„Die „Bunte Reihe“ in Insterburg war 1919 das Erstlingswerk des Architekten. Seitdem wurde sie nicht saniert“, schreibt Eva Hieber in den „Wolfsburger Nachrichten“:
Solidarität mit der „Bunten Reihe“: Im Scharoun-Theater sind derzeit Schals, Tücher, T-Shirts und Kappen ausgestellt, deren Erwerb in die Sanierung des Erstlingswerks des Architekten Hans Scharoun fließen soll. Denn die „Bunte Reihe“, eine Mietshaussiedlung im heutigen Insterburg, Kaliningrad, ist in einem desolaten Zustand. Mehr noch: 2014 wurde sie zu einem der „Sieben meistbedrohten Kulturdenkmäler Europas“ nach Europa-Nostra erklärt, wie die Scharoun-Gesellschaft erklärt.
Die Siedlung in der Kamswyker Allee besteht aus zwei zweigeschossigen Stadtvillen und 16 zweigeschossigen Reihenhäusern, wie die Scharoun-Gesellschaft erläutert: 1919 gebaut, sind sie die ersten eigenen Bauwerke des Architekten, der 1966 bis 1973 auch das Wolfsburger Theater entwarf. Grund genug für das Schauspielhaus, sich für den Erhalt der Bauwerke einzusetzen, sagt Dramaturg Christian Mädler: „Unser Haus wurde gerade erst aufwendig saniert, weil wir das Glück hatten, von der Stadt finanziert zu werden.“ Das sei nicht selbstverständlich. Zudem wolle das Theater die Gäste für das Gesamtwerk seines Architekten sensibilisieren: „Hans Scharoun hat neben dem Theater auch andere Bauwerke entwickelt, die wichtig und erhaltenswert sind“, so Mädler.
Wer sich mit der Bedeutung der „Bunten Reihe“ nicht nur für das Werk Hans Scharouns, sondern auch für die Architekturgeschichte auskennt, ist Dimitri Suchin. Der Berliner Architekt ist im Vorstand der Scharoun-Gesellschaft aktiv und hat den Verein Kamswyker Kreis gegründet, der die Sanierung der denkmalgeschützten Bauwerke in Insterburg anstrebt. „Die Gebäude sind der Beleg dafür, dass Scharouns ‚bunte Phase‘ nicht bloß aus Fantasien bestand, sondern sie tatsächlich in die Tat umsetzte“, so Suchin. Die Siedlung sei erst die zweite Manifestation des „Bunten Bauens“, so Suchin weiter — eine Strömung, die sich nach dem Ende des ersten Weltkriegs von den tristen Farben und der überbordenden Stuckatur der Architektur der Kaiserzeit abwandte, um einfachere, aber farbenfrohe Gebäude zu favorisieren. Zuerst wurde diese Strömung in der Gartenstadt Falkenberg, auch Tuschkastensiedlung, in Berlin von Bruno Taut verwirklicht, der den Aufruf zum farbigen Bauen initiiert hatte. Seine Siedlung steht auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.
„In der ‚Bunten Reihe‘ brachte Scharoun viele Farbtönungen zum Einsatz. Ein Haus mit gelber Fassade hatte zum Beispiel blaue Putznischen und rote Fensterläden“, so Suchin. Heute ist von der ursprünglichen Farbgebung nicht mehr viel zu sehen — was aus Suchins Sicht aber auch Vorteile birgt. „Die Häuser sind noch im Originalzustand — das bedeutet für uns als Bauforscher ein großes Glück“, so der Architekt.
Nichtsdestotrotz sollen die Gebäude, die vornehmlich in Privatbesitz sind, komfortabler werden. Eine Gasheizung sei erst im vergangenen Jahr angebracht, so Suchin, zudem seien die Dächer in einem schlechten Zustand, Keller stünden voll mit Wasser, einige Bewohner nutzten Styropor als improvisiertes Dämmmaterial. „Wir können die nötigen Arbeiten aber nicht selbst durchführen — dafür brauchen wir nicht nur Geld, sondern auch engagierte Architekten, Handwerker und Restaurateure“, so Suchin.
Diese Bemühungen kann unterstützen, wer die T-Shirts, Schals, Tücher und Kappen erwirbt, die im Scharoun-Theater ausgestellt sind. Die Devotionalien können Gäste an der Abendkasse ansehen. Der Verein verkauft sie auf Anfrage per E-Mail für zwischen 15 und 25 Euro. „Wir freuen uns über jegliche Unterstützung“, betont Dimitri Suchin.
