„insterJAHR“ steht für alte, vielleicht schon abgegriffene, doch unveränderlich wahre Wahrheit: geistiges und materielles Erbe vergangener Generationen ist mehr als bloßes Museumskram, Arbeiten an ihm — mehr als Realitätsverweigerung. Unendliche Schätze liegen hier verborgen und können — ja sollen! — zur Verbesserung des jetzigen Lebens, zur Quelle neuer Ideen, zum Einsatzort fleißiger Hönde werden.
Seit Sommer 1992 hält die Europa-Assamblee der Architekturstudenten (EASA) neben ihren europaweiten Sommerschulen mit an die 500 Mann Beteiligung auch kleinere regionale Treffen ab, die den Namen SESAM erhielten (Small European Students of Architecture Meeting). Nacheinander durchliefen diese Zusammenkünfte Spanien, Deutschland, Lettland, Slowenien, Kroatien, England, Weißrußland, Jugoslawien, Litauen, der Schweiz, Ungarn, Bosnien; im Jahre 2010 ist endlich Ostpreußen an der Reihe. Ja, Ostpreußen: wenn auch hauptmäßig von Rußland organisiert und als Teil des „insterJAHRes“ zu Insterburg veranstaltet, fange diese Aktion zu Danzig an und komme erst zu seinem Ziele, wenn die Stationen in Marienburg — Allenstein — Gerdauen — Friedland durchlaufen sind.
Der Geschichte und Gegenwart Ostpreußens begegnet, kommen junge Archiekten und Architekturstudenten in Insterburg an, um sich der Frage zu stellen, mit welchen Lösungen und -Ansätzen sie in die Reihe jener treten wollen, die vor ihnen, aus vielen Landen kommend, Preußen immer wieder neu erfanden: in 1230—1286—1336—1525—1724—1772—1915—1946? Eine Frage, die umso bedeutssamer erscheint, als daß sie vor etwa einem Jahrhundert bereits einmal genauso formuliert vor genauso jungen unerfahrenen Bauanwälten stand, die die im Ersten Weltkriege verwüstete Provinz wiederaufbauen sollten. Jene 500 Jungarchitekten (Hans Scharoun mitgezählt), von denen die wenigsten zuvor je in der Provinz gewesen, lösten ihre Aufgaben souverän — wird die neue Generation, die hier genauso Kriegsruinen vorfindet wie ihre Altergenossen davor, neue Schlüsse aus alten Spuren ziehen können?
Ein SESAM bereite mehr als Stegreif-Entwürfe und Ausstellungen vor: Installationen, Farbaktionen und Raumgestaltungen sollten die Teilnehmer dieses Treffens zusammen mit den Handwerkern der Lehrwerkstätten auf den Straßen der Stadt entstehen lassen, und den Bewohnern zeitens des Stadtfestes mit ihnen Rede und Antwort stehen.