfleglicher Umgang inbegriffen.

Von einem Kolloquium sind allgemeine Ratschläge und Ideen zu jenen Themen zu erwarten, die während der „Hausbiographien“-Sammlung als besonders brennend auffallen. Zusammen werden sie wiederum die Stoßrichtungen der Lehrwerkstätten bestimmen — aber nimmer den Stil der zu erstellenden Bauwerke! Den Städten und ihren Bauherren liegt die Wahl ihres Stiles ob. Hauptsache, es werde eine bewußte Wahl, und kein stumpfes Abkopieren.

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