Verbinden: unter diesem Motto stand der Auftritt des Kamswsyker Kreises beim Forum-2016. Diesem Wort bleiben wir beim Forum in Insterburg treu und blicken zurück auf 2017 — aber auch voraus.
Wir im Kamswyker Kreis kamen zusammen wegen der Bunten Reihe, die wir morgen auch noch besuchen werden. Vorab die Eckdaten: 1921 erster Bauabschnitt, 1924 Gesamtfertigstellung, 2010 vorläufiger Denkmalschutz, 2014 „Europas meistgefährdetes Kulturerbe“, 2016 „Eines der herausragenden Bauwerke des 20. Jahrhunderts“, 2017 ein Geschichtsdenkmal von gesamtstaatlicher Bedeutung. Wir sind wenige und die Aufgabe enorm — doch wir haben ein Konzept. Von EIB und EuropaNostra gelobt, leider nicht gefördert.
Es fehlt nicht am Störfeuer: den Vorschlägen, uns von der Denkmalliste zu nehmen. Ausgerechnet seitens alter Weggefährten, des Alten Schlosses. Auch nicht an den Niederungen des Alltages. Wir gehen trotzdem oder gerade deswegen in die Welt hinaus: unsere Ausstellungen „Hans Scharoun in den Aufnahmen von Carsten Krohn“ und „Hans Scharoun, Baumeister der Träume“ sahen Moskau und Königsberg, Minsk und St.Petersburg, zuletzt Rostow-am-Don. Es kommt was zurück: eine Hans-Scharoun-Monographie erschien, ein Architekturführer Königsberg kommt, in der Großen Rußländischen Enzyklopädie steht über ihn schon ein Artikel. Doch was am ehesten das Herz wärmt, sind Berichte, die unaufgefordert Ostpreußen und Insterburg mit anführten. Hier vom WDR und dem Kulturradio aus Moskau:
Wir sicherten Scharouns Insterburger Vitrinen-Schrank: 2019 soll die „Schrankwanderschaft“ / „Странствия шкафа“ über Insterburg, Bremerhafen und Löbau zurück nach Insterburg finden. Aus den Akten in Berlin erschloß sich ein weiteres Scharoun-Bauwerk hier in Sodehnen. Der Schutzantrag kam zu spät — wir retteten auch aus diesem ein Schrank.
Die Stadtbehörden hatten gestern schon unseren inzwischen traditionellen Gabentag, mit Bildvorlagen für die Aula des einstigen Gymnasiums, das heutigen Insterburger Rathauses. Das Stadtmuseum bekommt eine hiesige Geburtsurkunde aus dem 18. Jahrhundert und anderes mehr. Die Ausstellungen Malers und Graphikers Prof. Hans Orlowski, mit dem Provinzialarchiv Limburg, von Otto Rohse, mit Prof. Iwan Czeczot (St.Petersburg), oder über die alte Reichsstraße R1 kommen 2019, vielleicht auch 2020.


Auch soll es eine seit 2012 immer wieder im Gespräch gewesene Ostbahn-Ausstellung geben, und vielleicht auch unser Rundlokschuppen-Erläuterungs-Projekt in Erfüllung gehen, für den wir dieses Jahr keine Förderung bekamen: vor jedem Ostbahn-Rundlokschuppen wollten wir ein bekletterbares Beton-Abguß aufstellen. Richtet man sein Smartphone darauf, wird es mit einem virtuellen Modell überblendet, mit Filmen und Texten. Klassik mit Haptik und VRML vereint. Die Kostenangebote liegen vor…
Die Insterburger Lehrwerkstätten: seit gut 10 Jahren sprechen wir von ihnen. 2018 war ein europäisches Kulturerbejahr; wir waren mit ihnen auch darin vertreten — als einziges Projekt in Nordostpreußen. Und nun ist die Vereinbarung, die wir 2010 mit dem Denkmalzentrum Görlitz und der Bauschule Königsberg abschlossen, 2011 auf das Pädagogikum Insterburg und das Polytechnikum Gumbinnen ausgehnten, zur Grundlage eines Vertrages über gemeinsame (Bau- und Denkmal-)handwerkliche Ausbildung der Fachschulen der Provinz Königsberg und des Landes Schleswig-Holstein geworden. Die Lehrmeister stehen bereit: bei der Leipziger Denkmal-Messe und -Kongreß Ende November wird endlich die Zusammenarbeit von ICOMOS-Verbänden Deutschlands und Rußlands besiegelt, mit Ostpreußen als einen herausragenden Feld dafür. Nicht verwunderlich: entsprungen ist er der „2. ostpreußischen Patenschaft“, schon beim Berliner Forum ausgelegt.



Beim Berliner Forum gab es schon Probestücke der „Menschen machen die Stadt“-Tafeln: auch diese Idee, beachtenswerte Stadtbewohner aller Zeiten auf den heutigen Straßen erlebbar zu machen, harrt noch ihrer Verwirklichung. Forschungsthema diesen Jahres: die Bekennende Kirche, denn Insterburg war eines ihrer Zentren in Ostpreußen. Reaktion der lutherischen Gemeinde — keine. Der orthodoxe Bischof hingegen zeigte sich dagegen interessiert und auch der neue Bürgermeister.
Gemeinsam mit ihm wollen wir das angehen, was die Stadt sich im Fußballfieber an Problem schuf — die haaresträubenden Hinweistafeln. Es prangt vor der Pestalozzischule ein Hinweis auf dort gewesenen „göttlichen Erscheinungen“, am Gymnasium auf ein Konzert „zeitlich vor“ den „Insassen der Stadt“ und an der Bürgermeister-Villa jenes auf ein „Gewerkschafts-Rindfleisch“ auf dem „Kommunisten-Hügel“. Soll weg.
Pünktlich zur diessommerlichen Hitzewelle eine Karte von „Eis Hennig“. Beflissene Westberlin-Reisende werden sie erkennen — sie prangte dereinst auf dem beliebten „Ostpreußenbecher“. Im Angebot war auch noch ein „Lorbaßbecher“: wußten sie, daß die moderne Form des Eisdarbietens im Becher auf die Ostpreußen Franz und Aloysius Hennig zurückgehe? — wir nicht. Zusammen mit den Erben versuchen wir derzeit, die Rezepte beider Becher verbindlich festzulegen, aufdaß auch dieses Kulturerbe uns nicht verloren gehe.

Bei der Veranstaltung wurde Dimitri Suchin, dem Vorstand des Kamswyker Kreises, für die geleistete Arbeit die Silberne Ehrennadel der Landsmannschaft Ostpreußen überreicht.
