Seine persönliche Eindrücke von „Insterfest-2010“ sendet der Königsberger Architekt und Gast unseres Kolloquiums Herr Oleg Wasütin. Auf seinem Burgbesuch begleiteten ihn Herr Eugen Umanski und Frau Ludmila Savodtchikowa. In anderen Worten, „zwei Kenner (zumindest in den eigenen Augen) und zwei Laien“.
Als wir am 24. Juli von Königsberg losfuhren, hötte man genausogut vom „loskraulen“ sprechen können. Es goß in Strömen, Wasser überall, Bilder von der Sintflut rasten mir vor den Augen — und dann war das Unwetter genauso abrupt zu Ende, wie es begann. Ohne Zwischenfall kamen wir an, den Weg säumten die Reste der deutschen und der sowjetischen Zivilisation, Storchennester und unbestellte Felder. Schon sind wir in Insterburg, bald am Alten Markt, vorm Schloß, und beim III. Festival moderner Kunst.
Übervoll ist es nicht: gab es zu wenige Infos fürs Publikum? oder ist die moderne Kunst hier keinem von Belang? Man stolziert an den Ruinen vorbei und wartet… worauf? Dann plötzlich ein Biker-Überfallkommando, und alles bekomme sogleich einen Gesicht: schwarze Lederkluft und Schloß passen glücklich zusammen, muß man sagen!
Wlada Smirnowa sammelte uns alle unkündigen bei sich und führte uns and die Objekten. Langsam kam man in die Gänge, das intellektuelle Wiederkäuen allerlei Gedankenspiele begann:
Die Moskowiter „Kinder Iofans“ und ihre Zeppelin-Anlegestelle für Luftschiffe erkannte niemand als solche, nur das Fernländische war offensichtlich.
Die „Radiowelle“ der LES-Gruppe aus Rauschen sollte sich viellecht energischer vordrängeln, blieb aber ein Hintergrund fü alles und jeden. Der „Ärztefall“ hingegen kam, wurde aufgenommen und mehr als einmal erinnerte man sich seiner. Ganz großes Glück hatten wir mit der „Fontäne“ St.Petersburger Bauart, bei unsrigem Wetter zumal: moderne Kunst erwies sich als überraschend funktional.
Packend die Mittelalter-Erotik in der Kälte der Keller-Verließe; beachtenswert die Präsentation der „Bunten Reihe“ im Schloü: sehr harmonisch, aber viel zu bescheiden in der Aufmachung. Warum nur müßten sie sich auf die drei Schautafeln beschränken, warum nicht mehr?.. Wie die Studenten Materielles und Gesitiges in der Form präsentierten zeigte dennoch ein hohes Niveau.

Ermüdend endlose Hitlerbilder im Stall — ausdrucksvoll hingegen ein Frauengesicht mit Pflasterung, in der hintersten Ecke aufgehängt.
Zu Abend erklang das Gaze-Aquarium, zeitgenössische Musik mit Grillenchor und einer Sonderpartie vom Tageswetter — ein Sängerstreit zu Insterburg und ein Ende eines glücklich zu nennenden Tagesprogramms.

P.S. Sie haben eine Ausführung von den künstlerischen Qualitäten, von der Professionalität, der fachmännischen Organisation erwartet, doch Hand auds Herz: welchen Zuschauer interessieren sie? Für uns zählte die Stimmung, sie war beschwingt, unaufdringlich und unprätenziös: dies war die hiesige „Atmosphäre“.


Nach dem Insterfest Eine undankbare Aufgabe, ein Ereignis wie das Festival der modernen Kunst zu bewerten: es fehle einem an geeigneten Kriterien für dieses Phänomen. Ein Fest im mittelalterlichen Gemäuer bleibt notwendigerweise vom der Burg und ihren Lebensweisen überschattet, seit 12 Jahren wird da bereits ein eigenes Leben erprobt. Und dieses zieht scheinbar jenseits jeder Zeitrechnung und ohne sichtbare Ordnungsstrukturen. Etwas komme von irgendwo, jemand fülle es mit irgendwelchen Inhalten, wie von alleine — so etwa läßt sich das Burgleben beschreiben. Wenn hierin ein Kunstfest gepflanzt werde — komme es zur Geltung? Gewiß komme es nicht unter, doch es fehle dem Fest an der Größe, um seinen Einfluß über die Burgmauern zu verbreitern. Ein Unstand? — ein charmantes. Keiner moniere was, keiner verteile Tadel, und wenn es etwas zu bemängeln gebe, so nimmt man seine Beschwerde mit sich fort. Die, die am Ort bleiben, sind guter Dinge mit dem, was ihnen verbleibt. Man könnte meinen, die Kuratorenhand sei nicht sichtbar gewesen, und den ausgestellten Objektem fehlte es an Schärfe. Überhaupt schien die Objekt-Subjekt-Beziehung nicht durchdacht — mit dem "Ärztefall" als der einzigen Ausnahme. Doch wie gesagt, auch dieses nehme nach mit sich fort. Was bleibt ist der Dank für die schöne Atmosphäre in den Burgmauern, für die Abendgala der zeitgenössischer Musik — in einem Bildschirm-Aquarium, und doch ohne jegliche Dissonanz zu jener Atmosphäre der Burg. Nicht zu vergessen das himmlische Wetter, vom Himmel geschickt.