Prachtplätze oder Gedenkplätze kann es in einer Stadt überall geben, doch ein Eingangsplatz ist einmalig — ein Ort des ersten Grußes bei der Ankunft in die Stadt und auch des letzten Abschiedes. Mag Insterburg auch keine Torplätze haben, einen Eingang der eigenen Art besitzt die Stadt mit dem Bahnhofsplatz, aus dem mit der Zeit ein Tschernjachowski-Platz entwuchs. Seit 1948 stehen Symbole der neuen Zeit darauf.
Auch der Platz in dieser Form ist neu, denn die Straßen verliefen anders: noch bis in die 1930er Jahre gab es keinen Durchstich der Danziger Straße bis zur Hindenburgstraße, während die Ludendorffstraße keine direkte Verbindung zur Gumbinner Straße aufwies, von einem keilförmigen Block voneinander getrennt. Der Krieg erst schuf hier Baufreiheiten; die Ruinen wurden bis Mai 1948 geräumt. Man legte Blumenrabatten an, stellte Strahler und ein großes Portrait des General Tschernjachowski auf — und legte ein Grundstein für das spätere Denkmal.
Aufnahme aus dem Tschernjachowski-Museum
Der Entwurf des Sechs-Meter-Obelisken mit drei Sternen und dem Portraitrelief stammte von einem Kriegsgefangenen, dessen Name als Gustav Ristow überliefert ist. Die Widmung war ursprünglich eine andere, es sollte ein Lenin-Obelisk werden, doch zu Moskau entschied man anders. Auch die Steinmetze waren Deutsche, und selbst die Steine: man schlachtete dafür die marmornen Grabtafeln aus. Langsam wurden alle Gräber so geräumt, die Denkmalbaumeister müßten gar bis nach Königsberg aufs Land fahren, um neues Material zu finden.
Doch schon in wenigen Jahren zeigte sich die Unschicklichkeit des Materials, und 1950 wurde die Verkleidung abgenommen und der Obelisk zurückgebaut. Auf seiner Basis stellte Frau Maria Wytschikowa (Prokofjewa, 1924—2008), eine Bildhauerin der Produktionsgemeinschaft „Kommune-Pfad“, eine Zementbüste auf. Ein Boßler des Stadtverschönerungsbetriebes, Herr Walentin Prokofjew half ihr dabei.
Aufnahme I.E.Tschabans
Nach zweieinhalb Jahrzehnten war auch dieses Denkmal nicht mehr zu halten.
Im Jahre 1973 war man soweit, eine Neuanlage zu beschließen: was als Symbolbau eines Obelisken begann wuchs über einen Zwischenstadium einer kleineren Büste bis zu einer vollmaßstäblichen Figur heran und bald über die natürliche Größe hinaus. Auf Drängen des städtischen Kunstbeirates wurde die Generalfigur mehr als verdoppelt, sonst hätte sie dem nach dem neuen Bebauungsplan (1975) angelegten Platze kaum entsprochen. Eigentlich vermag sie es auch in der ausgeführten hohen 4,80m-Variante nicht recht, ein Knoten aus einem Fernbahnhof, einem Busbahnhof, einem Kino, den Durchgangsstraßen nit ihren Verschlingungen und der gegenüber der alten Büste angelegten Esplanade ist ihr über. Hätte die Figur etwa auf das Dreifache der natürlichen Größe steigen müssen? — ohl kaum, denn das Verhältnis der Ausdrucksstärke zum Volumen ist niemals linear.
Den Entwurf zeichneten zwei Moskauer Autoren, der Bilhauer Boris Edunow (1921—1982) und der Architekt Michael Nasekin. Aus Edunows Werkstatt stammen unter anderem die königsberger Mutter-Rußland-Figur, Kalinin-Denkmal am Hauptbahnhof und das Denkmal der Raumfahrer. In der St.Petersburger „Monumentalskulptur“-Gießerei wurde die Figur zur Bronse, und auch der fünf Meter hohe granitene SockelРµ, der an die flatternde Fahnen erinnern soll, wurde dort behauen.
Eröffnet wurde das neue Denkmal im Mai 1977, worauf das alte verschwand. Die Kosten für das Höherwerden des Denkmals fielen der Stadtkasse zur Last.
Begonnen hat die Erinnerungstrilogie aber eigentlich schon früher: bereits 1946 wurde die ganze Stadt Insterburg mit der vollzogenen Neutaufe zum Iwan-Tschernjachowski-Denkmal.
In 2005 erschien auf Russisch bereits die 2. Auflage der Iwan-Tschernjachowski-Biographie, die den Lebensweg des Generals und auch des Gedenkens seiner detailliert darlege.
