"Flüsse haben auch zu atmen…"

Ende Januar—Anfang Februar arbeitete die hydrologischen Expedition der Moskauer Lomonosow-Staatsuniversität im Nordostpreußischen. Hof gehalten wurde von den Jungewissenschaftlern in Insterburg, in den Räumen des Industriepädagogikums. Zum Fortgang der Expedition und den vorläufigen Ergebnissen erzählte auf den Seiten des Lokalblattes „Polüs+TV“ ihr Leiter, Doktoranwärter in geographischen Wissenschaften, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Festlandhydrologie Denis Ajbulatow. Das Interview führte Galina Kaschtanowa-Jerofejewa.


— Was bezwecken Sie mit Ihrer Expedition?

— Jedes Jahr, winters wie sommers, entsendet unser Lehrstuhl seine Studenten und seine Lehrer auf Forschungsreisen. Die Studentisch-Wissenschaftliche Gesellschaft bietet dafür den Rahmen. Hier sind wir 18 Mann: 6 Lehrer und 12 Studenten verschiedener Semester, vom 1. bis zum 10.; gebürtige Moskowiter, dem Moskauer Umland, Barnaul, Saratow, Joschkar-Ola, der Region Krasnojarsk. Unser Hauptziel ist es, im Winter eine umfassende wasserkundliche Untersuchung nordostpreussischer Gewässer durchzuführen.

— Warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf diese Region?

— Wir entschieden uns für ein Gebiet, den wir noch nicht untersucht, wo unsere Expeditionen noch nie zugange waren. Für uns war es also eine Art „blinder Fleck“. Wir wollten in die Schlüsselregione, wo Flüsse aus dem Ausland, aus  Polen und Litauen kommend, in den Pregel münden. Wir wollten verstehen, wo die Quellen ihrer Verunreinigung seien,  das hydrologische Regime untersuchen, ferner den Flußbett-Wandel, die Wasserqualität, die elektrische Leitfähigkeit, die chemische Zusammensetzung, den pH-Wert, den Sauerstoffgehalt, die Temperatur, die Trübung, die Art der Bodensedimente. Wir wollten den Wasserdurchgang bestimmen, die Tiefen und Breiten vermessen, eine Pegelstation einrichten. Ferner interessierten uns die Schneedichte und die Mächtigkeit der Wasserreserven in der Schneedecke.

— Welche Flüsse zoget Ihr ein in die Untersuchung?

— Im Osten der Region werden wir kaum eines übersehen haben. Wir waren auf der Rominte, auf der Pissa, der Angerapp, der Inster, den Pregel hinunter bis nach Tapiau, die Alle, die Deime und anderen mehr.

— Mit welchem Ergebnis?

— Noch ist es zu früh, von Ergebnissen zu sprechen. Hydrologische Testreihen führten wir durch, entnahmen Proben, von denen einige bereits hier im Expreßlabor behandelt wurden. Weitere Arbeit an einem Teil dieser Proben wartet auf uns in Moskau, im hydrochemischen Laboratorium der Universität: dort wird die Analyse eingehender sein. Auf dieser Grundlage werden Berichte vorbereitet, die an den jährlichen Lomonosow-Lesungen der Lomonosow-Universität präsentiert werden.

— Was können Sie über die Stadtgewässer Insterburgs sagen?

— Wir nahmen Proben vom Abwasser, welches im Stadtgebiet in die Angerapp geleitet wird. Was soll ich sagen, verunreinigt ist es. Die Quellen dessen wird die Probenanalyse liefern, doch es sind einfach zu viele und zu schmutzige, gar stinkende! Und all das fließt ungehindert in den Hauptlauf.
Die Ufern waren uns im Stadtgebiet ein besonderes Thema, sowohl auf der Augerapp wie auf der Inster: es gibt Unterspülungen, die gefährlich nah an die Gebäude heranreichen. Das Risiko eines Absturzes ist gegeben. Erosionsgefährtdete Stellen haben wir kartiert.

— Wir haben nicht wenige Wasserbauten: wie bewerten Sie ihren Zustand?

