"Insterburg, ein glücklicher Erbe"

Eine Kurznotiz der Königsberger Zeitschrift „StrojInterjer“ berichtete ihren Lesern vom zu Ende gegangenen Insterburger Baukolloquium. Leider ging die Kürze zu Lasten der Genauigkeit.

Wohl hatte Insterburg Glück, eine Wohnsiedlung des großen Hans Scharoun zu besitzen, doch die Freude über den Besitz dieses in Rußland einmaligen Werkes hindere uns nicht, ihn zwischen den Vorgängern und Nachkommen richtig zu einzuordnen. Zu dieser Wertung lieferten die Kolloquium-Beiträge den rechten Ansatz. Wenige Straßen weiter finden wir ähnliche Bauten, ihre Gattungsgenossen stehen in Berlin, in Magdeburg und andernorts — unsere waren mit die ersten, die nach der Veröffentlichung des Bruno Taut’schen „Aufrufes zum farbigen Bauen“ (1919) errichtet wurden, und zwar von einem Architekten, der den Aufruf mit unterzeichnete, in einer Stadt, derer Bürgermeister auch unter den Signataren war.

Die inzwischen heruntergewirtschafteten bunten Häuser waren für Scharouns Werdegang sicherlich wichtig — doch zu seiner vollen Blüte kam er erst später, in Breslau und Berlin. Umso wichtiger sind uns sie: einen solchen Scharoun findet man sonst nirgends. Sie bringen internationale Fachplaner in die Stadt, heben sie und ihre Altbauten wieder aufs Podest.
Leider vermochten auch dise Fachplaner nicht, den Sinn des Satzes zu entschlüsseln: „Scharoun… verkörperte die Funktion eines Baues, verindividualisierte sie, verkleinerte sie aufs den Maßstab der lokalen Gemeinschaft, die auch die Baukundschaft sei.“

Wir von „insterJAHR“ suchen nach Wegen zur Entwicklung, und zwar nicht nur der Architekturentwicklung. Wir finden sie auch in Scharouns Werken, allgemein gefaßt — im Umgang mit baulichen Erbe, in der Hinwendung zu ihm, um darauf empor zu wachsen. Die Architekten der Scharounschen Wiederaufbauzeit standen unter schwerstem Kostendruck, verfügten weder über ausgebildete Handwerker, noch ausgesuchte Baumaterialien — doch sie schufen eine zutiefst örtliche, preußische Architektur. Schaffen es wir, ihre Gedankenwege nachzuvollziehen, so gelingt es auch uns, neue preußische Archirtektur zu stiften, auf daß der Wunsch „StrojInterjers“ aufgehe, aus dem „insterJAHR“ werde „ein Mittel… architektonische und restaurative Wirkweisen in alle Kleinstädte Nordostpreußens zu bringen, von denen eine jede Stadt ein Unikat sei.“

Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert