Hinein tritt der Mythos

Ein Betrag von Dimitri Suchin für „Project Baltia“-Magazin:

„Unvergessen sind eure Namen“, erklang es von den Denkmalsockeln noch vor kurzem. Nun aber sind die Jahre vergangen, mit ihnen die Zeugen, manches fand sich in der Metallsammlung wieder. Die „Ewigen Flammen“ haben neuerdings Schalter und werden zuweisen als „satanische Flamme“ verschriehen: Unwissenheit und Schmutzdeutung allerorten. Was kann man dagegen tun? Der Ideenwettbewerb für ein modernes Denkmal für den General Iwan Tschernjachowskij, „NEU-TSCHERNJACHOWSKIJ“, in der Kaliningrader Provinz im Frühjahr und im Sommer 2011 ausgetragen, suchte nach Antwort im Felde der modernen (und gutmütigen) Mythenbildung.

Ein Ansatz, der hier nicht so ortsfremd wäre. Seit dem Tage an, als Insterburg 1946 zu Ehren von Tschernjachowskij gewidmet wurde, geht der Gerücht um, er wäre irgendwo hier ums Leben gekommen. Das, was die offizielle Geschichtsschreibung nicht vollständig erklärt, wird so zum stimmigen Ganzen – wäre er nicht hier gefallen wäre, hätte man doch kaum die Stadt nach ihm genannt? Neuerdings wird auch ein Stadtfest an Tschernjachowskijs Geburtstag gefeiert. Die örtlichen Kommunisten sind fest davon überzeugt, dass der General sowohl ein bedeutender Historiker wäre überhaupt ein Stadtbewahrer. War er nicht? – kann aber noch werden! War in der Geschichte schon ein Mal geschehen; hätte noch einer des historischen Grafen Hruotland gedacht, wenn er nicht ein von ihm abgeleitete Roland, der Verteidiger der städtischen Freiheiten, an jedem zweiten Rathaus gestanden hätte?

Von hier aus ist es kein großer Schritt bis zur Erhebung General Chernyakhovskys zum „Schutzengels“ im Generalsrang. Dies wohlbemerkt ist noch nicht geschehen, kaum ein Stadtbewohner von Heute kenne das „Rolandlied“. Ihnen kam Illarion Pikin zuvor, mit einer über den Straßen schwebenden Gestalt. Sicherlich zeichenhaft, aber realistisch? Statt einem Schutzengel könnte da leicht ein Prallballon zum Schweben kommen. Der Autor sah dies vor und beschränkte sich in seinem Wettbewerbsbeitrag auf eine einzige Skizze.

Ein «Friedenstor» schufen Olga Baschnina und Wjyatscheslaw Lütynskij, mit Tschernjachowskij als Torwächter oder Toröffner, denn dieses, gleich hinder der Soldatengrabanlage angeordnet, sollte auf ewig offen stehen: ein neuer Eingang zu einer friedlichen Landschaft. Entwerferisch sauberer wäre es, jenes Tor unbetretbar zu lassen, die angeordneten Brücklein und Versammelplatz schwächen die Idee nur. Der Namensschwiftzug in Arial macht sie zu einer Groteske.

Gar eine neue Planunterlage zeichnen Ekaterina Daniltschenko und Alexej Jakimenko, auf daß die Stadt peu-a-peu zu einem Generalsporträt werde, inklusive der Brlumenrabatte, der Pflastersteine, der Dachfalten und der Parkwege. Ähnlich wollten die Städte der Renaissance vom „Goldenen Schnitts“ durchdrungen sein, so war auch der „Modulor“ gedacht. In der Zeichnung zitiert, erschweren die Begriffe die Lesbarkeit nur. Dies sind interpretierende Entwürfe, die so tun, als wären sie schon immer hier gewesen. Man schafft eine „neue Vergangenheit“.