— Leider sind die wassertechnischen Bauwerke allesamt verstopft, über und über mit Müll zugedeckt und verschlammt. Bis der Frühling kommt, müsse man sie reinigen, sonst droht Gefahr beim Frühlingshochwasser. Besondere Werkzeuge und Vorrichtungen sind hierzu nicht vonnöten: man räume einfach den Müll weg, der die Wasserbereitungsanlagen verstopft, und schon ist man der Flutgefahr entkommen. Von anderen Ländern sollte man lernen; in Polen wie Deutschland wir der Gewässerproblematik eine wesentlich größere Rolle zugewiesen, und dennoch kämpfen sie dort mir gewaltigen Problemen, gar Menschenleben seien zu beklagen.
Gewässer gehören überwacht, sie müssen atmen können, ganz so, wie die Menschen es tun. Die Gewässerpflege soll eine hohe Priorität haben, und nicht zulassen, was an einem der oberen Tschernuppe-Teiche geschah: da hat einer den Auslauf aus deutscher Zeit einfach mit Beton verfüllt und einen unbefestigten Ersatzgraben ausgehoben — mit den vorhersehbaren Folden, es entwickelt sich dort eine gefährliche Unterspühlung.
Bekanntlich hatte Ostpreußen ein komplexes System von Entwässerungsanlagen: wir müssen es nur richtig betreiben können. Vielleicht sollte ein Zweckprogramm zur Wiederherstellung und wirtschaftlicher Ausnutzung seiner ins Leben gerufen werden.

— Diesjährig hatten wir viel Schnee, was können nach Ihrer Sicht die Folgen sein?

— Eine Hochwasservorhersage gibt ihnen das Wetterbüro. Dafür brauchen sie aber eine Menge Daten: von der Wasserscheide, von den anderen Überschwemmungsgebieten (ob es da auch schon taue), von der allgemeinen Wetterlage. Dann erst mache man seine hydrologischen Berechnungen. Wir, anhand unserer Forschungen, können den Wassertechnikern Vorschläge bereiten. Diese werden sie für die Sicherheit ihrer wassertechnischen Anlagen nutzen können.

— 2010 fand in der Stadt das erste „insterJAHR“ statt, ein Projekt, „im Kulturerbe Insterburgs eine Entwicklungsgrundlage Tschernjachowsks“ zu sehen. Unter anderem wurde dort vorgeschlagen, die Schloß- und Parkteiche wiederherzustellen: können Ihre Forschungen hierzu nützlich sein?

— Der Einsatz der Hydrologen wird in jedem Fall vom Nutzen sein. Um die Teiche anzugehen, wird man die Daten unserer Messungen brauchen: die Teiche sind nämlich voller Schlamm, die Schicht ist 30 bis 40 cm stark, darunter leiden die Fische und die Algen gedeihen umso mehr Nützlich können auch unsere Berechnungen des Wasservolumens  werden, die Bestimmung des Wasserhaushaltes (wieviel Wasser fließe ein, wieviel fließe wieder ab), die Abschätzung des Verschlammungsgrades des Teichbodens, der schwankenden Wasserstände, der Verdrängungszeiten, der Natur des Wasserkreislaufs und der Wasserqualität.

— 10 Tage waren Sie hier bei uns, was sind Ihre Erlebnisse?

— Als wir hinfuhren, wußten wir nichteinmal im Geringsten, was alles Neue auf uns zukomme: es ist, als seien wir auf einem anderen Planeten! Die Natur ist der uns vertrauten gar nicht so anders, die Gewässer hingegen schon. Man spürt die Menschenhand an ihr, doch wo war der Eingriff genau? ward der eine oder andere Fluß geformt, oder formte er sich selbste?..
Ihre Stadt atmet europäische Geschichte. Man kommt sich wie im alten Film der Großvaterszeiten vor. Ganz angetan waren wir von den Menschen im Ort: herzlich, freundlich, ansprechend und hilfsbereit. An unserem Werk waren sie sehr interessiert. Da gab es z.B. einen ehemaligen Schiffskapitän in Tapiau, der sich nicht zu schade war, uns von den Tiefen, den Engpässen und anderen Besonderheiten der Deime und des Pregels zu berichten, wo er einst selbst die Schiffe lenkte. Die Insterburger Verwaltung begrüßte unser Kommen und war sehr freundlich; Rat und Anleitung kamen z.B. von der Abteilungsleiterin Architektur und Städtebau, Frau G.W.Prokoptschuk, aber auch von den Fachleuten des Katastrophenschutzes oder von der Fachschule, die uns Unterkunft bot. Besonderer Dank gilt Eugen Welitschko, Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik, und für das packende Kulturprogramm haben wir der Burgmannschaft zu danken — alles Leute, die ihre Stadt kennen und lieben.

— Plant Ihr Lehrstuhl weitere Expeditionen in der Region?

— Im Sommer, hoffe ich, wird unser Fach hier wieder zugange sein.

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