Es gab auch Vertreter der „neuen Gegenwart“, die nicht etwa versuchen, durch verblichene Rituale die grundsätzliche Unzugänglichkeit des Erinnerungsobjekts zu verdecken. So waren die schwarzen Primformen ohne Fenster, Tür und Inhalt, von Aristarch Zifrow und Archip Poitschschi auf den Straßen und Plätzen aufgestellt. So war auch ähnlich positioniertes Militärkenotaph von Iri Grabmüller, wie ein neues Vineta vom Boden des Teiches aufgestiegen. Die Toten bewahren das Licht des Andenkens, die Lebenden dürfen keinen Kranz an ihm ablegen, sodaß das Auf- und Abtauchen ewiglich bleibt. Während die schwarzen Primformen wenigstens sprachlich mit Tschernjachowskij verwandt sind („Tschernyj“ bedeutet „Schwarz“), gibt es im Seeraster nichteinmal diesen Bezug. Seine zuleitende Treppe dezimiert ihn, die darauf sitzenden Figuren wirken träge und bezugslos.
Wohl gab es auch eine «neue Zukunft», frei von den entflogenen Geistern der Vergangenheit. Asya Damadzic, Leila Brgulya und Merima Aličić sonderten einige Straßenblöcke als Stadtmuseum ab; alles geschichtlich wertvolle sollte wohl dorthin verbracht werden. Danila Owtscharenko, Maria Maschnitzkaja, Fjodor Trotzki und Stanislaw Kaczynski zeichnen sich durch noch geringeren Flächenverbrauch aus: Geschichte in Gestalt alter Büsten und Heldenfiguren wird in einer Art Hochhausregal hineingestapelt. Lebhaft kann man sich vorstellen, daß auch die Bewohner den Statuen auf dem Fuße folgteb: erst befreit man das Land von den Denkmälern, dann von der Erinnerung an einen selbst. Gesichtsende im Namen Tschernjachowskijs? Doch Tschernjachowsk ist kein Kaliningrad, die halbe Stadt ist hier „geschichtlich wertvoll“, an Bildnissen dagegen gibt es ein Mangel. Die Autoren sahen das auch, ihre Präsentation stellt der hiesigen Tschernjachowskij-Statue, dem Barclay de Tolly und dem Jäger vom Wappenschild andere zur Seite: einen Judoka-Putin, einen Hitler-Stürmer, einen Stalin wie er zu Leningrad vor dem Ostseebahnhof stand, einen Napoleon aus Rouen und sogar eine fackeltragende Freiheitsstatue aus New York. Dabei gibt es in der Stadt sehr wohl noch einen Lenin, einen Napoleons und einen Peter den Großen.

Die Gewinnerwerke sind anderes. Da wäre eine dem Tschernjachowskij gewidmete Idealstadt am Rande der existierenden Stadt, eine Quelle kommender Erneuerung für Ort und Name (Sophie Panzer) – und ein kämpferischer Zentaur, der durch die umliegenden Felder und Wäldchen streift (Ekaterina Daniltschenko). Beiden gelingt es recht gut, an die Person und an den Ort zu verweisen.
Altpreußische Städte waren Vierecke und die neue Tschernjachowskij-Stadt ist es ebenso, sie ist autark wie auch die vorherigen Neustädte es waren. Den Ruhm Insterburgs bildeten dereinst Reitturniere – das Herzstück der neuen Stadt ist die Pferderennbahn, um die Wohnsiedlung von Scharoun gezirkelt als wäre dies eine neu-aktikes Wettkampf-Trophäum. Reizend und umsetzbar, die Idee, doch woher die Siedlner nehmen, um das Umland zu bevölkern? Neue Lokatoren müssen da her.
Nun aber kommt ein Held aus einer anderen Zeit: ein Ritter, ein Künder, ein Schützer, einem Roland gleich. Ein Archetyp, dem Heute abgerückt. Zwei in einem verbindend, wie die Neustadt die Kräfte beider Stadtepochen in sich vereinend. Er kann sogar ein Befreier vom unnützen Altkram werden: der Panzergeneral wird zum Zentaur aus Panzerstahl und klingender Bronze, erhebt sich aus Arsenalen, in denen so manche Antiquität noch zu finden sein wird. Der Koloß wird sogar imstande sein, seine Stadt an einem Festtage gar zu betreten…

Zwei Lösungen zur Auswahl, hier ein Halbgott und Heldenmentor, da eine neue Stadt aus alter Wurzel. Man hätte meinen können, allseitige Unterstützung wäre ihnen sichder. Doch nichts dergleichen! Die Eiferer des sowjetischen Kanons, die ihren Mythos als Tatsache verehren, weigern sich zu sehen, auf welch´ unsteten Boden sie stehen. So verkommt der Paradeplatz am Fuße deren Denkmals, und die Geschichte zerrinnt selbst bei denen, die selbst noch an diesem Platze zur Parade standen. Städtischer Denkmalschutzrat zeigte sich außerstande, über etwas als die Vorzüge der Triumphbögen gegenüber bestirnten Obelisken zu dozieren.

Warten wir ab, was deren Kinder zum Thema sagen. Oder die Touristen. Oder die Fallschirmjäger bei ihrem Sommerfest.

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